# taz.de -- Nach Steinwurf auf Einsatzwagen in Kiel: Polizei statuiert ein Exempel
       
       > Alle Bewohner eines Hochhauses sollten eine DNA-Probe abgeben. Das
       > Gebäude wurde umstellt, angeblich zum Schutz der Polizisten. Ist das
       > verhältnismäßig?
       
 (IMG) Bild: Anders aufgetreten, weil das Viertel als problematisch gilt? Polizei vor dem als „Weißer Riese“ bekannten Hochhaus in Kiel
       
       Der Polizeieinsatz in einem Kieler Hochhaus am Dienstag vergangener Woche
       zog die Aufmerksamkeit auf sich. Es ging um eine sogenannte
       DNA-Reihenuntersuchung – ein massenhafter Gentest, um einen Tatverdächtigen
       zu finden. „Razzia im ‚Weißen Riesen‘“, titelte die Bild und behauptete,
       alle Bewohner*innen müssten an einem DNA-Test teilnehmen; „Polizei
       umstellt Hochhaus“, titelte der NDR.
       
       Anfang Juni war mutmaßlich aus dem Gebäude ein Pflasterstein auf ein
       Polizeiauto geworfen worden. Der Stein durchschlug die Frontscheibe und
       verletzte eine 25-jährige Beamtin an Hand- und Sprunggelenk. Die
       Staatsanwaltschaft Kiel wertet die Tat als versuchten Mord. Da am Stein
       DNA-Spuren – also biologisches Spurenmaterial der Erbsubstanz – gesichert
       wurden, ordnete das Amtsgericht eine DNA-Reihenuntersuchung an.
       
       Alle Bewohner*innen ab 14 Jahren wurden aufgefordert, eine
       Speichelprobe abzugeben. Solche Untersuchungen müssen verhältnismäßig sein
       und auf freiwilliger Teilnahme beruhen. [1][So regelt es die
       Strafprozessordnung].
       
       Das betroffene Hochhaus liegt im Stadtteil Mettenhof, einem Viertel, das
       stark von Migration und Armut geprägt ist. „Ein problembehaftetes Viertel“,
       sagt die Sprecherin der Kieler Polizei. Im Jahr 2025 habe die Polizei
       insgesamt 107 Einsätze verzeichnet.
       
       ## Überwältigende Polizeipräsenz
       
       Tamara Mazzi von der Linken sitzt für den Stadtteil im Bundestag und ist in
       Mettenhof aufgewachsen. Sie begrüßt, dass im konkreten Fall ermittelt wird,
       und habe nichts Negatives über den Einsatz gehört. Die Einordnung von
       Mettenhof als „Problemviertel“ sieht sie kritisch. Das bestätige ihren
       Eindruck der Polizeiarbeit dort, die sie [2][als selektiv wahrnehme].
       
       Die Berichterstattung über die Maßnahme griff genau dieses Narrativ des
       Problemviertels auf. Die Bilder dazu lieferte die Polizei selbst: Das Haus
       wurde in den frühen Morgenstunden umstellt und alle Wohnungen von oben nach
       unten von Beamt*innen aufgesucht. Fotos zeigen mehrere Mannschaftswagen
       der Polizei vor dem Gebäude.
       
       Oft wird bei Reihenuntersuchungen auf eine schriftliche Einladung gesetzt.
       Immerhin wird meist nur eine Täterin oder ein Täter gesucht; die
       Betroffenen nehmen freiwillig teil, um die Ermittlungen zu unterstützen.
       Doch wie freiwillig wird eine Maßnahme wahrgenommen, wenn sie von starker
       Polizeipräsenz begleitet wird? „Diese Problematik gibt es immer, dass man
       sich dem Staat gegenüber sieht und das überwältigend wirkt“, sagt Tobias
       Singelnstein, Professor für Kriminologie und Strafrecht an der Universität
       Frankfurt.
       
