# taz.de -- Gender-Health-Gap: „Das Problem sind nicht wir“
> Die männerbasierte Medizin hätte sie fast das Leben gekostet, sagt
> Christina Pingel. Ärzte sagten, sie sei hysterisch, und übersahen einen
> Herzfehler.
(IMG) Bild: Über den Gender-Health-Gap hat Christina Pingel das Buch „Diagnose: Frau“ geschrieben
taz: Frau Pingel, inwiefern hat die männerbasierte Medizin Sie fast das
Leben gekostet?
Christina Pingel: Ich hatte zehn Jahre lang starke Symptome, die sich
zunehmend verschlechtert haben. Aber mir wurde von zahlreichen Ärzt*innen
gesagt, das sei psychosomatisch.
taz: Was waren das für Symptome?
Pingel: Ich hatte Herzrhythmusstörungen, die mir große Angst gemacht und
mein Leben sehr eingeschränkt haben. Ich hatte Druck auf der Brust und
bekam schlecht Luft, vor allem im Liegen. Mir war permanent schwindelig und
ich konnte kaum schlafen.
taz: Und das ertrugen Sie zehn Jahre lang?
Pingel: Es war nicht durchgehend so schlimm, aber es wurde immer schlimmer.
Während meine Freund*innen viel unterwegs waren, war ich nur noch zu
Hause, ich war permanent müde. Irgendwann war es so weit, dass ich im Büro
fast ohnmächtig geworden bin. Eine Kardiologin diagnostizierte schließlich
eine hochgradige Mitralklappeninsuffizienz, die wahrscheinlich angeboren
war.
taz: Was ist das?
Pingel: Die Klappe zwischen dem linken Vorhof und der linken Herzkammer
schließt nicht richtig. Dadurch fließt bei jedem Herzschlag ein Teil des
Blutes zurück in den Vorhof. Das Herz muss mehr arbeiten, um den Körper
ausreichend mit Blut und Sauerstoff zu versorgen.
taz: Hatte Ihre Mutter die gleiche Krankheit?
Pingel: Wahrscheinlich nicht genau die gleiche, aber auch einen Herzfehler.
Meine Mutter wurde 1995 klinisch tot im Büro aufgefunden. Nach mehreren
Versuchen konnte sie reanimiert werden. Aber sie trug schwere Hirnschäden
davon und war seitdem schwerbehindert.
taz: Lebte sie im Pflegeheim?
Pingel: Ja, sie lebte noch 25 Jahre im Heim, aber sie erkannte mich nicht
mehr. Ich war damals neun Jahre alt. Für ein Kind in dem Alter ist das
schwer zu verstehen. Irgendwann konnte ich sie nicht mehr besuchen, es war
zu belastend für mich.
taz: Bekamen Sie als Familie Hilfe?
Pingel: Nein, wir lebten im Osten und die Möglichkeiten für Therapie waren
damals andere als heute. Mein Vater hat immer gesagt, meine Mutter wird
wieder gesund. Ich war zwar noch klein, wusste aber, dass das nicht stimmt.
Sie konnte anfangs nur liegen, dann lernte sie wieder zu laufen und
selbstständig zu essen. Sie war erst 33 und hatte ihr ganzes Leben
eigentlich noch vor sich. Aber was das Denken, die Emotionen angeht, war
sie stark eingeschränkt.
taz: Hätte sich ihr Zustand bessern können, wenn sie besser versorgt worden
wäre?
Pingel: Nachdem sie reanimiert worden war, war ein selbstständiges Leben
für sie nicht mehr möglich. Sie war vorher in kardiologischer Behandlung
gewesen, aber sie wurde falsch behandelt. Sie hätte vermutlich längst einen
Herzschrittmacher gebraucht. Aber ich habe ja später selbst erlebt, wie
einem als junge Frau mit Herzproblemen begegnet wird. Auch bei ihr wurde
das offenbar nicht ernst genommen. So schwer es für Außenstehende
vielleicht nachzuvollziehen ist, haben wir uns in der Familie oft gefragt,
ob die Wiederbelebung in ihrem Fall wirklich das Beste für sie war. Eine
Patientenverfügung hatte sie nicht, weil sie so jung war.
taz: Haben Sie überlegt, die Ärzte, wegen der falschen Behandlung zu
verklagen?
