# taz.de -- Ein Gespräch mit Inga Rumpf zum 80.: „Ich höre überhaupt keine Musik mehr, nicht mal im Auto“
       
       > Seit den Sechzigern ist Inga Rumpf im Musikgeschäft unterwegs. Mit Bands
       > wie Frumpy oder Atlantis hat sie es auch zu internationaler Berühmtheit
       > gebracht.
       
 (IMG) Bild: Alte Heimat: Inga Rumpf an der Elbe in Hamburg
       
       taz: Frau Rumpf, Sie werden am 2. August 80. Ist Ihr Geburtstag ein guter
       Grund für Sie, mal ein bisschen Rückschau zu halten? 
       
       Inga Rumpf: In meinem Alter schaut man eher zurück als nach vorne. Seit ein
       paar Jahren bin ich dabei, mein Archiv zu ordnen und zu digitalisieren. Im
       Moment sortiere ich aus: Was kann weg? Was nicht? Daraus entstehen auch
       wieder neue Sachen. Insofern wechsele ich zwischen Vergangenheit, Gegenwart
       und Zukunft hin und her.
       
       taz: Denken Sie jetzt intensiver über die Endlichkeit des Lebens als früher
       nach? 
       
       Rumpf: Natürlich. Wenn man jung ist, glaubt man, man würde ewig leben. Du
       hältst dich für unsterblich. Mit der Zeit habe ich aber viele Menschen um
       mich herum gehen sehen und auf ihrem letzten Weg begleitet. Dadurch ist das
       Sterben für mich zur Normalität geworden. Ich habe mein Testament schon
       gemacht. Denn mir ist bewusst: Auch ich werde eines Tages gehen.
       
       taz: Eine traurige Erkenntnis? 
       
       Rumpf: Eigentlich nicht. Ich finde es ganz in Ordnung, irgendwann der
       nachwachsenden Generation Platz zu machen.
       
       taz: Selbst [1][für die Rolling Stones] wird über kurz oder lang der letzte
       Vorhang fallen. 1988 haben Sie mit Keith Richards und Ronnie Wood in London
       in einem Studio gejammt. Wie kam es dazu? 
       
       Rumpf: Genau wie in Hamburg gab es in London eine Musik-Community. Die
       Musiker:innen haben sich getroffen und sich gegenseitig etwas vorgespielt.
       Wahrscheinlich ist Keith Richards über Robert Palmer, der ursprünglich mein
       Album produzieren sollte, auf meine Songs gestoßen. Auf jeden Fall sagte
       er: „When this lady is in town, please call me.“ Und dann kam er mit Ronnie
       Wood aus Frankreich für eine Session nach London. Die beiden hatten für
       sich je zwei Flaschen Whisky dabei, mir brachten sie einen Kasten
       bayerisches Bier mit.
       
       taz: Ein aufregender Moment? 
       
       Rumpf: Meine Aufregung hat sich verloren, sobald wir zusammen gejammt
       haben. Letzten Endes sind wir ja alle Kolleg:innen. Aber klar: Keith
       Richards ist mein Held. Ich mochte die Beatles ebenfalls, doch die Stones
       fand ich besser. An ihnen habe ich immer bewundert, wie viel man aus so
       wenig machen kann. Obwohl Keith Richards eigentlich kein Virtuose ist, hat
       er so geniale Riffs erfunden. Darauf bauen die ganzen Stones-Nummern auf,
       dazu Mick Jaggers Texte und seine Frechheit beim Singen. Das ist einfach
       genial!
       
       taz: Haben Sie Mick Jagger bei Ihrer Jam-Session vermisst? 
       
       Rumpf: Nein. Wir sind beide Sternzeichen Löwe, das hätte schwierig werden
       können.
       
       taz: Haben Sie trotzdem [2][das neue Stones-Album „Foreign Tongues“] sofort
       erstanden? 
       
       Rumpf: Ich habe ein paar Songs gehört.
       
       taz: Klingt nicht gerade begeistert. 
       
       Rumpf: Ich bin ein totaler Fan der ersten Stones-Platten. Die neuen Lieder
       sind okay, irgendwie auch interessant, eben typisch Stones. Aber ich würde
       mir ihre Alben nicht mehr kaufen. Inzwischen gibt es eh so viel Musik, dass
       man gar keine Lust mehr hat, alles zu hören.
       
       taz: Hat Musik durch dieses Überangebot irgendwie ihren Reiz verloren? 
       
