# taz.de -- Historiker über Faschismus auf Mallorca: „Es ging darum, das Patriarchat wiederherzustellen“
> Das Buch „Mallorca 1936“ erinnert an die Kämpferinnen im Spanischen
> Bürgerkrieg. Sie provozierten Faschisten und Konservative – und tun es
> bis heute.
(IMG) Bild: Waren den konservativen Eliten ein Dorn im Auge: Letzte gemeinsame Aufnahme der fünf in Manacor ermordeten Milizionärinnen
taz: Herr Botsmann, viele Urlauber, die auf Mallorca sind, kennen ihre
Lieblingsorte. Was übersieht man dort beim Strandurlaub?
Hartmut Botsmann: In der Gemeinde von Sant Llorenç gibt es einen beliebten
Strand namens Sa Coma. Unter dem Sand wird ein Massengrab mit 200 bis 500
Opfern vermutet. Dabei handelt es sich um Milizionäre, die auf die Insel
gekommen sind, um die Insel nach dem faschistischen Putsch
[1][zurückzuerobern].
taz: Worum wurde gekämpft?
Botsmann: Spanien hat im April 1931 die Zweite Republik ausgerufen, das
heißt, die Monarchie, alte Hierarchien und Herrschaftsstrukturen wurden
beseitigt. Mithilfe einer parlamentarischen Demokratie wurden das
Frauenwahlrecht, das Recht auf zivile Ehen, auf Scheidung, auf Abtreibung
und auch auf Lohnarbeit für Frauen eingeführt. All diese Verbesserungen
waren den reaktionären und faschistischen Kräften von Anfang an ein Dorn im
Auge.
taz: Welche Bedeutung hatte die Insel im Spanischen Bürgerkrieg?
Botsmann: Mallorca hat sich im Bürgerkrieg zu einer Art Flugzeugträger
entwickelt. Die Insel ist schnell in die Hände der Faschisten gefallen. Von
Mallorca aus wurde die republikanische Küste, das Festland, vor allen
Dingen Valencia, Málaga und Barcelona bombardiert, mithilfe der
italienischen Luftwaffe und der deutschen Legion Condor.
taz: Welche Rolle haben Frauen im Spanischen Bürgerkrieg gespielt?
Botsmann: Vom Moment des Militärputsches an verfügte das verbleibende
republikanische Territorium über kein geordnetes Militär mehr. Die linken
und republikanischen Organisationen haben eigene Milizen gebildet und von
Barcelona aus 45.000 Kämpferinnen und Kämpfer an die Fronten geschickt. In
ganz Spanien waren bis zu 3.000 Frauen daran beteiligt. Von den eigenen
Kameraden wurde ihnen sehr schnell vorgeworfen, Geschlechtskrankheiten zu
verbreiten und die Kampffähigkeit der Einheiten zu beeinträchtigen.
taz: Ein besonderes Augenmerk des Buches liegt auf der Repression gegen
Frauen. Warum hat Francos Regime Frauen verfolgt?
Botsmann: Die Frauen sind diejenigen Personen in der spanischen
Gesellschaft, die die meisten Fortschritte erlangten während der Republik.
Dem Franco-Regime ging es in erster Linie darum, das Patriarchat
wiederherzustellen. Für die Kirche waren Frauen, die aus ihrer
traditionellen Rolle traten, gefallene Frauen, sie galten als „rote Viren“,
die es zu beseitigen galt. Insbesondere republikanische Aktivistinnen
wurden verfolgt, inhaftiert und exemplarisch abgestraft und erniedrigt.
taz: Wie kommen Frauen in den Erzählungen vom Spanischen Bürgerkrieg vor?
Botsmann: Der Normalfall ist, dass es um Männer geht und Frauen als
Begleiterinnen dargestellt werden. Im Grunde ist es so, dass sich in der
Geschichtsschreibung das Patriarchat abbildet. Die Geschichtsschreibung hat
über Jahrzehnte den gleichen Fehler begangen wie die Gesellschaften in
modernen europäischen Gesellschaften – und zwar den, dass die Frauen im
Hintergrund bleiben. Aber es gibt viel zu erzählen über diese Frauen. Es
ist ein Tagebuch zurückgeblieben auf der Insel. Anhand dessen kann man
nachvollziehen, was mit fünf konkreten Frauen passiert ist. Und diese
Schicksale haben die mallorquinische Erinnerungspolitik und
Erinnerungskultur in Atem gehalten.
taz: Wie sieht es denn mit der Erinnerungskultur auf Mallorca aus?
Botsmann: Gut, über die Jahre ist sie viel intensiver geworden. Da gibt es
Programme zu Exhumierungen, zur Änderung von Straßennamen, zum Abbau
faschistischer Monumente und zur Schaffung von Orten der Erinnerung. Und
das ist jetzt in Gefahr. Wir haben eine konservative Landesregierung, die
auf die Stimmen der Neofaschisten angewiesen ist. Ein Opfer der rechten
Politik ist die [2][historische Aufarbeitung]. Wenn die wegfällt, ist das
ein großer Verlust.
13 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_um_Mallorca
(DIR) [2] /Aufarbeitung-des-spanischen-Faschismus/!5982217
## AUTOREN
(DIR) Valentin Endraß
## TAGS
(DIR) Bürgerkrieg
(DIR) Mallorca
(DIR) Spanien
(DIR) Patriarchat
(DIR) Franco
(DIR) Spanischer Bürgerkrieg
(DIR) Barcelona
(DIR) Spanien
(DIR) Bürgerkrieg
(DIR) Politisches Buch
(DIR) Ausstellung
(DIR) Spanien
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Tourismus in Spanien: Die Schule als Touri-Hotspot
Eine Privatschule in Barcelona hat ein Problem: Sie wurde von Gaudí erbaut
und soll nun zu einer Museumsattraktion werden. Die Eltern fürchten Chaos.
(DIR) 90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg: Als die Stadt ihren Dichter ermorden ließ
Im andalusischen Granada wurden besonders viele Menschen von den Anhängern
Francos getötet. Lange tat sich die Stadt mit der Aufarbeitung schwer.
(DIR) Autor über die spanische Nachkriegszeit: „Der Hunger ist Teil der Logik des Sieges“
Miguel Ángel del Arco Blanco ist Experte für die Zeit unmittelbar nach dem
Spanischen Bürgerkrieg. Hunger und Repression gehörten damals zusammen.
(DIR) Buch über Erinnerungskultur in Spanien: Erinnern, um zu vergessen
Spanien tut sich schwer mit dem Erbe der Franco-Diktatur. Thomas Stölting
plädiert für ein Ende des Schweigens und eine produktive Erinnerungskultur.
(DIR) Schau zum Spanientourismus: Urlaub machen, wo andere unterdrückt werden
Als Spanien zum Sehnsuchtsort der Deutschen wurde, war es noch mitten in
der Diktatur. Eine Schau in Berlin reflektiert die Ambivalenz.
(DIR) „50 Jahre in Freiheit“ nach Francos Tod: Spaniens Konservative kritisieren Gedenkjahr
In Spanien bricht Streit aus um das Gedenkjahr zu Francos Tod vor 50
Jahren. Die rechte Opposition läuft Sturm gegen die Veranstaltungen.