# taz.de -- Ausstellung Kunst und Ukrainekrieg: Der entfremdete Robo-Dog
       
       > Die Ausstellung „Still Joy“ versucht leicht und doch realistisch über den
       > Ukrainekrieg zu sprechen. Sie zeigt, was die Menschen zu ertragen bereit
       > sind.
       
 (IMG) Bild: Soldat an der Front, Mensch nach der Party, Einsamer im Regen? Lesia Vasylchenkos Installation „1534“ in der Schau „Still Joy“
       
       Ukrainische Künstler haben es schwer. Dafür gibt es offensichtliche,
       unmittelbare Gründe: den verfluchten Krieg gegen die russischen Besatzer,
       das Leben im Exil, die Schockanrufe von zu Hause und das Gefühl, dem
       zurückgelassenen Land in seinem Überlebenskampf mit allen, auch den
       vollkommen unmilitärischen Mitteln der Kunst beistehen zu müssen.
       
       Und dann ist da dieses Problem, das kein moralisches, sondern ein
       ästhetisches ist. Ein Problem, um das kein Künstler herumkommt: für die
       eigene Gegenwart einen Ausdruck zu finden, der neu ist und nicht
       verbraucht, der kein Klischee ist oder, wie im Fall ukrainischer Künstler
       und ihres Lebens mit dem Krieg, von Butscha-und-Helden-Bildern überschattet
       wird.
       
       In [1][Venedig, bei der politisch sehr, künstlerisch aber nur
       wenig][2][aufregenden Biennale], gelingt es einer Show tatsächlich, dieses
       Problem zu lösen: der Gruppenausstellung „Still Joy“ des Pinchuk Art Centre
       im Palazzo Contarini Polignac. Finanziert wird sie von der Mäzenen-Stiftung
       des Oligarchen Viktor Pinchuk. Pinchuk ist eine ambivalente Figur – er gilt
       als zweitreichster Mann der Ukraine, ist Gründer des Stahl- und
       Röhrenkonzerns Interpipe, Profiteur von Intransparenz und Wirtschaftschaos
       nach dem Ende der UdSSR, aber eben [3][auch ein großer Förderer der Kunst].
       
       Repräsentationszwang scheint es in dieser Ausstellung nicht zu geben. Und
       das hat seinen positiven Effekt. Was anderswo schnell in Floskeln über den
       allgemein desolaten Zustand der Welt mündet, findet in der Show „Still
       Joy“, die im September ins Kopenhagener Kunsthaus Gammel Strand wandern
       wird, eine eigensinnige und deshalb neue Form – eine künstlerische Antwort
       auf die Frage, was es bedeutet, mit Russlands Krieg zu leben.
       
       ## Ekstatisch tanzen im Keller-Club
       
       Das beste Beispiel dafür sind die beiden Videoinstallationen des Regieduos
       [4][Roman Khimei und Yarema Malashchuk]. Im schattigen Flur, über den man
       den Palazzo Polignac betritt, begegnet einem die erste. Auf zwei LED-Panels
       sind die überlebensgroßen Gesichter junger ukrainischer Raver zu sehen.
       Einmal beim ekstatischen Tanz im Keller-Club, das andere Mal im blassen
       Sonnenaufgang danach; einmal 2019, vor der Ausweitung des Krieges, das
       andere Mal 2023, währenddessen.
       
       „Dedicated to the Youth of the World“, so der Titel der Serie, zwingt zum
       Vergleich zwischen den Zuständen. Jeder Blick und jedes Zigarettenziehen
       will gelesen werden, jede Umarmung und jedes Muskelzucken der Raver im
       Strobo-Licht erscheint als Spur eines Kriegstraumas. Gleichzeitig kennt man
       die Party-und-Kater-Zustände selbst, auch ohne Krieg. Ein Rätsel bleibt,
       aus welchem Jahr, also aus welchem Stadium der Zerstörung die
       Porträtaufnahmen stammen, und ob ihr melancholischer Ausdruck damit
       Resultat des Krieges, eines MDMA-Comedowns oder von beidem zusammen ist.
       
