# taz.de -- Tomás Saraceno über Natur und Kunst: „Ein Werk gemeinsam mit den Menschen“
> Tomás Saraceno spricht über seine Arbeit mit indigenen Gemeinschaften in
> den Anden und den dortigen Lithiumabbau anlässlich seiner Münchner
> Ausstellung.
(IMG) Bild: Die Installation „Towards the Sanctuary of Water“ von Tomás Saraceno in collaboration, 2026, Ansicht Haus der Kunst München
taz: Tomás Saraceno, Sie sind im Norden Argentiniens, in San Miguel de
Tucumán geboren. Heute leben Sie als Künstler in Berlin. Ihre aktuelle
Ausstellung im Haus der Kunst in München ist in Kollaboration mit den
indigenen Gemeinschaften von Salinas Grandes in den argentinischen Anden
entstanden. Worum geht es in „Verwobene Welten“?
Tomás Saraceno: Mir geht es vor allem um ein Nachdenken über die Zukunft
und vielfältige Vorstellungen von Zukunft. Die Ausstellung sucht nach einem
Gleichgewicht zwischen dem akademisch-wissenschaftlichen Wissen und dem
traditionellen ökologischen Wissen indigener Gemeinschaften. Der
Anthropologe Arturo Escobar spricht von einem „Pluriversum“, einer Welt, in
der viele Welten Platz haben.
taz: Als Künstler [1][experimentieren Sie mit Spinnennetzen] oder
emissionsfreien Heißluftballons. Was fasziniert Sie daran?
Saraceno: Ich bin in einer Familie von Wissenschaftlern groß geworden. Was
nicht in der renommierten Zeitschrift Nature erschien, war für meine
Familie nicht existent. Und viele Jahre habe ich mich auch in meiner Kunst
sehr auf Naturwissenschaften konzentriert. Seit etwa zehn Jahren versuche
ich, verschiedene Wissenswelten nicht mehr isoliert zu betrachten, sondern
einen ausgewogenen Dialog zwischen ihnen herzustellen.
taz: Sie kamen 1973 am Fuße der Anden zur Welt. Was verbinden Sie heute mit
der Region?
Saraceno: Ich war eineinhalb Jahre alt, als mein Vater am Vorabend der
Diktatur festgenommen wurde. Meine Schwester kam auf die Welt, als er im
Gefängnis saß. Doch dank der Tatsache, dass mein Vater in Italien geboren
war und einen italienischen Pass besaß, konnte die ganze Familie nach
seiner Freilassung nach Italien ins Exil gehen. Mit Präsident Alfonsín
kehrte 1983 die Demokratie in Argentinien zurück. 1986 beschloss auch meine
Familie, zurückzukommen
taz: Zurück nach Tucumán?
Saraceno: Nein, ins Landesinnere nach San Luis. Ich war inzwischen zwölf
oder dreizehn Jahre alt und zu einem Italiener geworden. Später mit
achtzehn Jahren habe ich mich mit einem Freund in der [2][Atacamawüste
getroffen und die Salare, die Salzseen, zum ersten Mal gesehen]. Da habe
ich mich in diese Landschaft verliebt und sie seitdem Stück für Stück
entdeckt. Das ist jetzt über dreißig Jahre her. Vielleicht lag es daran,
dass diese Annäherung schrittweise erfolgte, dass sie reifte, um mich einer
Realität und einer Kultur anzunähern, zu der ich vielleicht gehöre, in der
ich mich aber gleichzeitig fremd fühle.
taz: Und dann haben Sie begonnen, Kunstprojekte in jenem Teil der Anden zu
realisieren?
Saraceno: Eine erste Ausstellung fand 2006 im Barbican Center in London
statt. Für die Videoinstallation „Cumulus“ hatten wir im bolivianischen
Salar de Uyuni die Bewegung der Wolken, die sich auf der Oberfläche
spiegelten, mit 32 Kameras festgehalten. Danach haben wir ein weiteres
Video bei Nacht gedreht und später begonnen, Heißluftballons nur mit
Sonnenwärme steigen zu lassen.
taz: Schon viele Jahre sind Sie im Austausch mit den indigenen
Gemeinschaften von Salinas Grandes im Norden Argentiniens. Die Bewohner
leben dort seit jeher von Salzgewinnung, Viehzucht und heutzutage in
kleinem Umfang auch vom Tourismus. Doch der Lithiumabbau mit seinem
extremen Wasserverbrauch zerstört nun ihre Lebensgrundlage und das
empfindliche Ökosystem. Was zeichnet diese Region und ihre Bewohner aus?
Saraceno: Was die Menschen in den Gemeinschaften sagen, was sie tun und wie
sie leben steht in engem Zusammenhang. Das ist eine Jahrtausende alte
Kultur, die im starken Gegensatz zu den Realitäten woanders erscheint. Doch
die indigenen Kulturen, die vielleicht nur fünf Prozent der Weltbevölkerung
ausmachen, sind gleichzeitig diejenigen, die den Großteil aller Lebensräume
der Artenvielfalt sichern und bewahren. Wieso also geht die westliche Welt
davon aus, dass die Natur von den Menschen, die in diesem Gebiet leben,
losgelöst wäre?
taz: Parallel zur Münchner Ausstellung entstand in Salinas Grandes aus
Tonnen von Salz ein dauerhaftes Land-Art-Projekt, das „Santuario del Agua“.