Pingel: Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, meine Energie für eine
juristische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu nutzen. Ich möchte
etwas für die Zukunft verändern und [1][Menschen erreichen]. Die
Gesellschaft muss verstehen, dass der Gender-Health-Gap uns alle betrifft –
ob als Patient*innen oder als Menschen, die einen geliebten Menschen
verlieren. Gesundheit darf nicht von Geschlecht, Herkunft, sozialem
Hintergrund oder anderen Merkmalen und Privilegien abhängen.
taz: Noch mal zu Ihrer Geschichte. Wenn die Mutter an einem Herzfehler fast
stirbt und die Tochter sich später mit Druck auf der Brust und Atemnot beim
Arzt vorstellt, gehen da nicht alle Alarmglocken an?
Pingel: Leider nicht. Oft sagten mir die Ärzt*innen: Das ist natürlich eine
anstrengende Geschichte mit Ihrer Mutter. Aber Sie sind eine junge Frau –
das wird schon wieder. Sie sind ein bisschen hysterisch. Das nennt man
Medical Gaslighting.
taz: Was ist das?
Pingel: Medical Gaslighting bedeutet, dass Patient*innen nicht ernst
genommen werden oder ihre Wahrnehmung infrage gestellt wird. Als ich 26
war, begannen meine Beschwerden immer häufiger aufzutreten. Ich war bei
zahlreichen Ärzt*innen und mehrfach in der Notaufnahme. Oft wurde ich
belächelt, Ärzt*innen fielen mir ins Wort und teilten mir von oben herab
mit, dass ich mir das alles einbilde. Sie gaben mir immer wieder das
Gefühl, dass meine Wahrnehmung nicht stimmt und dass ich meinen eigenen
Körper nicht verstehe. Ich sage „Ärzt*innen“, aber es waren zu 95 Prozent
Männer.
taz: Wie erklären Sie sich, dass die Ihre Beschwerden nicht ernstnahmen?
Pingel: Unsere Medizin ist, genau wie alle anderen gesellschaftlichen
Bereiche, patriarchal organisiert. Über Jahrhunderte wurde der männliche
weiße Körper als medizinische Norm betrachtet. Menschen, die dieser Norm
nicht entsprechen, werden in Forschung, Diagnostik und Behandlung nicht
ausreichend berücksichtigt. Dazu gehören unter anderem Frauen, trans
Menschen, intergeschlechtliche Menschen und marginalisierte Gruppen. Dabei
unterscheiden sich Medikamentenwirkungen, Krankheitssymptome und
Krankheitsverläufe teilweise deutlich.
taz: Was ist denn anders?
Pingel: Körper unterscheiden sich grundsätzlich viel mehr, als die Medizin
jahrhundertelang angenommen hat. Zum Beispiel brauchen viele Medikamente
bei Frauen länger, um vom Körper aufgenommen zu werden. Auch der Abbau von
Medikamenten dauert oft länger, das liegt an der Funktionsweise der Leber
und am Anteil von Körperfett und Körperwasser. Wenn wir hormonelle
Schwankungen durch Zyklus, Schwangerschaft oder Wechseljahre haben, wirkt
sich das auch aus. Aber da gibt es kaum Forschung.
taz: Das klingt sehr biologistisch. Hatten wir das Paradigma vom
geschlechterspezifisch fundamental unterschiedlichen Körper nicht [2][mit
Judith Butler überwunden?]
Pingel: Judith Butler hat uns einen Werkzeugkasten gegeben, um zu erkennen,
dass das, was wir als „naturgegeben“ betrachten, oft sozial geformt ist.
Wir sollten nicht in binären Kategorien von Männern und Frauen denken. Ein
intersektionaler Ansatz bedeutet, dass wir die Vielfalt menschlicher Körper
und Lebensrealitäten berücksichtigen. Es geht darum, dass Medizin alle
Menschen mit ihren unterschiedlichen Voraussetzungen, Erfahrungen und
sozialen Bedingungen mitdenkt
taz: Wie würde intersektionale Medizin konkret aussehen?
