# taz.de -- KI in der Sozialwissenschaft: Der berechenbare Mensch
       
       > Ein Sprachmodell soll vorhersagen, wie Menschen sich verhalten. Es
       > gelingt erstaunlich gut – und wirft neue Fragen für die Wissenschaft auf.
       
 (IMG) Bild: Flugscham oder fliegen? Ein Sprachmodell soll vorhersagen, wie Menschen sich verhalten
       
       Wie ehrlich sind die Menschen beim Ausfüllen ihrer Steuererklärung? Und ab
       wann ändern sie ihre Einstellung gegenüber Klimaschutzmaßnahmen? Um diese
       und ähnliche Fragen zu beantworten, gibt es die Sozialwissenschaften. Im
       Kern dreht es sich dabei oft um die Berechenbarkeit des Menschen. Und wo es
       um Rechenleistung geht, ist die künstliche Intelligenz nie weit. In den
       Naturwissenschaften ist die Nutzung von KI bereits üblich, beispielsweise
       um die Struktur bestimmter Proteine vorherzusagen. Nun untersuchte ein
       Forschungsteam, inwieweit große Sprachmodelle unter experimentellen
       Bedingungen menschliches Verhalten vorhersagen und seine Ursachen
       identifizieren können.
       
       ## Die Studie
       
       In der im Juli im Fachmagazin Nature [1][veröffentlichten Studie] wurden 70
       Umfrageexperimente aus den USA mit Daten von mehr als 119.000 Menschen
       untersucht. Das von [2][OpenAI entwickelte Sprachmodell GPT-4] erhielt
       jeweils den Studienaufbau und die Antwortskalen sowie Profile fiktiver
       Teilnehmender, mit Angaben zu Alter, Bildung, Ethnie, Geschlecht,
       Parteiidentifikation und Weltanschauung. Anschließend simulierte das Modell
       die Reaktionen dieser ausgedachten Versuchspersonen.
       
       Das Resultat: Die Vorhersagen der KI stimmen ziemlich genau mit den
       tatsächlichen Studienergebnissen überein. Doch obwohl die Richtung stimmt,
       überschätzt die KI die Stärke der Effekte systematisch, und zwar etwa um
       das Doppelte. Damit ist sie nicht allein, menschliche Vorhersagen zeigen
       das gleiche Muster. Die Vorhersage des Sprachmodells wurde zudem wesentlich
       ungenauer, als sie die Ergebnisse von 15 großen Studien mit
       Feldexperimenten vorhersagen sollte.
       
       ## Was bringt’s?
       
       Auf der positiven Seite stehen mögliche Zeit- und Kosteneinsparungen. Bevor
       aufwendige Studien durchgeführt werden, ließen sich die Ideen mit einem
       Sprachmodell durchspielen. So könnte man schneller erkennen, welche Ansätze
       sich für eine echte Studie lohnen.
       
       Aber: Das Risiko, dass Befunde publiziert werden, die nur von einer KI
       simuliert und nie wirklich getestet wurden, würde sich weiter erhöhen.
       Schon jetzt entstehen [3][in sogenannten Papiermühlen] massenweise
       KI-generierte Studien, die es immer öfter in die renommierten Fachjournale
       schaffen. Und würden rein simulierte Umfrageexperimente die
       sozialwissenschaftliche Forschung nicht ad absurdum führen? KI baut ihre
       Vorhersagen auf Bekanntem auf. Der Kern der Wissenschaft ist es jedoch,
       Neues zu entdecken und Wissen zu generieren.
       
       „Sollten solche Ansätze in Zukunft häufiger eingesetzt werden, befürchte
       ich einen degenerativen Prozess: Mit synthetischen Daten werden Ergebnisse
       produziert, die dann wiederum in die Generation synthetischer Daten
       eingehen, die dann wieder Ergebnisse produzieren“, kommentierte Professor
       Josef Brüderl von der LMU München die Studie [4][für das Science Media
       Center].
       
       1 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.nature.com/articles/s41586-026-10742-x
 (DIR) [2] /Kuenstliche-Intelligenz/!6198123
 (DIR) [3] /Druck-in-der-Forschung/!5980180
 (DIR) [4] https://www.sciencemediacenter.de/angebote/ki-prognostiziert-ergebnisse-sozialwissenschaftlicher-experimente-26162
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hannah Marlene Göschel
       
       ## TAGS
       
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