# taz.de -- Politik beim Unesco-Weltkulturerbe: Was gilt es eigentlich zu schützen?
> Eine Kommission der Unesco hat jetzt ihr Welterbe um zahlreiche neue
> Stätten erweitert. Nicht nur für Nahost verfolgt sie damit auch eine
> Politik.
(IMG) Bild: Die Kreuzritterburg Beaufort im Libanon wurde ad hoc noch in die Unesco-Weltkulturerbe-Liste eingetragen
Ad hoc beschloss am Freitag die derzeit im südkoreanischen Busan tagende
Unesco-Welterbekommission noch, fünf zu Zeiten der Kreuzfahrer errichtete,
monumentale Burgruinen im Süden Libanons in die Welterbeliste einzutragen.
Sie stünden für die Militärgeschichte und die konfessionelle Vielfalt des
Libanon. Sofort wurden die Burgen auch auf die Rote Liste gesetzt, die von
Zerstörung bedrohte Welterbe-Stätten dokumentiert – des Kriegs zwischen der
Hisbollah und Israels wegen. Schon vorher war das seit 1984 als
Unesco-Welterbe geltende südlibanesische Tyrus mit seinen eisenzeitlichen,
antiken und mittelalterlichen Bauten in die Rote Liste eingetragen worden,
vor einigen Monaten hatten israelische Truppen es beschossen.
Ebenfalls am jüngst vergangenen Freitag wurden die nahe Nablus im
Westjordanland gelegenen Ausgrabungen der antiken Stadt Sebastia erst in
die Liste des Welterbes und dann auch gleich in die Rote Liste aufgenommen:
Sie stehe für die Siedlungsgeschichte seit der Jungssteinzeit, sei mit der
zur Moschee umgewandelten einstigen Grabeskirche Johannes des Täufers – der
auch im Islam verehrt wird – zudem ein Denkmal der Multikonfesionalität
Palästinas. Geschützt werden müsse die Ausgrabung im seit 1967 von Israel
völkerrechtswidrig besetzten Westjordanland nun vor Aktivitäten der
israelischen Antikenbehörden. Vor allem aber müsse man sie vor der
zunehmend [1][militant von Siedlern und den Rechtsradikalen in Benjamin
Netanjahus Regierung ausgefochtenen Forderung] sichern, die einstige
Haupstadt des antiken Nordreichs Israel solle wieder Teil des jetzigen
Israels werden.
Die aktuelle Zusammensetzung der Welterbekommission ist nicht so, dass
Netanjahus Israel hier wenigstens auf Verständnis hoffen kann: Von den 21
vertretenen Ländern agieren viele eindeutig als Gegner der Politik
Netanjahus, allenfalls die vornehmlich europäischen Länder zeigen sich
vorsichtiger. Aber auch hier hat die weithin als Versuch des Völkermords
kritisierte israelische Kriegsführung gegen die Hamas in Gaza mit mehr als
70.000 Toten die Perspektiven erheblich verändert. Die Folgen sind auch
beim Unesco-Weltkulturerbe deutlich: Die Rote Liste markiert die
Notwendigkeit sofortiger Hilfe durch die Weltgemeinschaft.
Von den derzeit 59 Eintragungen stehen sieben Kulturstätten im direkten
Zusammenhang mit Israels Konflikten im Libanon und mit Palästina. Im Iran
und in den Golfstaaten sind durch den Krieg zwischen Iran, Israel und den
USA zwar um die sechzig Kultur- und Natur-Welterbestätten akut bedroht. In
Teheran etwa wurde der einstige Palast des Schahs schon verwüstet. Dennoch
haben weder der Iran oder einer der Golfstaaten – Katar ist aktuell sogar
Mitglied der Kommission – einen zusätzlichen Schutz für ihre
Welterbestätten verlangt.
## Die Ad-hoc-Anträge Libanons und Palästinas
Alle aber haben die Ad-hoc-Anträge Libanons und Palästinas unterstützt, mit
denen man sich auch gegen die Kriegsführung und die Besatzungspolitik
Israels wandte. Das Verfahren wählte die Unesco 2023 auch für das von
russischen Truppen beschossene Odessa als Zeugnis der multikulturellen
Geschichte der Ukraine oder für die von Verfall bedrohten Königsschlösser
in Abomey in Benin. Und jetzt wurde die Bom-Badingilo-Migrationslandschaft
im krisengebeutelten Süd-Sudan, in der Millionen von Herdentieren wandern,
zugleich in beide Listen eingetragen.
Zudem nutzt die Palästinensische Autononomiebehörde als Vertreterin des
2011 von der Unesco anerkannten Staats Palästina systematisch das Welterbe
im Kampf gegen die israelische Besatzungspolitik. Das inzwischen vor allem
muslimisch geprägte Land ließ etwa 2012 mit der Geburtskirche in Betlehem
und 2024 per Dringlichkeitsverfahren mit dem Hilarionkloster in Gaza zwei
international herausragende christliche Monumente eintragen. Und die
mamelukische Altstadt von Hebron wurde 2017 praktisch unter Aussparung
seiner altjüdischen Geschichte auf die Unesco-Weltkulturerbe-Liste gesetzt.
