# taz.de -- Termine beim Hausarzt: Die Diagnose lautet Überlastung
       
       > Weniger Geld und bald möglicherweise mehr Arbeit: Die Gesundheitsreformen
       > setzen Deutschlands Hausarztpraxen unter Druck. Es drohen längere
       > Wartezeiten.
       
 (IMG) Bild: Leere Wartezimmer werden in Zukunft selten anzutreffen sein
       
       Schon vor der Öffnung um 9.00 Uhr füllt sich die Treppe zur
       Gemeinschaftspraxis. Rund 20 Patientinnen und Patienten warten, die meisten
       mit dem Blick auf ihre Smartphones. Als die Tür aufgeht, reißt die Schlange
       am Tresen stundenlang kaum ab. Das Praxisteam hat gut zu tun, zumal auch
       das Telefon klingelt und E-Mails mit akuten Terminwünschen reinkommen.
       
       Diese oft stressigen Situationen prägen den Arbeitsalltag der beiden
       Hausärztinnen, ihres Arztkollegen und der sieben weiteren Beschäftigten in
       dieser Berliner Gemeinschaftspraxis. Wird sich die Situation demnächst mal
       entspannen, oder ist eher mit einer Verschärfung zu rechnen?
       
       Im Augenblick stecken die Ärztinnen und Ärzte zwischen den Folgen der
       Krankenkassenreform, [1][die der Bundestag kürzlich beschloss], und dem
       nächsten großen Vorhaben: Bald sollen die Praxen zur obligatorisch ersten
       Anlaufstelle für die meisten Gesundheitsprobleme werden.
       „Primärversorgungssystem“ wird das genannt. Hinzu kommen die geplanten
       Änderungen bei der Krankschreibung: [2][Beschäftigte sollen grundsätzlich
       wieder ab dem ersten Krankheitstag ein Attest vorlegen müssen], was den
       Praxen zusätzliche Arbeit bescheren dürfte. Ein echter Aufreger – und eine
       Aufgabe für den neuen Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU),
       der jetzt auf Vorgängerin Nina Warken folgt.
       
       Im bundesweiten Durchschnitt betreut jeder Hausarzt heute etwa 15
       Behandlungsfälle pro Tag. Die tatsächliche Zahl der Patientenkontakte kann
       jedoch deutlich höher liegen, weil viele Menschen eine Praxis mehrmals im
       Quartal aufsuchen. Und es existieren große Unterschiede – zwischen Dörfern
       und Großstädten, von Winter zu Sommer. So behandelt die Berliner Praxis
       über 100 Leute an einem normalen Wochentag. Anders als bei Fachärztinnen
       und Fachärzten bekommen die Kranken relativ schnell Termine. „Nur 25
       Prozent der Patientinnen und Patienten warten aktuell länger als drei
       Tage“, heißt es beim Hausärztinnen- und Hausärzteverband. Ein Viertel der
       Patienten suche die Hausarztpraxen ohne Termin direkt auf.
       
       ## Sparmaßnahmen könnten Situation verschärfen
       
       Ist durch die jüngste Reform, die die Kosten der Krankenkassen verringern
       soll, nun eine Verbesserung oder Verschlechterung zu erwarten? „Die
       Regierung unternimmt momentan alles, um die Wartezeiten für Patientinnen
       und Patienten in die Höhe zu treiben“, sagt Markus Blumenthal-Beier, der
       Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes. Die Kassenärztliche
       Bundesvereinigung sieht es ähnlich. „Die jüngsten Beschlüsse bewirken das
       genaue Gegenteil von schnelleren Terminen“, erklärt Pressesprecher Roland
       Stahl, denn „das Gesetz sieht erhebliche Einsparungen in der ambulanten
       Versorgung vor: 2,7 Milliarden Euro sollen im nächsten Jahr gekürzt
       werden“.
       
       Ex-Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat in ihren Gesetzentwurf
       aufgenommen, dass die Krankenkassen den Praxen für manche Leistungen bald
       weniger Geld zahlen. Laut Kassenärztlicher Vereinigung betrifft das „zum
       Beispiel ambulante Operationen, Untersuchungen zur Früherkennung und
       Impfungen“. Während die Praxen heute die kompletten Kosten einer
       Grippeimpfung von 10,80 Euro erstattet bekämen, erhielten sie künftig
       weniger. Sie blieben damit auf einem Teil der Kosten sitzen, sagen die
       Ärztevertretungen.
       
       Und dies werde dazu führen, dass die Medizinerinnen und Mediziner auch bei
       ihrem Personal sparten. Frei werdende Stellen von Sprechstundenhilfen und
       Ärztinnen würden nicht neu besetzt. Mancher ältere Praxisinhaber werde wohl
       auch die Konsequenz ziehen und seine Tätigkeit früher als beabsichtigt
       aufgeben. Junge Doktorinnen und Doktoren halte die Reform außerdem davon
       ab, eine Praxis zu übernehmen oder zu eröffnen. „Letztlich bedeutet das
       Spargesetz weniger Termine und weniger Leistungen für die Patientinnen und
       Patienten“, erklärt Stahl.
       
