# taz.de -- Russische Angriffe auf Kulturstätten: Moderne Waffen gegen jahrhundertealte Geschichte
       
       > Das fast 1.000 Jahre alte Höhlenkloster in Kyjiw brennt nach dem neuesten
       > russischen Angriff. Neben weiteren Kulturstätten starben vier Menschen.
       
 (IMG) Bild: Ein Schock für die Menschen, selbst nach 5 Jahren Krieg
       
       Es scheint, als hätten sich die Einwohner der ukrainischen Hauptstadt daran
       gewöhnt, die Skyline von Kyjiw nach einem weiteren nächtlichen russischen
       Angriff in Rauch gehüllt zu sehen. Doch der Anblick der goldenen Kuppeln
       der Hauptkirche des in Flammen stehenden Höhlenklosters, hat selbst
       diejenigen schockiert, die den Krieg seit fünf Jahren miterleben.
       
       „Ich schaue hin und kann es immer noch nicht glauben. Wie konnte jemand
       einen so heiligen Ort zerstören? Und warum?“, sagt Makarii, der geistliche
       Leiter des Männerklosters in Kyjiw, während er vom Glockenturm des Klosters
       auf die Feuerwehrleute hinunterblickt, die gegen den dichten Rauch kämpfen,
       um die Gebäude der Lawra zu retten. Die Klosteranlage ist eine der
       bedeutendsten christlich-orthodoxen Stätten Europas, [1][gegründet 1051 und
       Unesco-Weltkulturerbe].
       
       Der Angriff habe gegen 1 Uhr morgens stattgefunden, als sich keine Menschen
       auf der Anlage befanden, sagt er. „Gott hat uns beschützt, daher gab es
       hier keine Opfer“, sagt der Geistliche, der die ganze Nacht damit
       verbrachte, Mönchen, Freiwilligen, Polizisten und Rettungskräften bei der
       Bewältigung des Angriffs zu helfen. Den Mitarbeitern gelang es, einen Teil
       der dort aufbewahrten und ausgestellten Reliquien zu evakuieren, darunter
       die Reliquien des Heiligen Stephan.
       
       Andere Orte hatten weniger Glück. Mindestens 28 Menschen seien verletzt und
       4 getötet worden, so die Angaben von Präsident Selenskyj. Es wird erwartet,
       dass die Zahlen noch steigen werden, da weiterhin Berichte über weitere
       Opfer aus der ganzen Stadt eintreffen.
       
       Kloster, Museum und Filmstudio 
       
       Die ganze Nacht hindurch hallten Explosionen durch Kyjiw, lösten Autoalarme
       aus und ließen Fenster klirren. Nach Marschflugkörpern, Hyperschallraketen
       vom Typ Zircon und ballistischen Raketen füllte sich der Himmel über der
       Stadt vor Tagesanbruch mit dem unverkennbaren Summen von Shahed-Drohnen.
       Eine davon traf gegen 5 Uhr morgens das Kunstmuseum Mystetskyi Arsenal in
       der Nähe der Kyjiwer Pechersk-Lawra.
       
       „Ich war gerade aus dem Keller gekommen, weil ich dachte, der Angriff sei
       vorbei und es gäbe keine Raketen mehr, als eine Drohne direkt vor meinen
       Augen vorbeiflog und das Museum traf. Es ist ein Wunder, dass niemand
       getötet wurde“, sagt Oksana, eine 55-jährige Angestellte eines
       Kirchenladens, und bedeckt ihr Gesicht mit den Händen. Ihre Augen tränen
       wegen des dichten Rauchs, der vom Dach des Mystetskyi-Arsenal-Museums
       aufsteigt.
       
       Laut dem Kyjiwer Bürgermeister Vitali Klitschko wurde bei dem Angriff auch
       das berühmte Dovzhenko-Filmstudio beschädigt. „Der Feind zerstört unsere
       Geschichte und versucht, alles Ukrainische niederzubrennen. Aber Kyjiw
       steht seit Jahrhunderten und es wird auch jetzt bestehen bleiben“, schrieb
       Klitschko auf seinen offiziellen Social-Media-Konten.
       
       Wo können sich die Menschen verstecken? 
       
       Am Tag vor dem Angriff warnte Präsident Selenskyj auf der Grundlage von
       Geheimdienstinformationen vor der Gefahr neuer groß angelegter russischer
       Angriffe. Sobald die Sirenen zu heulen begannen, eilten die Kyjiwer mit
       Kindern, Haustieren und warmen Decken in die Schutzräume. Bei größeren
       Angriffen sind die U-Bahn-Stationen in Kyjiw überfüllt, sodass viele keinen
       Platz finden. Daher suchten Menschen auch in unterirdischen Gängen,
       Parkhäusern und den Eingängen von Wohnhäusern Schutz.
       
       In der Nacht auf den 15. Juni ging ein heftiger Regen über Kyjiw nieder.
       Der Starkregen half den Feuerwehrleuten zwar bei der Bekämpfung der Brände
       in der ganzen Stadt, verschlimmerte aber auch die Notlage der Menschen, die
       gezwungen waren, Stunden in Unterführungen und Schutzräumen zu verbringen,
       umgeben von Pfützen und feuchtem Beton.
       
       Anna Vulko, Mutter von Dima, 7, und Yura, 8, begab sich vor Beginn des
       Angriffs in die Schutzunterkunft einer nahegelegenen Schule. Nun sieht sie
       zu, wie Rettungskräfte versuchen, die Brände in ihrer Wohnanlage zu
       löschen. Mitten in der Nacht traf eine Drohne das neunstöckige Wohnhaus, in
       dem die Familie lebt. Die Explosion löste einen Brand aus, der einen ganzen
       Eingangsbereich des Gebäudes verschlang. Die Druckwelle beschädigte auch
       die Schule, in deren Keller Dutzende Familien mit Kindern Zuflucht gesucht
       hatten. „Als wir nach draußen kamen und unser Gebäude ohne Fenster und von
       Flammen umgeben sahen, waren die Jungen entsetzt“, berichtet Anna. „Sogar
       die Schule, in der wir uns versteckt hatten, wurde beschädigt. Wo sollen
       wir uns jetzt verstecken?“
       
       15 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Kiewer_H%C3%B6hlenkloster
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Surkowa
       
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