Pingel: Ärzt*innen müssten bei Diagnostik und Therapie berücksichtigen,
dass Gesundheit und Heilung von vielen Faktoren abhängt. Sexuelle
Identität, Herkunft, sozialer Status, Behinderung oder der Wohnort können
die Behandlung beeinflussen. Das muss schon im Medizinstudium vermittelt
werden.
taz: Inwiefern spielt mein Wohnort eine Rolle bei der Frage, wie viel
Schmerzmittel ich zum Beispiel brauche?
Pingel: Der Wohnort beeinflusst nicht direkt, wie viel Schmerzmittel ein
Mensch benötigt. Aber er hat viel mit sozialem Status und dem Zugang zu
Ressourcen zu tun. Auf der Packungsbeilage steht immer ein errechneter
Durchschnitt, der für die meisten Menschen überhaupt nicht passt. Da gibt
es nur zwei Kategorien: Kinder und Erwachsene. Mit „Erwachsene“ ist ein 75
Kilo schwerer, 1,80 Meter großer Mann von etwa 30 Jahren gemeint. Aber auf
wie viele Menschen trifft das zu?
taz: Solange es nur diese Durchschnittswerte gibt – kann ich mir das selbst
umrechnen?
Pingel: Die Dosierung von Medikamenten hängt von vielen verschiedenen
Faktoren ab und lässt sich nicht einfach anhand von Durchschnittswerten
berechnen. Genau deshalb brauchen wir dringend Veränderungen in Forschung
und Lehre – wir brauchen eine bessere Datengrundlage.
taz: Geht der Gender-Health-Gap auf den Gender-Data-Gap zurück?
Pingel: Es gibt auf jeden Fall große Datenlücken. Wie lange wissen wir
jetzt, wie die Anatomie der Vagina aussieht? Das ist erst vor 10, 15 Jahren
[3][in den Mainstream eingesickert]. Zwar gibt es mittlerweile einen
Frauenanteil in medizinischen Studien, aber es gibt kaum frauenspezifische
Studien. Da wird einfach kein Geld in die Hand genommen, weil man nicht so
viel damit verdienen kann, wie mit der Entwicklung von Kosmetik oder
Konsumartikeln.
taz: Wie kann so eine fundamentale Neuausrichtung im chronisch
unterfinanzierten Gesundheitssystem gelingen?
Pingel: Natürlich kostet das Geld. Aber auf Dauer ist es für die
Gesellschaft teurer, Medizin nur für einen Teil der Menschheit zu
entwickeln und alle anderen müssen gucken, wo sie bleiben. Wenn Menschen
jahrelang ausfallen, bedeutet das ja auch wirtschaftlichen Schaden. Ein
wichtiger Anfang wäre, das Medizinstudium zu verändern und die Forschung so
anzulegen, dass sie Menschen als Individuen versteht.
taz: Haben Sie eigentlich den Ärzten geglaubt, die Ihre Symptome für
eingebildet hielten, oder wussten Sie immer, das etwas nicht stimmt?
Pingel: Insgeheim wusste ich, dass ich mir meine Beschwerden nicht
einbilde. Aber ich habe auch eine Panikstörung entwickelt, die bis heute
nicht weg ist. Wenn du zehn Jahre lang hörst, „Die Geschichte deiner Mutter
ist nicht deine Geschichte“, und gleichzeitig weißt, es stimmt etwas nicht,
dir aber niemand glaubt, dann bist du psychisch irgendwann durch. Es war
alles zu viel.
taz: Wie kamen Sie da raus?
Pingel: Ich hatte die Geschichte meiner Mutter immer vor Augen. Ich dachte
immer wieder: Was ist, wenn mir doch das Gleiche passiert? Das wollte ich
unbedingt verhindern. Wahrscheinlich wäre mir tatsächlich das Gleiche
passiert, wenn mir nicht irgendwann eine Kardiologin geglaubt hätte.
taz: Was fühlten Sie, als Sie die Diagnose bekamen?