       Die Begründung der ehemaligen Ministerin sah so aus: „Alleine im Vorjahr
       sind die Ausgaben für ambulante ärztliche Behandlungen um 7,6 Prozent
       gestiegen.“ Das sei deutlich mehr als die Entwicklung der Kasseneinnahmen.
       Beides solle also wieder zusammengebracht werden, sprich: Die Kosten
       müssten runter. Fragt man das Ministerium, ob wirklich mit weniger Terminen
       in den Praxen zu rechnen sei, lautet die Antwort, diese seien verpflichtet,
       das notwendige medizinische Angebot aufrechtzuerhalten.
       
       ## Erstberatung möglichst digital
       
       Und nach der Reform ist vor der Reform. Im Spätsommer oder Frühherbst 2026
       soll der [3][Gesetzentwurf für das Primärversorgungssystem] vorliegen.
       Geplant ist, gesetzlich Versicherte künftig zu verpflichten, bei Infekten,
       Krankheiten oder Schmerzen zuerst die Hausärztin aufzusuchen. Bei Grippe,
       hartnäckigem Husten oder leichten Verletzungen tun das viele ohnehin, doch
       bisher steht es jedem frei, direkt eine Fachpraxis zu wählen. Das führt oft
       zu unnötigen oder doppelten Behandlungen – und treibt die Kosten im
       Gesundheitssystem in die Höhe.
       
       Künftig sollen die Hausärzte dagegen als obligatorische Lotsen fungieren,
       die den Weg zu den richtigen Fachpraxen weisen, falls sie die Behandlung
       nicht selbst leisten können. Damit sie mit der Mehrarbeit zurechtkommen,
       soll die Erstberatung möglichst digital stattfinden, etwa mit
       Videosprechstunden, die nicht unbedingt die Doktorinnen, sondern auch
       andere Praxisbeschäftigte abhalten.
       
       Ansätze dieser Verfahren existieren in Gestalt der sogenannten
       hausarztzentrierten Versorgung schon heute auf freiwilliger Basis. Sie
       genießen einen guten Ruf. „Ein gut umgesetztes Primärversorgungssystem
       erleichtert die Versorgung der Patientinnen und Patienten, weil unnötige
       Doppeluntersuchungen oder Rückfragen zu Behandlungen und
       Krankheitsgeschichte wegfallen“, sagt Hausärzte-Vertreter Blumenthal-Beier.
       Allerdings fügt er hinzu: „Die Vergütung“ der Praxen „muss diese
       Versorgungsstruktur gerecht und fair abbilden“.
       
       Einerseits Kürzung der Praxenhonorare plus Gefahr eines Terminstaus,
       andererseits Mehrarbeit durch das Primärversorgungssystem? Dieser
       Widerspruch scheint momentan schwer aufzulösen zu sein. Und durch die
       geplante Krankschreibung ab dem ersten Tag muss Minister-Novize Linnemann
       ein Problem bewältigen, dass den Konflikt noch verschärft. „Nach unseren
       Berechnungen würde das 36 Millionen zusätzliche Praxisbesuche pro Jahr
       bedeuten, vor allem bei den Hausärzten“, warnt Roland Stahl von der
       Kassenärztlichen Vereinigung.
       
       30 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Krankenversicherung-in-Deutschland/!6195015
 (DIR) [2] /Krankschreibung-ab-dem-ersten-Tag/!6194326
 (DIR) [3] /Plaene-des-Gesundheitsministeriums/!6149186
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hannes Koch
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Hausarzt
 (DIR) Gesundheit
 (DIR) Patienten
 (DIR) Krankenkassen
 (DIR) Sparen
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Homeoffice
 (DIR) Wohnungslosigkeit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Psychotherapien und Kürzungen: Verteilungskampf um Therapien
       
       Die Kassen wollen bei den Psychotherapien sparen. Was zu der heiklen Frage
       führt: Wer braucht eine Behandlung besonders dringend und wer nicht?
       
 (DIR) Mobiles Arbeiten und Belastung: Zu wenig Homeoffice kann stressen
       
       Homeoffice bleibt Privileg höher Qualifizierter. Wer mehr von zu Hause
       arbeiten möchte, aber nicht kann, berichtet häufiger von Belastungen.
       
 (DIR) Gesundheitsversorgung von Obdachlosen: „Wir sind Überzeugungstäter:innen“
       
       Die Arztmobile versorgen Menschen, die keinen Zugang zur
       Gesundheitsversorgung haben. Die Hitze bringt besondere Herausforderungen
       mit sich.