       Rumpf: Zumindest hat man sich früher intensiver mit Musik
       auseinandergesetzt. Damals habe mir alle sechs Monate für 16,95 D-Mark eine
       LP gekauft und die dann wirklich bis zum Abwinken gehört. Ich konnte jede
       Zeile mitsingen, jeden Ton auf der Gitarre spielen. Alle Texte habe ich
       analysiert. Das mache ich nun nicht mehr.
       
       taz: Heute sind Streaming-Dienste extrem populär. Nutzen Sie sie, um
       jüngere Musiker:innen zu entdecken? 
       
       Rumpf: Nein. Ich höre überhaupt keine Musik mehr, nicht mal im Auto.
       
       taz: Warum nicht? 
       
       Rumpf: Ich finde Stille schön. Im Laufe meines Lebens war ich so viel
       unterwegs und habe so viel Musik gehört, dass meinen Ohren Stille richtig
       guttut. Ich wohne ja auf dem Land, dort ist es total ruhig.
       
       taz: Wie sieht denn Ihr Alltag in der Wesermarsch aus? 
       
       Rumpf: Ich stehe um neun auf, manchmal sogar früher. Auf dem Land geht es
       sehr viel beschaulicher zu als in der Stadt, ich habe eine bäuerliche
       Nachbarschaft. Für mich ist es einfach schön, in der Natur zu sein. Ich
       habe einen großen Garten, der mich in Anspruch nimmt. Es erdet mich, in der
       Erde zu buddeln. Im Haus steht mein Spielzeug: Klavier, Gitarre und der
       ganze Computerkram. Wenn mir danach ist, mache ich neue Musik.
       
       taz: Also sind Sie so richtig auf dem Land angekommen? 
       
       Rumpf: Nach mittlerweile 25 Jahren schon. Durch das ständige Reisen hatte
       ich so ein Gefühl von Getriebenheit in mir. Auf dem Land habe ich mir ein
       Stück weit diese Normalität zurückerobert, die ich eigentlich nur als Kind
       in meiner Familie gehabt habe. Trotzdem fühle ich mich meiner Heimatstadt
       Hamburg nach wie vor total verbunden. Ich bin durch und durch Hamburgerin
       und freue mich immer, wenn ich nach Hamburg zurückkomme.
       
       taz: Wir sitzen hier in einem Konferenzraum Ihrer Plattenfirma – mit Blick
       auf die Elbe und den Hamburger Hafen. Stimmt Sie das ein wenig nostalgisch? 
       
       Rumpf: Ich fühle mich tatsächlich an meine Kindheit erinnert. Als junges
       Mädchen habe ich regelmäßig im Abendblatt geschaut, wann welche Schiffe in
       Hamburg ankommen. Dann bin ich zum Hafen gelaufen, um die Ankunft der
       Schiffe mitzuverfolgen. Mein Vater war ja Seemann, wahrscheinlich habe ich
       das deshalb in den Genen.
       
       taz: Sie sind in St. Georg aufgewachsen. Was für ein Stadtteil war das in
       jenen Tagen? 
       
       Rumpf: Ein völlig anderer als heute, ein Rotlichtviertel. Weil das ein
       heißes Pflaster war, haben unsere Eltern meine Schwester und mich immer
       gewarnt: „Lasst euch nicht mitschnacken!“ Also überreden, irgendwohin
       mitzugehen.
       
       taz: Wie haben Sie dort den Zugang zur Musik gefunden? 
       
       Rumpf: Wir haben in einem Mehrparteienhaus gewohnt. Als Kind habe ich bei
       den Nachbar:innen geklingelt und gefragt: „Darf ich etwas vorsingen?“ Fürs
       Singen habe ich dann fünf Pfennig oder einen Groschen gekriegt. Auf diese
       Weise habe ich begriffen, dass man mit Musik Geld verdienen konnte.
       Schließlich habe ich in einer Teestube in Hamburg den Engländer John
       O’Brien-Docker kennengelernt, der gerade eine Band gründete: [3][die City
       Preachers]. Ich stieg als Sängerin ein, so wurde Musik mein Beruf, meine
       Berufung.
       
       taz: Was haben Ihre Eltern davon gehalten? 
       
       Rumpf: Mein Vater war damals bereits ausgezogen, er hat eine andere Familie
       gegründet. Für meine Mutter war meine Leidenschaft für Musik in Ordnung,
       sie hatte nämlich in ihrer ostpreußischen Heimat selber im Chor gesungen.
       Zwar hat sie die englischen Texte nicht verstanden und konnte mit dieser
       Art von Musik, die wir gemacht haben, nicht unbedingt etwas anfangen.
       Dennoch war meine Mutter stolz auf mich. Später ist sie auch in meine
       Konzerte gegangen. [4][In der Fabrik] oder im Michel.
       
       taz: Die Musikszene hatte damals nicht den besten Ruf. Hat sich Ihre Mutter
       gar nicht daran gestört? 
       