Pingel: Es war ein Schock, aber ich war gleichzeitig erleichtert und
unendlich dankbar. Sie war sehr straight und gleichzeitig empathisch. Sie
sagte „Das ist ein schwerer, vorangeschrittener Herzfehler und
wahrscheinlich wird eine größere Operation unumgänglich.“
taz: Es kam kurze Zeit später fast zu der Operation – aber etwas kam
dazwischen.
Pingel: Bei der Planung der OP wurde nicht bedacht, dass ich als Frau Mitte
dreißig einen Zyklus habe. Ich war schon stationär aufgenommen, hatte alle
Unterlagen unterschrieben, darunter auch eine Organspendeverfügung und dass
ich lebenserhaltende Maßnahmen ablehne.
taz: Was passierte dann?
Pingel: Am Abend vor der OP war ein junger Arzt in meinem Zimmer, ich sagte
ihm, dass ich in zwei bis drei Tagen meine Periode bekäme, ob das
irgendwelche Auswirkungen habe. Er wirkte irritiert, verließ den Raum und
sagte, er würde sich noch einmal informieren. Als er zurückkam, sagte er
die OP ab.
taz: Warum?
Pingel: Während einer OP am Herzen wird man an eine Herz-Lungen-Maschine
angeschlossen. Das Herz schlägt ja in der Zeit nicht, die Maschine
übernimmt das. Man bekommt hochgradige Blutverdünner. Wenn du dann deine
Periode bekommst, kann das echt schief gehen. Unter dem OP-Tuch bekommen
die Ärzte vielleicht nicht mit, dass du viel Blut verlierst. Das wird
offenbar im Voraus kaum bedacht.
taz: Sind Sie mittlerweile am Herzen geheilt?
Pingel: Jein. Die Operation fand später erfolgreich statt; ich habe jetzt
nur noch eine leichte Mitralklappeninsuffizienz. Damit kann man gut leben,
wenn man ein paar Sachen beachtet. Ich muss zum Beispiel im Winter, wenn
viele Leute erkältet sind oder Bronchitis haben, immer ein spezielles
Antibiotikum nehmen, weil sich die Bakterien an der Herzklappe absetzen
könnten. Das wäre gefährlich.
taz: Und Ihr Herz im übertragenen Sinne?
Pingel: Das Erlebte wird immer ein Teil meiner Geschichte bleiben. Aber ich
habe einen Umgang damit gefunden und kann heute sehr gut damit leben. Auch
die Angst, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmen könnte, begleitet
mich manchmal noch.
taz: Haben Sie auch etwas Positives aus alldem mitgenommen?
Pingel: Ich gehe achtsamer mit mir und anderen um und genieße die Momente
bewusster. Und ich habe eine sehr starke Resilienz entwickelt. Es gibt
wenig Sachen, dich mich richtig aus der Bahn werfen könnten. Außerdem habe
ich gelernt, stolz auf mich zu sein und mich an kleinen Dingen im Leben zu
erfreuen.
taz: Was können Frauen tun, um im männerbasierten Gesundheitssystem nicht
unterzugehen?
Pingel: Frauen müssen verstehen, dass es nicht an ihnen selbst liegt, wenn
etwas nicht stimmt. Das ist der erste und wichtigste Punkt. Uns wird in
vielen Lebensbreichen eingeredet, dass wir schuld sind, dass wir zu viel
sind, dass wir unsere Meinung nicht sagen dürfen, dass wir „hysterisch“
sind. Aber das Problem sind nicht wir, sondern es ist das System, denn das
basiert auf Männern. Nicht nur das Gesundheitssystem.
taz: Was würden Sie Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) gern sagen?
Pingel: Dass die 11,5 Millionen Euro bis 2029, die die Bundesregierung für
genderbasierte Medizin bereitgestellt hat, bei Weitem nicht ausreichen.
Und: Wenn nur Frauen mitgedacht werden und Medizin nicht intersektional
verstanden wird, also auch nicht alle Menschen gleich zählen, werden wir in
100 Jahren noch große Defizite haben.
1 Sep 2026
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