       In dieser Ambivalenz entspricht die Videoinstallation dem
       sanft-kämpferischen Titel der Ausstellung, „Still Joy“ – immer noch Freude
       empfinden –, der sowohl eskapistisch als auch widerständig gemeint ist.
       Beispielsweise als Triumph über russische Schurken, die diese Lebensfreude
       zerstören wollen, was als kuratorische Idee gerade auf der diesjährigen
       Biennale, bei der im wiedereröffneten [5][russischen Pavillon zur Preview
       tagelang zynisch mit Raves gefeiert wurde], besonders aufgeht.
       
       Genauso in der zweiten Installation von Khimei und Malashchuk, „Open
       World“, die in einem abgedunkelten und holzvertäfelten Gemach gezeigt wird.
       Auch hier gibt es eine spielerisch-leichte Komponente, mit der die beiden
       Filmemacher durch die Abgründe ihrer ukrainischen Gegenwartserfahrung
       führen. Konkret: der hyperaktive Protagonist des Films, Yaroslav, ein
       ukrainischer Streamer und Endlos-Entertainer, der vor den Drohnenattacken
       auf Saporischschja, seinem Zuhause, nach Polen geflohen ist. Zu sehen ist
       er auf einem kleinen Videopanel, als witzelnder Kommentator des Geschehens
       auf dem großen Screen dahinter. Was dort gezeigt wird? Yaroslavs Rückkehr
       nach Hause, zu Mutter, Katze und den weiten Ufern des Dnipro, allerdings in
       Form eines von ihm gesteuerten Robo-Dogs mit Kamera und Sprechfunktion.
       
       ## Der Robo-Dog ist eine visuelle Metapher des Exils
       
       Das ist ziemlich tragikomisch. Der Robo-Dog, gewöhnlich auch für
       militärische Aufklärungsmissionen verwendet, wird zur visuellen Metapher
       des Exils, in dem sich Yaroslav wie viele Ukrainer befindet, und seinem
       Zustand der Entfremdung: Das Gespräch mit der Mutter bricht wegen
       WLAN-Problemen ab, die geliebte Katze flieht vor dem unheimlichen,
       sprechenden Hund aus Plastik.
       
       Künstlerisch ist das besonders gut, weil Khimei und Malashchuk für ihre
       Berichte aus dem kriegsbeschädigten Leben eine visuelle Sprache finden, die
       gleichzeitig einer ukrainischen, aber auch einer allgemeineren
       Gegenwartserfahrung entspricht. Und sie finden neue, ungesehene Bilder
       dafür. Wie zum Beispiel im Aufeinandertreffen des Robo-Dogs und einer
       realen Schlange, die die Ruinen von Yaroslavs alter, jetzt evakuierter
       Schule bewohnt.
       
       Diese Spannung von Witz und Horror, von inszenierter Leichtigkeit und
       zerschmetterndem Realismus zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Auch
       durch die gezeigten Arbeiten nicht-ukrainischer Künstler: durch Simone
       Posts langsam schmelzende Marshmallow-Kerzenleuchter, Ryan Ganders
       sprechende Handpuppe auf einem Müllhaufen oder durch Álvaro Urbanos
       vertrocknete Zimmerpflanzen-Skulpturen, die in ihrem Zustand ewigen
       Vergehens erstarrt sind.
       
       „Still Joy“ gelingt es, ukrainische Künstler aus der identitätspolitischen
       Sackgasse zu holen, ohne ihr beschwertes Leben im Krieg zu verschleiern.
       Einfach nur mit guter Kunst und ihrer Fähigkeit, neue Bilder für die
       Gegenwart zu finden. In Zeiten falscher und zunehmend verblassender Bilder
       vom Krieg in der Ukraine ist das das Beste, was Künstler, ob ukrainisch
       oder nicht, gegen die Schwere Russlands tun können.
       
       23 Jul 2026
       
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