       Rumpf: Selbstverständlich hatte sie Angst, dass ich unter die Räder kommen
       könnte. Wenn ich mal sehr spät nach Hause kam, hat sie geschimpft. Meiner
       Mutter zur Liebe habe ich zunächst eine dreijährige Ausbildung zur
       Schaufensterdekorateurin gemacht. Als ich dann meinen
       Kaufmannsgehilfenbrief hatte, war ich endlich frei. Ich konnte das tun, was
       ich wollte.
       
       taz: Ob bei City Preachers, Frumpy oder Atlantis: Sie waren hauptsächlich
       mit Männern in Bands. Wie schwierig war es für Sie, sich als Frau zu
       behaupten? 
       
       Rumpf: Ich war fleißig, diszipliniert und kreativ, das hat mir Respekt
       verschafft. Weil ich nicht nur Sängerin war, sondern auch ein Instrument
       spielen und Songs schreiben konnte, wurde ich akzeptiert. Insofern habe ich
       nie Probleme mit meinen Kollegen gehabt. Klar waren sie manchmal machomäßig
       drauf, das habe ich halt in Kauf genommen. Wenn wir im Bus unterwegs waren,
       haben die Männer Pornos geguckt.
       
       taz: Hat Sie das wirklich nie gestört? 
       
       Rumpf: Ich habe mich gar nicht darum gekümmert. Damals war das ja noch eine
       ganz andere Zeit.
       
       taz: Waren Sie jemals mit Sexismus in der Musikbranche konfrontiert? 
       
       Rumpf: Nein, zumindest nicht bewusst. Sicher wurde ich mal angemacht, das
       habe ich eher als Kompliment empfunden. Ich war sowieso ein androgyner Typ,
       ich sah aus wie die männlichen Musiker: lange Haare, Unterhemd, Jeans.
       Manchmal hat mich das Publikum gar nicht oder erst auf den zweiten Blick
       als Frau wahrgenommen.
       
       taz: Hat die Plattenfirma nie versucht, Sie fremdzusteuern? Etwa Ihr
       Äußeres zu verändern? 
       
       Rumpf: Doch. Nachdem die City Preachers angefangen hatten, auf Deutsch zu
       singen, schlug die Plattenfirma mir einen Schlager vor. Weil ich immer
       gerne in verschiedene Szenen eingetaucht bin, war ich einverstanden. 1968
       trat ich mit dem Lied „Schade um die Tränen“ beim Deutschen
       Schlager-Wettbewerb auf. Dafür hatte ich mir extra einen braunen Samtanzug
       genäht. Mit diesem Outfit war die Plattenfirma allerdings nicht
       einverstanden, ich sollte ein türkisfarbenes Minikleid tragen. Zuerst war
       ich stinksauer, dann habe ich es doch angezogen.
       
       taz: Trotz dieses kurzen Ausflugs zum Schlager galten Sie als deutsche
       Janis Joplin. Hat Ihnen das geschmeichelt? 
       
       Rumpf: Ich habe gedacht: In solche Schubladen stecken einen bloß
       Journalist:innen. In Wahrheit singe ich gar nicht wie Janis Joplin, ich
       habe einen völlig anderen Stil entwickelt.
       
       taz: Janis Joplin hat sich im Drogensumpf verloren. Wie exzessiv haben Sie
       Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll gelebt?
       
       Rumpf: Ich habe alles ein bisschen ausprobiert. Sobald ich dann aber
       gemerkt habe, dass etwas meinem Körper und meiner Stimme geschadet hat,
       habe ich wieder die Finger davongelassen. Deswegen habe ich diese Phase
       insgesamt doch relativ gut überstanden.
       
       taz: Ihre außergewöhnliche Stimme hat nicht nur die Deutschen beeindruckt.
       Woran ist eine Weltkarriere letztlich gescheitert? 
       
