# taz.de -- UN-Sicherheitsrat: Ein Tisch, gedeckt im Jahr 1945
       
       > Afrika ist Schauplatz eines Großteils der weltweiten Konflikte, hat im
       > UN-Sicherheitsrat aber keinen ständigen Sitz. Nigeria will das ändern.
       
 (IMG) Bild: UN-Blauhelmsoldat der Minusma-Mission in Timbuktu, Mali, 2022
       
       Die Zahl der weltweiten bewaffneten Konflikte ist zuletzt auf 65 gestiegen
       – so viele wie seit 1945 nicht mehr. Das Epizentrum der Gewalt liegt in
       Afrika. Seit 2016 haben Konflikte auf dem Kontinent Millionen Menschen das
       Leben gekostet und fast 46 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben –
       mehr als viermal so viele wie noch vor einem Jahrzehnt. Zudem haben sie
       laut der NGO Oxfam über 120 Millionen Menschen in 26 afrikanischen Ländern
       in Hunger und akute Ernährungsunsicherheit gebracht.
       
       Im selben Zeitraum entfielen 80 Prozent aller Resolutionen des
       UN-Sicherheitsrats auf Konflikte in Afrika. Doch kein einziges
       afrikanisches Land hat einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat.
       
       Es gebe Grund zur Annahme, dass „die Unsicherheit in Afrika zunimmt, weil
       Afrika kein Mitglied des Sicherheitsrats ist“, sagt Jimoh Ibrahim, Nigerias
       ständiger Vertreter bei den [1][Vereinten Nationen]. „Deshalb tragen die
       politischen Maßnahmen und Entscheidungen zur Wahrung der globalen
       Sicherheit weder ein afrikanisches Gesicht noch berücksichtigen sie einen
       afrikanischen Lösungsansatz“, sagt Ibrahim.
       
       Wie die Regionalmächte Brasilien und Deutschland bemüht sich auch
       [2][Nigeria] um einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat. Zugleich
       unterstützt das Land die Forderung, Afrika dauerhaft im Gremium zu
       vertreten. Nigeria begründet seinen Anspruch unter anderem mit seiner
       Bevölkerungsgröße – es ist mit rund 240 Millionen Einwohner:innen das
       sechstbevölkerungsreichste Land der Welt –, seinem wirtschaftlichen Gewicht
       und seinem Beitrag zu den UN-Friedensmissionen. Hinzu kommt das Ausmaß der
       Konflikte im Innern, mit denen Nigeria selbst konfrontiert ist. Yusuf
       Tuggar, ehemaliger nigerianischer Außenminister, bezeichnet diese als Teil
       einer umfassenderen ‚globalen Unordnung‘. Um sie zu beenden und ein
       Übergreifen auf andere Regionen zu verhindern, brauche es eine stärkere
       internationale Zusammenarbeit.
       
       Für Musa, einen ehemaligen nigerianischen UN-Friedenssoldaten, dessen Name
       zu seinem Schutz geändert wurde, reichen die Folgen der in New York
       ausgehandelten Weltordnung weit über den Sitzungssaal des Sicherheitsrats
       hinaus. Mehr als ein Jahrzehnt lang trug Musa den blauen Helm in
       verschiedenen Teilen Afrikas – dort, wo Konflikte ganze Gemeinschaften
       ausgehöhlt hatten. Er hat Trauer in den unterschiedlichsten Sprachen gehört
       und erlebt, wie Verlust Menschen unabhängig von Herkunft und Hautfarbe
       trifft. Noch immer scheint ihn die Erinnerung daran zu erschüttern.
       
       ## Eine von vornherein benachteiligte Position
       
       Sein Auftrag als Friedenssoldat war auf dem Papier klar: Zivilisten
       schützen und Angriffe verhindern. Doch in der Praxis, sagt er, sei die
       Friedenssicherung letztlich von Kräften abhängig, die weit über das
       eigentliche Schlachtfeld hinausreichen.
       