Die muslimisch-palästinensischen Bewohner der Altstadt Hebrons, einer bis
zum Pogrom von 1929 über Jahrtausende hinweg jüdisch geprägten Stadt,
werden seit Dekaden auch von einer winzigen Kolonie israelischer Siedler
bedroht, deren Schutz durch die Armee das Alltagsleben schwer
beeinträchtigt.
Nun ist der Einsatz für das Welterbe als Mittel der Politik keinesfalls ein
Sonderfall: Die DDR und die Bundesrepublik konkurrierten seit ihrer
Aufnahme in die Unesco 1972 auf diesem Weg eisern um den jeweiligen
Anspruch, für die deutsche Tradition und Geschichte zu stehen. Russland
behinderte seit etwa 2012 jahrelang alle Versuche der Ukraine, weitere
Stätten eintragen zu lassen. Der Antrag[2][, die Stonewall-Bar in New York]
als erstes queeres Welterbe einzutragen, schimmelt irgendwo in den Ämtern
der queerfeindlichen Regierung Donald Trumps.
Finnland hingegen hat gerade mit der Eintragung von gleich 23 Bauten des
großartigen Architekten Alvar Aalto erreicht, dass es als Wahrerin einer
naturnahen Alternative zum strengen Modernismus geehrt wird. Polen hat mit
der Eintragung des modernistischen Gdynja die Geschichte der ersten
Republik zum Welterbe gemacht.
## Die Waldsiedlung Onkel Toms Hütte
Dass jetzt auch während des Treffens der Kommission in Busan die
[3][Waldsiedlung Onkel Toms Hütte in Berlin] von den Architekten Bruno
Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg mit ihren brillanten,
platzoptimierten Grundrissen, den Gärten unter hohen Kiefern, vor allem der
grandiosen Fabrigkeit der Bauten auf die Unesco-Weltkulturerbe-Liste
aufgenommen wurde, gibt nicht nur immens viele Anregungen für die weltweite
Wohnungsbaudebatte. Sie inszeniert die deutsche Hauptstadt neuerlich auch
als Ort der anderen, lebensnahen, freundlichen Moderne – in Konkurrenz mit
dem Geometriekult des Bauhauses in Dessau oder von Le Corbusier.
Und wenn, wie nun geschehen, mit dem Nationalpark von Okefenokee in Georgia
ein nordamerikanisches Naturdenkmal gelistet wird, ist das auch eine
Demonstration gegen die Pläne der Regierung Trump, die Natur des Landes und
seine Erinnerungen an die vorkolumbianischen Kulturen dem
fossilindustriellen Wachstum zu opfern.
Auch die Rote Liste ist alles, aber nicht unpolitisch: Die Kommission hat
jetzt nach Odessa [4][auch die Ausgrabungen von Chersones] und damit eine
Stätte auf der seit 2014 von Russland besetzten Krim auf die Rote Liste
gestellt; Russland verhindere Schutzarbeiten, baue stattdessen ohne
Rücksicht auf die Archäologie touristische Infrastrukturen aus. Das
Bamiyan-Tal in Afghanistan soll seit der Eintragung von 2003 vor weiterer
Verwüstung der buddhistischen Stätten durch die Taliban geschützt werden,
die Stätten des antiken Königreichs Saba im Jemen vor der durch die Huthis.
Dennoch ist die Delegitimation Israels in der Welterbe-Debatte einzigartig.
Es wirft deswegen der Unesco insgesamt und der Welterbe-Kommission speziell
vor, grundsätzlich antiisraelisch und in der Diktion der
Netanjahu-Regierung damit sogar antisemitisch zu sein, indem die
historische Verankerung des Judentums im Nahen Osten in den
Welterbeanträgen Palästinas ignoriert werde. Auch müsse Israels
Sicherheitsbedürfnis respektiert werden – die nun so plötzlich auf der
Welterbeliste stehende Festung Beaufort aus dem 12. Jahrhundert etwa sei
nach dem Rückzug der Israelis gegen alle Verträge von der islamistischen
Hisbollah okkupiert worden.
Das bestätigten auch libanesische Quellen. Man habe sie also, so das
israelische Militär, aus strategischen Gründen angegriffen, nicht, um ein
Symbol der Geschichte des Libanon zu zerstören. Das sei ein Unterschied zu
den systematischen Angriffen Russlands auf Kulturstätten derzeit in der
Ukraine, auch zu denen serbischer Angriffe auf [5][das mittelalterliche
Dubrovnik während der Joguslawienkriege]. Doch kann Netanjahu diese
Proteste nicht in der Unesco selbst vortragen lassen: Israel hat mit den
USA Donald Trumps 2018 die Mitgliedschaft in der Weltkrulturorganisation
gekündigt.
27 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Nikolaus Bernau
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