       Rumpf: Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Von meiner Plattenfirma
       kamen viele Angebote, mit einem amerikanischen Produzenten zu arbeiten.
       Zwei Produktionen habe ich auch gemacht. Dabei merkte ich schnell, dass man
       in einem Land, in dem man Erfolg haben will, leben, auftreten und ständig
       verfügbar sein muss. Zudem wurde mir bewusst, wie unglaublich groß die
       Konkurrenz in den USA war. Diesem Druck fühlte ich mich nicht gewachsen.
       Hinzu kam: Meine Mutter wohnte in Hamburg, sie brauchte mich.
       
       taz: Also sind Sie in Ihrer Heimatstadt geblieben. Wie würden Sie die
       damalige Hamburger Musikszene beschreiben? 
       
       Rumpf: Wie so ein Biotop. Es gab ganz unterschiedliche Stilrichtungen, die
       aufeinandertrafen. Aus einigen Konstellationen haben sich Rockgruppen
       entwickelt. Zugleich entstanden deutsche Lieder wie „Hamburger Deern“ von
       der Rentnerband. Alles schien möglich zu sein. Wir fühlten uns wie die
       Erober:innen unserer Zeit. Einer neuen Zeit.
       
       taz: 1970 wurde das legendäre Onkel Pö eröffnet. Ist es Ihr zweites
       Wohnzimmer geworden? 
       
       Rumpf: Kann man so sagen. Ich war sehr oft dort, wenn es Konzerte gab. Zum
       Beispiel habe ich Al Jarreau und Mitch Ryder live gesehen. Nach den
       Auftritten haben wir noch Sessions gemacht, wir haben gesabbelt und
       getrunken.
       
       taz: Tina Turner ist zwar nie im Onkel Pö aufgetreten, hat aber Ihren Song
       „I wrote a Letter“ gecovert. Warum? 
       
       Rumpf: Wir hatten denselben Verlag. Als Tina Turner ihr Comeback startete,
       hat ihr Produzent [5][meine LP „Reality“] gehört. Weil ihr „I wrote a
       Letter“ gefallen hat, coverte sie diese Nummer – als B-Seite ihrer Single
       „Let’s stay together“. Ich war sehr stolz darauf, dass meine große
       Soul-Schwester meinen Song gesungen hat. Leider habe ich Tina Turner nie
       kennengelernt.
       
       taz: Hat ihre Coverversion Sie angespornt, sich selber noch mal in „I wrote
       a Letter“ zu vertiefen? 
       
       Rumpf: Ich wollte aus diesem Stück eine Ballade machen, sie ist dann zu
       meinem 75. Geburtstag auf meinem Doppelalbum „Universe of Dreams & Hidden
       Tracks“ erschienen.
       
       taz: Arbeiten Sie jetzt an einem weiteren Album? 
       
       Rumpf: Am 13. September feiere ich mit meinen Fans aus ganz Deutschland in
       der Elbphilharmonie meinen 80. Geburtstag. Ich werde an diesem Abend mit
       musikalischen Langzeitfreund:innen aus 60 Jahren musizieren. Von diesem
       Konzert wird es einen Live-Mitschnitt geben.
       
       taz: Und danach? Ist Ihr nächstes Etappenziel die Aufnahme in den Club der
       Hundertjährigen? 
       
       Rumpf: Dort bin ich schon Mitglied – mit dem Präsidenten Udo Lindenberg.
       
       taz: Dann könnten Sie ja die nächsten 20 Jahre nutzen, um weitere Platten
       herauszubringen, oder? 
       
       Rumpf: Dafür müsste sich erst mal mein Live-Album gut verkaufen. Seitdem es
       Spotify gibt, ist es so, dass Künstler:innen für viel Geld etwas
       produzieren und das gar nicht mehr über Verkäufe refinanzieren können.
       Spotify mag zwar für die Konsument:innen gut sein, für uns Musiker:innen
       ist es jedoch ein Desaster. Deswegen stellt sich die Frage: Warum soll man
       überhaupt noch ein Album aufnehmen, wenn dabei nichts herumkommt?
       Live-Auftritte sind das Einzige, wo für Künstler:innen noch ein bisschen
       mehr Geld fließt.
       
       taz: Vielleicht müsste mal ein Superstar wie Beyoncé einen Ihrer Songs
       covern? 
       
       Rumpf: Beyoncé? Oh Gott, sie ist so weit weg von dem, was ich mache. Aber
       man soll niemals nie sagen, in diesem Business kann alles passieren. Dank
       KI könnte man sogar jetzt schon einen meiner Songs nehmen und Beyoncés
       Stimme darüberlegen.
       
       taz: Haben Sie je überlegt, die KI beim Songschreiben einzubeziehen? 
       
       Rumpf: Nein, das wäre gegen meine Künstlerin-Ehre.
       
       1 Aug 2026
       
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