       ## Polizei tritt in einschlägigen Vierteln anders auf
       
       Auch Kosmas Hench vom [3][Verein Gen-ethisches Netzwerk] steht
       DNA-Reihenuntersuchungen kritisch gegenüber. Sie stellten immer einen
       Eingriff in die [4][Persönlichkeitsrechte eines großen Personenkreises]
       dar. Im konkreten Fall in Kiel kritisiert auch Hench die große
       Polizeipräsenz. Er glaubt, dadurch solle eine Drucksituation aufgebaut
       werden, die der Freiwilligkeit entgegenlaufe.
       
       Die Bilder der Mannschaftswagen vor dem Hochhaus erzeugen zumindest den
       Eindruck, dass hier hart durchgegriffen wird. Hätten Polizei und
       Staatsanwaltschaft in einem Stadtteil mit anderen sozialen Verhältnissen
       ein anderes Vorgehen gewählt? „In Vierteln, die die Polizei als
       problematisch wahrnimmt, tritt sie anders auf“, sagt Singelnstein.
       
       Die Pressestelle der Polizei Kiel begründet die Entscheidung, die
       Bewohner*innen in einer Massenaktion zu testen, pragmatisch: Es handle
       sich um eine hohe Anzahl von Personen, die an einem Punkt konzentriert
       seien. Zudem sei bei der Maßnahme die Identität aller Anwesenden
       festgestellt worden. Das Gebäude sei umstellt worden, um die eigenen Kräfte
       zu schützen. Zudem sei so verhindert worden, dass sich Personen unbemerkt
       entfernen.
       
       Aus juristischer Sicht sei das Vorgehen der Polizei nach derzeitigem
       Kenntnisstand nicht zu beanstanden, sagt Jan-Maximilian Zeller. Er ist
       Anwalt für Strafrecht und Lehrbeauftragter an der Universität Köln.
       Besonders der Einsatz von Dolmetschern sei in der Praxis nicht
       selbstverständlich, aber eine wichtige Voraussetzung, um die Betroffenen
       über die Freiwilligkeit aufzuklären.
       
       Fraglich sei aber, wieso die Staatsanwaltschaft in dem Fall von versuchtem
       Mord ausgehe. Dafür müsste man davon ausgehen, dass der Stein gezielt und
       mit Tötungsvorsatz auf das Polizeiauto geworfen wurde. Informationen
       darüber lägen öffentlich nicht vor. Bei ihm entstünde der Eindruck, der
       Staat wolle hier zeigen, dass Täter sich bei so einer Tat nicht in
       Sicherheit wiegen könnten.
       
       ## Bewohner*innen haben kooperiert
       
       Geht es also auch um den Schutz der Institution Polizei? Es wäre
       nachvollziehbar, dass Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Steinwurf
       reagieren wollen, um zu zeigen, dass solche Angriffe nicht folgenlos
       bleiben. „Die Autorität der Polizei ist kein eigenes Rechtsgut“, sagt
       Singelnstein. Maßnahmen zu ihrem Schutz sind also nicht vorgesehen.
       
       In den vergangenen Jahren wurde aber die Forderung lauter, Gewalt gegen
       Einsatzkräfte [5][härter zu bestrafen.] Sie ist verbunden mit der
       Erwartung, dass Einsatzkräften mehr Respekt entgegengebracht wird. Die
       Diskussion dreht sich also auch um die Frage, in welchem Verhältnis
       Polizeibeamt*innen und Bürger*innen stehen. Diese Frage werfen
       auch die Bilder von Mannschaftswagen der Polizei vor dem Kieler Hochhaus
       auf.
       
       Folgt man den Medienberichten, verlief der Einsatz ruhig. Am Ende zog die
       Polizei eine positive Bilanz und bedankte sich in ihrer Pressemitteilung
       bei den kooperierenden Bewohner*innen. Etwas mehr als 80 Prozent der
       angetroffenen Bewohner*innen hatten eingewilligt, einen DNA-Test
       abzugeben.
       
       23 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.gesetze-im-internet.de/stpo/__81g.html
 (DIR) [2] /Racial-Profiling-bei-der-Polizei/!6096129
 (DIR) [3] https://www.gen-ethisches-netzwerk.de/
 (DIR) [4] /Gesetzentwurf-zur-DNA-Fahndung/!5614949
 (DIR) [5] /Verschaerfungen-im-Strafrecht/!6141770
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valentin Endraß
       
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