Worauf bezieht sich das?
Saraceno: Bei Vorführungen des Films „Fly with Pacha, into the Aerocene“
oder dem Verkauf der Fotografien aus der Region Atacama ging immer ein
Drittel aller Einnahmen an die Gemeinschaften. Das war ein Ansatz, um
andere Arten von Beziehungen zu knüpfen. Das schuf Vertrauen, sodass die
Gemeinschaften nach zwölf oder fünfzehn Jahren zu mir sagten: „Tomás, wir
finden toll, was du geschaffen hast, aber mach doch hier etwas.“
Als mich das Haus der Kunst zu einer Ausstellung einlud, sagte ich zu
Andrea Lissoni, mit Sarah Johanna Theurer Kurator des Projekts: Ich glaube,
es sollte darum gehen, eine Verbindung zwischen diesen sehr
unterschiedlichen Realitäten an einem Ort herzustellen, der wirklich über
die Energiewende aus einer präzisen Perspektive nachdenkt. Und einen großen
Teil der Mittel dafür zu nutzen, ein Werk gemeinsam mit den Menschen zu
errichten, die dort leben.
Wir schaffen eine Skulptur, einen Ort, den ein Bulldozer zerstören kann,
wann immer die Unternehmen es beschließen. Aber wenn wir einen Ort
schaffen, der sich in eine „Apacheta“ verwandelt – also einen
traditionellen Ort für ein Ritual der Dankbarkeit gegenüber Pachamama, der
Mutter Erde – und mit ihrer ganzen Weltsicht verbunden ist, dann ist das
ein heiliger Ort. Und das Wasser, Puri, sollte als etwas Heiliges behandelt
werden.
taz: Die [3][argentinische Soziologin und Autorin Marístella Svampa] hat in
ihren Analysen zur Klimakrise deutlich gemacht, dass die koloniale
Geschichte Lateinamerikas auch eine Geschichte des Extraktivismus ist,
einer Plünderung natürlicher Ressourcen für einen Konsum, der an anderer
Stelle stattfindet. Heute ist Lithium ein gefragter Rohstoff für den
Ausstieg aus den fossilen Energien. Warum ist Wasser das zentrale Thema des
lokalen Widerstands gegen den Megaabbau?
Saraceno: Bei den ersten Begegnungen mit den Gemeinschaften von Red Atacama
habe auch ich anfangs viel über Luft gesprochen, weil mich das Thema
fasziniert. Aber die Diskussionen führten immer wieder zum Wasser zurück
und die Gemeinschaften wiederholten: Sprecht nicht über Lithium, sprecht
nicht über seltene Erden, sprecht über das Wasser, denn am Ende ist es das
Wasser, das verschmutzt wird, abfließt oder verdunstet. Ohne Lithium, ohne
Gold, ohne Silber können Menschen leben, aber nicht ohne Wasser.
taz: Doch es sind die eigenen Regierungen in Lateinamerika, die ihre
Ressourcen in die Hände multinationaler Konzerne geben.
Saraceno: In Argentinien haben wir das schlimmste Beispiel einer totalen
Liberalisierung. Javier Milei ist die nationale Schande Nummer eins. Alles
wird verschenkt. Aber was kommt danach? Ich weiß nicht, wann die Leute
endlich begreifen werden, wohin das führt. Aber die indigenen
Gemeinschaften bleiben standhaft. Sie sagen, wir existierten schon lange
vor dem argentinischen Nationalstaat und haben unsere eigene politische und
soziale Organisationsform, die respektiert werden muss.
taz: Im Haus der Kunst zeigen Sie verschiedenste raumgreifende
Installation. In einem Raum schweben große Kugeln über einer Wasserfläche.
Auch dieses Werk trägt den Titel „Towards the Sanctuary of the Water“.
Welcher Dialog findet hier statt?
Saraceno: Ich habe versucht, die verschiedenen Welten weiterzudenken. 1919
nutzte der Astrophysiker Arthur Eddington eine Sonnenfinsternis in
Westafrika, um mit Fotografie Einsteins allgemeine Relativitätstheorie zu
bestätigen. Dadurch gelang es ihm, bekannt zu machen, dass Raum und Zeit
miteinander verflochten sind. In den andinen Gemeinschaften bezeichnet
„Pacha“ die fast unteilbare Raumzeit. Was Quantenphysiker heute zu
beschreiben versuchen, ist bereits seit Jahrtausenden bekannt.
taz: Das Haus der Kunst, 1937 errichtet, ist mit der [4][Geschichte des
deutschen Nationalsozialismus] eng verbunden. Seine gigantische Architektur
stellt zeitgenössische Kunstausstellungen vor große Herausforderungen. Wie
gehen Sie damit um?
Saraceno: Es ist viel zu klein. Dieses Gebäude müsste so groß wie die ganze
Welt sein, um diese anderen Lebensformen zu verstehen. Also öffnet die
Türen! Geht zum Eisbach gleich nebenan und schwimmt. Hört den Gesang der
Vögel. Kein Gebäude kann ein so reichhaltiges Wissen fassen, wie es uns die
indigenen Gemeinschaften anbieten.
16 Jul 2026
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## AUTOREN
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