# taz.de -- Pflegereform der Bundesregierung: Vorsorge für alle
       
       > Die Regierung will Pflegebedürftigkeit verringern – nutzt dafür aber den
       > falschen Ansatz. Warum Prävention früher beginnen und umfassender sein
       > muss.
       
 (IMG) Bild: Wer die Zeit hat: jung Treppen steigen, damit es im Alter auch noch klappt
       
       Die Bundesregierung will mit ihrer Pflegereform viel verändern. Laut dem
       aktuellen Referentenentwurf sollen Menschen ab dem 60. Lebensjahr zukünftig
       Anspruch auf gezielte Vorsorgeuntersuchungen haben. Damit soll vor allem
       Pflegebedürftigkeit verhindert werden.
       
       2023 waren über 5 Millionen Menschen laut Statistischem Bundesamt in
       Deutschland auf [1][pflegerische Hilfe im Alltag angewiesen] – und bis 2055
       soll die Zahl um bis zu 34 Prozent steigen. Um das dadurch drohende
       Milliardendefizit der Pflegeversicherung zu decken, soll die Anzahl der als
       pflegebedürftig anerkannten Menschen verringert werden. Kann das mit den
       geplanten Vorsorgeuntersuchungen gelingen?
       
       Matthias Schömann-Finck, Professor an der Deutschen Hochschule für
       Prävention und Gesundheitsmanagement, ist nicht überzeugt: „Die Idee von
       ‚Wir haben jetzt einen Tag X und ab dem machen wir Prävention‘ ist nicht
       die allerbeste Lösung.“ Obwohl späte Vorsorge besser sei als gar keine.
       
       ## Stufen der Prävention
       
       Spricht man von Vorsorge, ist oft die sogenannte Primärprävention gemeint.
       Sie versucht, Erkrankungen vorzubeugen wie beispielsweise Diabetes oder
       Herz-Kreislauf-Erkrankungen – häufige Ursachen einer späteren
       Pflegebedürftigkeit. Die Sekundärprävention dient wiederum der
       Früherkennung von Krankheiten.
       
       Die [2][Pläne der Bundesregierung] beziehen sich aber auf die sogenannte
       Tertiärprävention. Das heißt, es wird erst, nachdem eine Krankheit
       ausgebrochen ist, versucht, Schlimmeres zu verhindern. Daran zeigt sich,
       dass die Bundesregierung mit ihren Bestrebungen am falschen Ende ansetzt.
       
       Denn dass man gar nicht erst pflegebedürftig wird, dafür liegt der Hebel
       oftmals weiter vorne in der Biografie: „Wenn Kinder aktiv sind, gesund
       essen und später gar nicht erst anfangen zu rauchen, dann werden sie mit
       großer Wahrscheinlichkeit auch aktive Erwachsene“, erklärt Schömann-Finck.
       Das wiederum erhöhe die Chance, im Alter ohne fremde Hilfe leben zu können.
       
       Auch laut der zweiten [3][Berliner Altersstudie], an der unter anderem die
       Forschungsinstitute der Charité und der Humboldt-Universität beteiligt
       sind, können Menschen, die früh in ihre Gesundheit investieren, den
       Eintritt in die Pflegebedürftigkeit spürbar nach hinten verschieben.
       Manchmal um Jahre.
       
       ## Keine Motivation da
       
       Doch ob jung oder alt: Die Menschen in Deutschland bewegen sich [4][laut
       Studien] zu wenig, sie rauchen zu viel, sie essen zu viel Zucker. Ist es
       nicht Motivation genug, sich die Schuhe im Alter selbst zu binden, die
       Enkelin auf den Arm nehmen zu können und die Treppen zur eigenen Wohnung
       hinaufzukommen? „Wir sind nicht gut darin, Kausalitäten zu ziehen“, sagt
       Schömann-Finck. Denn Pflegebedürftigkeit ist etwas, das man zwar kennt,
       aber es nicht richtig versteht – so lange, bis man selbst oder Angehörigen
       betroffen sind. Vorher wird sie selten zum Antrieb, um gesünder zu leben.
       
       Schömann-Finck rät: „Wenn ich mich jetzt regelmäßig bewege, dann bekomme
       ich keinen Bandscheibenvorfall. Das sind alles Projektionen in die Zukunft,
       statistische Wahrscheinlichkeiten.“ Gleichzeitig sei es schwierig, Menschen
       das klar zu machen.
       
