# taz.de -- Tiere in der Großstadt: Der Schwarmintelligenz unterlegen
       
       > Wenn sich zwei Kranichschwärme neu sortieren, kann man so viel schauen
       > und überlegen, wie man will: Man wird nicht begreifen, wie sie es machen.
       
 (IMG) Bild: Poetisches Geschehen: Kraniche beim Sortieren
       
       Unglaublich, welch archaische, fast spirituelle Regung man angesichts eines
       Vogelschwarms entwickeln kann! Aber es sind ja auch nicht irgendwelche
       Vögel, die zweimal jährlich über unsere Siedlung ziehen, sondern eine
       riesige Kranichschar. Hunderte jener in Japan heiligen, weltweit Glück und
       Frieden symbolisierenden Vögel, die uns verlassen und wiederkommen,
       verlässlich wie Ebbe und Flut.
       
       Noch jedenfalls. Denn der Klimawandel wartet nicht; das Verhalten vor allem
       der Kurzstreckenzieher – zu denen Kraniche zählen – verändert sich. Anders
       als Langstreckenzieher wie der Storch, die für den mühsamen Überflug der
       Sahara exakte Flugrouten im Genom haben und schwer auf den [1][Klimawandel
       reagieren] können, sind Kurzstreckenzieher flexibler. Sie variieren ihre
       Abflug- und Rückkehrzeiten, richten sie aktuell nach Temperatur und
       [2][Nahrungsangebot] auch an den Unterwegsrastplätzen.
       
       Mönchsgrasmücken haben sogar – als bislang einzige Vogelart – binnen
       weniger Generationen eine andere Flugrichtung gefunden und vererbt. Seit
       einigen Jahren ziehen sie nicht mehr gen Spanien, sondern ins nahe
       [3][Südengland]. Auch dort ist es winters inzwischen warm genug – wozu also
       unnötig weite Strecken fliegen. Andere Arten verlassen Europa in immer
       wärmeren Wintern inzwischen gar nicht mehr.
       
       So weit sind die Kraniche noch nicht, fliegen sie doch – so jedenfalls
       unsere nachbarschaftliche Beobachtung – im immer gleichen Winkel über die
       Siedlung. Trotzdem sind wir immer wieder (freudig) überrascht, wenn wir,
       Efeu oder allerlei Gesträuch im Garten beschneidend, das Trompeten der
       Kraniche hören – erst vereinzelt, dann lauter und vielstimmiger.
       
       Von hoch oben senden sie einen weithin hallenden, die Raum akustisch
       vermessenden Gruß. Alle hören ihn, die Nachbarn kommen aus ihren Häusern,
       wollen sich zusammen begeistern, das Unglaubliche teilen. Keiner kann diese
       Grandiosität allein verkraften; schon stehen wir bei Kaffee und Kuchen
       zusammen.
       
       Die Kraniche schweben derweil in vertrauter Pfeilformation hoch über
       unseren Köpfen, die Starken vorn, die Schwächeren mittig und hinten, vom
       Aufwind der Vordervögel profitierend. By the way: Wer unter ihnen hat diese
       Sortierung eigentlich vorgenommen und beaufsichtigt? Wird da einer
       ausgeguckt oder gar gewählt im Kranichschwarm? Und wer managt – wenn nötig
       – den Zusammenschluss mehrerer Schwärme zu einem?
       
       Genau das nämlich passierte an jenem denkwürdigen Frühlingstag über unserer
       Siedlung, als immer mehr Kraniche auftauchten, in endloser Reihung. Dann
       löste sich die Pfeilstruktur eines der Schwärme aus ihrer Geometrie, bekam
       Ausbeulungen, es kam zum Vogelaustausch an den Rändern.
       
       Wir standen, staunten, schauten. Versuchten Methode und Ziel dieser
       Umstrukturierung zu verstehen und schafften es nicht. Wir, die Analytiker,
       die alles wissen, begreifen, bewerten, waren tatsächlich der
       Schwarmintelligenz dieser kleinen Tiere unterlegen! Deren Flugbahnen
       wirkten, als zeichne Gott persönlich etwas in den Himmel hinein.
       
       ## Des Rätsels Lösung erfuhren wir nie
       
       Wir warteten 30, 45 Minuten, hofften des Rätsels Lösung zu erfahren: die
       sauber sortierte Neuformation, in der dann geordnet gen Süden geflogen
       würde. Aber es sollte nicht sein: Die Vögel waren noch längst nicht fertig,
       als sie unseren Blicken entschwanden.
       
       Und ein bisschen fühlten wir uns wie die Auguren – jene Priester und
       Beamten, die im [4][alten Rom] vor wichtigen Politentscheidungen neben der
       Eingeweide- auch eine Vogelschau anstellten, um den Willen der Götter zu
       ergründen. Dafür wurde der Himmel in Quadranten aufgeteilt, einige Vögel
       auf ihre Rufe, andere auf ihre Flugbahn hin beobachtet.
       
       Anhand welcher Indizien sie die Zeichen deuteten, ist nicht überliefert,
       aber klar war: Das Wort der Auguren hatte Macht. Und wehe, wenn einer
       korrupt war und die Zeichen nach seinem oder seines Auftraggebers Gusto
       deutete! Obwohl, wie hätte man das nachweisen wollen? Kein Wunder, dass
       ihre Entscheidungen gelegentlich der Willkür bezichtigt und gerichtlich
       angefochten wurden.
       
       Und auch wenn uns das alles fern und heidnisch vorkommt: Den Impuls, den
       [5][Vogelflug] wenigstens in seiner inneren Struktur zu begreifen, spürten
       auch wir, als wir den konzentriert arbeitenden Kranichen zusahen. In diesem
       so poetischen wie philosophischen Moment, als die Vögel ihr Geheimnis,
       ihren kulturellen Code offenbarten und zugleich wahrten. Die uns zugleich
       einen Moment der Ehrfurcht und Ästhetik bescherten. Der uns weit vom Alltag
       entfernte und sich tief ins Gedächtnis grub. Gerade, weil er so vergänglich
       war.
       
       3 Aug 2026
       
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 (DIR) Petra Schellen
       
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