# taz.de -- Regierungsumbildung in der Ukraine: Schmutzige Wäsche waschen in Kyjiw
       
       > Die Absetzung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow löst Proteste
       > aus. Dessen Konflikte mit dem Oberbefehlshaber der Armee werden
       > öffentlich ausgetragen.
       
 (IMG) Bild: „Bringt Fedorow zurück“ fordern Demonstrant*innen in Kyjiw am 16.J uli 2026
       
       Kyjiw, Iwano-Frankiwsk, Odessa, Dnipro und Lwiw: In der Ukraine sind am
       Donnerstag in mehreren Städten Menschen auf die Straße gegangen. Auf
       Pappschildern waren Parolen zu lesen, wie „Zerstört nicht das, was
       funktioniert!“, „Schande!“, „Gebt uns Fedorow zurück!“ und „Fedorows
       Entlassung ist ein Verbrechen!“
       
       Radio Freies Europa zitiert einen Demonstranten in Kyjiw mit den Worten:
       „Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals jemand so ungerechtfertigt
       abgesetzt wurde. Normalerweise werden Leute wegen schlechter Ergebnisse
       entlassen, aber das hier wird Russland freuen.“
       
       Grund für den Unmut ist die Entscheidung von Präsident Wolodymyr Selenskyj,
       [1][sich seines Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow zu entledigen]. Der
       36-Jährige war erst im vergangenen Januar auf diesen Posten berufen worden.
       Beobachter*innen sind sich darin einig, dass Fedorow trotz seiner
       kurzen Amtszeit einiges auf der Habenseite hat.
       
       Dazu gehören neben sichtbaren Fortschritten bei der digitalen
       Transformation des Regierungsapparates vor allem der massive Ausbau der
       Drohnenkriegsführung und -produktion [2][sowie die Blockierung des Zugangs
       russischer Truppen zu Starlink-Satelliten]. Vor allem diesem Umstand ist es
       zu verdanken, dass die Fähigkeit russischer Truppen, einen effektiven
       Drohnenkrieg zu führen, massiv eingeschränkt ist und Kyjiw nach viereinhalb
       Jahren Krieg militärisch nicht schlecht dasteht – trotz fehlender
       personeller Ressourcen in den Streitkräften.
       
       ## Beflissene Exekutorin
       
       Die Entlassung Fedorows ist Teil einer umfassenden Regierungsumbildung.
       [3][Am vergangenen Sonntag hatte Selenskyj den Rücktritt von
       Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko angekündigt], was immer auch das Aus
       für das gesamte Ministerkabinett bedeutet.
       
       Selenskyj hatte in diesem Zusammenhang davon gesprochen, dass die Ukraine
       ihre politische Strategie ändere. Swyrydenko hatte ein Jahr der Regierung
       vorgestanden. Sie hatte sich weniger als Strategin und Visionärin, denn als
       beflissene Exekutorin von Entscheidungen profiliert.
       
       Die Nachfolge Swyrydenkos wird Serhij Koretzkij antreten. Bis dato leitete
       er den staatlichen Energiekonzern Naftohaz. Am Donnerstag stimmte eine
       Mehrheit von 289 Abgeordneten im Parlament für die Kandidatur Koretzkijs.
       
       Doch diese Personalie geht im Vergleich zu der Causa Fedorow fast unter.
       Offensichtlich wird jetzt erst einmal schmutzige Wäsche gewaschen und das
       auch noch in aller Öffentlichkeit. Schon am Mittwoch war durchgedrungen,
       dass es offensichtlich Unstimmigkeiten zwischen Fedorow und [4][dem
       Oberkommandierenden der Streitkräfte der Ukraine], Oleksandr Syrskyj,
       gegeben habe.
       
       ## Den Dienst quittiert
       
       Laut des russischen Dienstes der BBC habe sich Fedorow vor
       Journalist*innen zu dieser Frage geäußert. Syrskyj habe seine
       Entlassung herbeigeführt. „Im Grunde hat er ein Ultimatum gestellt. Anstatt
       zu überlegen, wie Russland zu besiegen ist, hat er überlegt, wie man das
       Land spalten kann“, so Fedorow.
       
       Auch Pawlo Jelizarow, der seinen Abschied als stellvertretender
       Befehlshaber der ukrainischen Luftstreitkräfte einreichte, hatte etwas
       beizutragen. Er nannte Fedorow einen „Initiator“ strategischer Reformen im
       Bereich der Luftverteidigung. Deren Blockierung werde zu zahlreichen Opfern
       und weitflächigen Zerstörungen in der Ukraine führen.
       
       Am Donnerstag äußerte sich auch Selenskyj zu dem Konflikt zwischen Fedorow
       und Syrskyj. „Ein Präsident sollte während des Krieges nicht vor eine
       solche Wahl gestellt werden. Noch einmal: Ich habe mir sehr Einheit
       gewünscht. Die Parteien haben sie nicht gefunden“, sagte er bei einer
       Pressekonferenz [5][mit dem scheidenden britischen Regierungschef Keir
       Starmer].
       
       Derzeit wird spekuliert, was die wahren Beweggründe Selenskyjs für die
       erneute Regierungsumbildung sind. Laut des Ukraine-Korrespondenten der BBC,
       Swjatoslaw Chomenko, sei von der neuen Regierung kein großer Durchbruch zu
       erwarten „Selenskyj wird der eigentliche Kopf der Exekutive in der Ukraine
       bleiben.“ Das wirft umso mehr die Frage auf: wozu dann das ganze
       Stühlerücken?
       
       16 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Neuer-ukrainischer-Verteidigungsminister/!5955088
 (DIR) [2] /Musk-deaktiviert-Starlink-in-Russland-Blockierte-Kommunikation-laesst-Ukraine-vorruecken/!6155537
 (DIR) [3] /Neue-ukrainische-Ministerpraesidentin/!6098355
 (DIR) [4] /Krieg-in-der-Ukraine/!5991331
 (DIR) [5] /Andy-Burnham/!6196087
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Oertel
       
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