# taz.de -- Krieg in der Ukraine: Zwischen Luftalarm und Machtpolitik
> In Odessa versucht man die russischen Luftangriffe so gut es geht zu
> ignorieren. Während wieder eine russische Raffinerie in Flammen steht,
> bildet die Ukraine die Regierung um.
(IMG) Bild: Neue Angriffe auf russische Ölraffinerien: die Anlage Syzran in der südöstlichen Stadt Samara
Die Autos an der Kreuzung vor der Fußgängerzone im Zentrum Odessas fangen
am Sonntagmittag an zu hupen. Eines der Elektromobile für Stadtrundfahrten
versperrt den Weg, als es eine Gruppe Schulkinder einlädt. Nebenan
schlendern Einheimische und Touristen zu Cafés und Geschäften. Eine leichte
Brise vom Schwarzen Meer macht die Sommersonne erträglich.
Die scheinbar entspannte Atmosphäre steht im Widerspruch zum tatsächlichen
Geschehen: Das ganze Wochenende heult in Odessa immer wieder die Sirene und
warnt vor [1][russischen Luftangriffen.] Russische Drohnen fliegen von der
russisch besetzten Krim an. Dazu kommen Flugzeuge, die aus Osten kommen und
außerhalb der Reichweite der ukrainischen Flugabwehr ihre
Luft-Boden-Raketen abfeuern.
In den einschlägigen Telegramkanälen werden sehr genaue Informationen über
Position und Richtung mitgeteilt. Wer will, kann also versuchen sein
Verhalten daran auszurichten. Allerdings sind zumindest die Raketen so
schnell, dass man es auch nicht mehr zu einem Schutzraum schaffen würde.
Viele Menschen nehmen es deshalb fatalistisch und hoffen, dass die
Luftverteidigung die meisten Angriffe abwehrt. Auch Angriffe mit
ballistischen Raketen richten sich gegen die Stadt.
Am Samstagvormittag wird vor solch einem Angriff gewarnt. Keine zwei
Minuten später erschüttert eine heftige Detonation die Innenstadt. Die
Druckwelle aus Richtung des nahegelegenen Hafens lässt die Fensterscheiben
wackeln. Später heißt es, ein Objekt der Infrastruktur sei getroffen
worden. Zwei Todesopfer seien zu beklagen. In der Nacht habe Russland die
Ukraine mit 115 Langstreckendrohnen und neun von Flugzeugen abgefeuerten
Lenkraketen sowie mit vier Anti-Radar-Rakten angegriffen. Zwei Raketen und
19 Drohnen hätten zwölf Orte getroffen.
## Der Alltag geht weiter
Mindestens vier Menschen wurden in den Regionen Dnipropetrowsk und Cherson
getötet. Großangriffe wie jüngst auf Kyjiw erlebt Odessa derzeit nicht.
Stattdessen ist es eher eine stete Folge wiederkehrender Attacken. „Im
Winter und im Frühjahr ging das über Wochen so“, erinnert sich Katya, die
südlich der Innenstadt entfernt vom Hafen lebt. Sie sei erschöpft. Aber sie
wolle sich auch nicht ihren Alltag von Russland diktieren lassen. Wie
berichtet sind der Ukraine die Flugkörper für das Flugabwehrsystem Patriot
ausgegangen. Ohne sie fehlen die Mittel, um ballistische Raketen
abzufangen. Vergangenen Mittwoch hatte US-Präsident Donald Trump
angekündigt, [2][der Ukraine die Erlaubnis zu erteilen, US-Patriot-Systeme
in Lizenz selbst herzustellen.] Doch das dürfte viele Monate dauern. Bis
dahin muss das angegriffene Land hoffen, das andere Länder aus eigenen
Beständen überbrücken.
Auch die ukrainischen Streitkräfte sind in der Nacht nicht untätig.
Offenbar haben sie erneut eine Raffinerie in Russland erfolgreich mit
Langstreckendrohnen angegriffen. Die Raffinerie in Syzran an der Wolga in
der Region Samara gehört zu den größeren in Russland. Fotos von Bränden und
aufsteigenden Rauchwolken machen in sozialen Netzwerken die Runde. Die
Anlage soll bereits im April und Mai getroffen und für mehrere Wochen
stillgelegt worden sein. Seit mehreren Monaten führt die Ukraine
systematisch Angriffe gegen die erdölverarbeitende Industrie in Russland
aus.
Inzwischen sollen alle Raffinerien im europäischen Teil Russlands getroffen
worden sein. Sogar eine Raffinerie im westsibirischen Omsk rund 2.500
Kilometer von der Ukraine entfernt. Anscheinend sorgen die Schäden für
Versorgungsengpässe bei Benzin und Diesel in Russland, die sogar Machthaber
Wladimir Putin jüngst einräumen musste. Der Export ist eingestellt. [3][An
Tankstellen bilden sich lange Schlangen.] In vielen Regionen wurden
Mengenbeschränkungen verhängt.
## Angriffe auf russische Schiffe
Die Ukraine hat nach eigenen Angaben in der Nacht zu Sonntag 14 russische
Schiffe angegriffen, darunter zehn Tanker. Vier der Ziele seien Fähren
gewesen, teilte der Kommandeur der Drohnenstreitkräfte, Robert Brovdi, auf
Telegram mit. In den vergangenen sieben Tagen seien insgesamt 90 russische
Schiffe getroffen worden. Ob das auch heißt, dass die Schiffe fahruntüchtig
sind, wurde nicht klar.
In der ukrainischen Regierung bahnen sich unterdessen Veränderungen an.
Ministerpräsidentin Yulia Swyrydenko soll gehen, obwohl sie das Amt der
Regierungschefin erst vor einem Jahr übernommen hatte. Auf der Plattform X
teilt Präsident Wolodymyr Selenskyj seine Dankbarkeit für ihre Arbeit mit.
Er habe ihr eine neue Aufgabe bei den Beziehungen zu einem wichtigen
Partner angeboten, schreibt er. Offenbar steht eine Kabinettsumbildung an,
doch eine Nachfolge wurde am Sonntagnachmittag noch nicht bekannt. Erste
Anzeichen deuten auf den Chef des staatlichen Gaskonzerns Naftohas, Serhiy
Korezkiy. Fotos von Selenskyj im Gespräch mit ihm sowie mit mehreren
amtierenden Ministern kursieren im Netz.
12 Jul 2026
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