# taz.de -- Die Wahrheit: Schnüffelei im Turnbeutel
> Sollen Nachrichtendienste wirklich alles dürfen? Eine Diskussion spaltet
> Deutschland.
(IMG) Bild: Wird teuer für die Dienste: Überall die Wäsche beschnüffeln
Es ist eine Nachricht, die Angst macht: Die Bundesregierung will den
Geheimdiensten alles erlauben. Wirklich alles! Mit ihrem neuen
Nachrichtendienstgesetz will sie ihnen nicht nur eine Carte Blanche für
außerlegale Geheimoperationen aller Art ausstellen, sondern auch
Ausweispapiere mit falschem Namen und gefälschten Fotos. Im Gespräch sind
sogar Backstagepässe für die begehrtesten K-Pop-Acts, sowie, was vielen
Frauen besonders sauer aufstößt, freier Saunaeintritt für Agenten – selbst
am Frauentag.
Gleichzeitig will das Innenministerium mit seinem Gesetzesentwurf jede
Kontrolle gegenüber den Spionen abschaffen, darunter auch das
Sicherheitspersonal in Freibädern und Atomkraftwerken. Darüber regen sich
zu Recht viele unbescholtene Leute auf, nicht nur Bürgerrechtler oder
Gegenspione im Auftrag seiner Majestät. Auch ganz normale Leute finden es
befremdlich, dass Geheimdienstmitarbeiter plötzlich das Recht bekommen,
verdeckt Bananen auf ihre Pizza zu schnippeln oder heimlich in ihrer
schmutzigen Wäsche herumzuschnüffeln.
Insbesondere die heikle Ausnahmegenehmigung mit der schmutzigen Wäsche
können die meisten Leute von der Straße nicht verstehen: „Bananen auf der
Pizza könnte ich zur Not noch hinnehmen, wenn eine Operation von CIA oder
FSB vereitelt gehört und die verantwortlichen Russen und Amis eliminiert“,
sagt zum Beispiel die 38-jährige Lena Philipps aus Aschaffenburg mit
Misstrauen in den Augen. „Aber was soll diese Sache mit den schmutzigen
Klamotten? Da steckt doch auf Regierungsebene irgendeine fehlgeleitete
sexuelle Obsession hinter!“
## Deep Sniff State
Auch Dr. Bernhard Hussein vom Verein „Digitalwut“ hält den entsprechenden
Passus im Gesetzesentwurf für äußerst problematisch: „Dass sich die Dienste
künftig auch mit legalisierten Einbrüchen den Weg zu den
Schmutzigwäschekörben der Republik bahnen dürfen, hat für mich ein
‚Gschmäckle‘, einen regelrechten Hautgout!“ Seiner Ansicht zufolge wollen
sich die Schlapphüte den Staat unter den Nagel reißen, einen „Deep Sniff
State“ errichten und den Begriff des Privaten bis auf die nackte Haut
runterpellen.
„Das schmeckt uns nicht“, bekennen demgemäß sämtliche Vertreter der
Opposition. Die einen sagen „Pfui“, die anderen eher „Würg“ oder „Kotz!“.
Sie alle bemängeln nicht nur den anlasslosen Einsatz von Periskopkameras
gegen angebliche Querdenker in Umkleidekabinen, sondern auch das
Rumgeschnüffel im Privatesten, also unter oder neben der Dusche. Selbst der
Vorsitzende der parlamentarischen Kontrollkommission für die Geheimdienste
stellt nüchtern fest: „Die Sache stinkt! Warum werden Schnüffelbefugnisse
weit über Bad und Schlafzimmer hinaus ausgedehnt, zum Beispiel auf
Turnbeutel?“
Denn auch im Spitzensport wollen die Dienste demnächst mitmischen. BND und
Verfassungsschutz dürfen von nun an bei Leichtathletik-Meisterschaften
eigene Athleten in die Teams und Staffeln schleusen. Auch im Eishockey,
Handball und Rudern sollen künftig Spione mit Mantel, Hut und Schnurrbart
unter dem Trikot tätig werden. Schiedsrichter, die die Zusammenarbeit
verweigern, werden ans Telefon gerufen und gnadenlos erpresst; man wisse
schließlich, wo ihr Auto steht. Die Bundesdatenschutzbeauftragte hält die
Weitergabe der Telefonnummern für verfassungswidrig, die Einrichtung von
Toten Briefkästen in Paketshops von Hermes und UPS sogar für kriminell.
Doch auch der Vorsitzende des parlamentarischen Kontrollgremiums lehnt die
Eingriffe in die Autonomie des Sports und der Versanddienstleister
entschieden ab. Er schlägt im Gegenteil eine lückenlose „Überwachung der
Überwachenden“ vor, zum Beispiel durch eine einheitliche Perückenfarbe
sowie dem Einsatz von Bodycams. Was ihn vor allem fuchst: „Wenn das mit der
schmutzigen Wäsche nicht aus dem Gesetzestext gestrichen wird, kann
Deutschland einpacken. Für einen Kurzurlaub nach Guantánamo!“
Politische Beobachter sehen noch eine minimale Chance, das Gesetz zu
stoppen. Alle Kopierer im Innenministerium streiken seit Wochen, ganze
Abteilungen sind „wegen Sommergrippe“ krankgeschrieben, in der Kantine
werden Bananen auf die Pizza gehobelt. Kurz: Die Geheimdienste von
mindestens elf befreundeten und 17 verfeindeten Staaten infiltrieren soeben
die Familien, Freundeskreise und Kollegien der Ministerialangehörigen.
Selbst die verantwortlichen Staatssekretäre blicken wegen Dutzenden von
gefälschten Vorlagen und Referentenpapieren nicht mehr durch und erwägen
den Einsatz von Drohnen.
Die üblichen bürokratischen Hemmnisse und Datenschutzpflichten könnten dem
Vorhaben allerdings endgültig den Garaus machen. „Wenn das anrüchige Gesetz
von feindlichen Spionen zu Fall gebracht wird“, gibt sich der oberste
parlamentarische Kontrolleur hoffnungsfroh, „kann Deutschland wieder
aufatmen!“
28 Jul 2026
## AUTOREN
(DIR) Mark-Stefan Tietze
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