       „Ich gehe ins Einsatzgebiet und sehe Konflikte – Viehdiebstahl, Männer, die
       in Dörfern getötet wurden, Kinder“, sagt er. Man stelle sich vor, da gebe
       es eine Mission, deren Aufgabe es ist, Zivilisten zu schützen. Ihre
       militärischen Einheiten hätten das Mandat, in die Dörfer zu gehen, Präsenz
       zu zeigen und so Gewalt zu verhüten.
       
       „Und dann wird in letzter Minute eine Entscheidung getroffen. Es heißt:
       ‚Tut uns leid, Leute, wir haben nicht mehr die Mittel, um euch zu
       unterstützen. Wir haben eigene Prioritäten. Russland wird uns angreifen‘ –
       und all diese Geschichten. Dann musst du selbst sehen, wie du
       zurechtkommst“, klagt Musa.
       
       Das Budget werde zwar freigegeben, der Umfang der Mission aber gekürzt.
       Bestimmte Gebiete, die eigentlich abgedeckt werden sollten, fielen weg.
       „Was passiert dann mit diesen Dörfern? Die Unsicherheit kehrt zurück.“
       Solche Entscheidungen treffe der Sicherheitsrat. „Die Tatsache, dass Afrika
       dort keine Vertretung hat, bringt uns von vornherein in eine gewaltig
       benachteiligte Position.“
       
       Beim Thema Reform winkt der ehemalige Friedenssoldat beinahe resigniert ab.
       Er glaubt nicht, dass die fünf ständigen Mitglieder bereit sind, ihre
       Sonderstellung, die ihnen Macht verleiht, freiwillig aufzugeben.
       
       ## Straflosigkeit der Supermächte
       
       „Es gibt so viele politische Interessen, so viel Einfluss, den sie daraus
       ziehen, einen dieser fünf ständigen Sitze zu haben“, sagt Musa. „Es
       überrascht, wie viele Waffen, die in die Demokratische Republik Kongo
       gelangen, wahrscheinlich von China und den USA verkauft werden.“
       Gleichzeitig würden dieselben Länder in New York sagen: „Wir müssen den
       Konflikt eindämmen.“
       
       Warum also, fragt Musa, sollten sie einem weiteren Land erlauben, daran
       beteiligt zu sein – insbesondere einem Land aus einer Region, in der die
       Menschen die Opfer sind? Und was würde eine Beteiligung Afrikas an diesen
       Entscheidungen für das geopolitische Machtgleichgewicht bedeuten?
       
       Der Ex-Friedenssoldat hält wenig davon, darauf zu warten, dass sich die
       Weltordnung von selbst verändert. Afrika müsse seine Probleme vielmehr
       selbst und strategisch angehen.
       
       Der Diplomat Ibrahim sieht das ähnlich. Afrika müsse seine Forderung nach
       einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat weiterverfolgen. Dabei dürfe es sich
       aber nicht auf moralische Appelle beschränken. „Selbst wenn wir abstimmen,
       wird Afrika nicht automatisch ständiges Mitglied des Sicherheitsrats“, sagt
       er. Afrika habe 54 der 193 Stimmen – das ist nicht einmal die Hälfte.
       
       So gelten die Chancen für eine grundlegende Reform des UN-Systems als
       gering. Eine Änderung der UN-Charta erfordert eine Zweidrittelmehrheit der
       Mitgliedstaaten und anschließend die Ratifizierung durch zwei Drittel der
       Staaten. Dazu gehören auch sämtliche ständigen Mitglieder des
       Sicherheitsrats. Es ist kaum zu erwarten, dass sie Maßnahmen unterstützen,
       die ihren eigenen Einfluss beschneiden würden.
       
       Die UN selbst halten indes an ihren Reformbemühungen fest. Erst im Mai
       betonte UN-Generalsekretär António Guterres, der Sicherheitsrat müsse
       erweitert werden, um der Straflosigkeit der mit einem Vetorecht
       ausgestatteten „Supermächte“ entgegenzuwirken.
       
       Ibrahim sagt, Nigeria werde seine Forderungen nach einem Sitz im
       Sicherheitsrat weiterverfolgen. Er hoffe, dass es noch während seiner
       Amtszeit Veränderungen gibt.
       
       24 Sep 2026
       
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