       ## Sportkurs für Vielsitzer
       
       Die Bürger:innen gesünder machen, sollen auch die Angebote der
       Krankenkassen. Sie heißen „Vielsitzer-Sport-Kurs“, „Rücken fit“ oder
       „Kraftausdauertraining im Fitnessstudio“ und werden zum Teil finanziell
       bezuschusst. „Vermutlich erreichen die aber eher Menschen, die ohnehin
       gesundheitsinteressiert sind. Nicht aber den 26-jährigen männlichen
       Industriearbeiter“, so Schömann-Finck. Ohnehin seien junge Männer die
       Gruppe, die bezüglich Prävention schwer zu erreichen sei.
       
       Statt der geplanten Maßnahmen des Bundesregierung wünscht er sich deshalb
       mehr Setting-Ansatz: Dabei geht es darum, die Umwelt der Menschen so zu
       gestalten, dass sie von sich aus gesünder leben. Schömann-Finck stellt sich
       das so vor: „Vielleicht gehe ich eher joggen, wenn ich einen beleuchteten
       Park in der Nähe habe. Vielleicht fahre ich eher mit dem Rad zur Arbeit,
       wenn ich durch sichere Wege auch heil und gesund ankomme.“
       
       ## Ein Frage der Ressourcen
       
       Für die Leiterin der Einrichtung „Die Kümmerei“ in Köln, Birgit Skimutis,
       ist ein gesunder Lebensstil keine Frage der Motivation, sondern der
       Ressourcen. Sie gibt Beispiele: Man könne von einer Mutter nicht verlangen,
       dass sie ihrem Kind keinen gesüßten Eistee geben soll, wenn sie ganz andere
       Sorgen habe. „Etwa, wenn sie nicht weiß, ob sie in den nächsten drei
       Nächten abgeholt und ins Flugzeug gesetzt wird oder die nächste Miete nicht
       zahlen kann“, sagt Skimutis. Prävention von Armut sei auch gesundheitliche
       Prävention.
       
       Die Kümmerei ist eine Anlaufstelle der Herznetzcenter GmbH für Menschen im
       Stadtteil Köln-Chorweiler, die Soziales und Medizin zusammenführt. An ihr
       wird deutlich, dass für ein gutes Leben im Alter der Begriff der Prävention
       über seine klassisch medizinische Bedeutung hinaus erweitert werden muss.
       Und sie zeigt auch, dass die Idee von dem einen Tool für alle nicht
       funktioniert.
       
       „Instrumente wie die Reha setzen immer zu weit hinten an. Besser wären
       Gesundheitslots:innen“, sagt Skimus. Sie meint damit ein ganzheitliches
       Konzept. Denn es sei ein sehr komplexes, umfangreiches Arbeiten in den
       einzelnen Sozialräumen. Das brauche es aber, weil jeder Sozialraum anders
       ist, sagt Skimutis.
       
       ## Drängende Probleme zuerst
       
       Wie weit echte Prävention gegen Pflegebedürftigkeit greifen sollte, zeigt
       sich am Beispiel einer Klientin der Kümmerei: Eine Mutter will eigentlich
       Hilfe bei einem Schreiben vom Jobcenter. Stattdessen vermittelt und
       begleitet das Team die Frau zunächst notfallmäßig in eine nahegelegene
       Frauenarztpraxis. Denn neben ihrem Problem mit dem Jobcenter leidet sie
       nach einer Geburt an massiven Schmerzen und Blutungen. Bei einer
       Gynäkologe:in war sie trotzdem nicht.
       
       „Bei den Menschen, die zu uns kommen, ist das gesundheitliche Anliegen
       oftmals nicht das allererste – selbst, wenn es wirklich wehtut“, berichtet
       Skimutis. In diesem Beispiel war für die Klientin die finanzielle Not
       dringlicher als ihr wiederkehrender Blutverlust. Genau deshalb möchte die
       Kümmerei multikomplexen Problemen Raum geben. Für Birgit Skimutis ist klar:
       „Nur, wo das Leben gesichert ist, da ist Raum, um sich mit zukünftigen
       Dingen zu beschäftigen.“
       
       Skimutis wünscht sich einen Systemwandel. Ohne ihn, werde die geplante
       Pflegereform nicht mehr als ein einzelner Baustein sein, der Prävention
       nicht als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreift. Das wird vielleicht die
       Zahl der offiziellen Leistung, aber nicht den Bedarf der Menschen an Pflege
       senken.
       
       4 Aug 2026
       
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