# taz.de -- Tourismus in Spanien: Die Schule als Touri-Hotspot
       
       > Eine Privatschule in Barcelona hat ein Problem: Sie wurde von Gaudí
       > erbaut und soll nun zu einer Museumsattraktion werden. Die Eltern
       > fürchten Chaos.
       
 (IMG) Bild: Touristenmagnet Gaudí: Vom Aussichtspunkt Turo de la Rovira kann man die Sagrada Família in Barcelona gut sehen
       
       Vergleiche aus dem Fußball macht Oriol Segarra gern. „Wir wissen nicht, ob
       sie in der Champions League spielen wollen oder in der Dritten Liga“, sagt
       der Elternvereinsvorsitzende der Schule Col·legi de les Teresianes. Die
       katholische Privatschule in der Straße Ganduxer im Stadtteil Sant
       Gervasi-Galvany, einem der wohlhabendsten Viertel Barcelonas, gehört dem
       Orden Santa Teresa de Jesús und wurde 1888 bis 1890 von keinem Geringeren
       als dem wohl bekanntesten [1][katalanisch-spanischen Architekten Antoni
       Gaudí] gebaut.
       
       Und genau hier beginnt das Problem mit der Champions League oder der
       dritten Liga. Die Schulleitung will jetzt 100 Jahre nach dem Tod Gaudís ein
       Museum im Gebäudekomplex aus der neogotischen Phase des Architekturstars
       von einer Privatfirma einrichten lassen. „Die Erfahrung der jüngsten
       Generation an Museumstechnik“, verspricht die künftige Betreiberfirma. 2028
       soll die Eröffnung sein.
       
       Alles sieht eher nach einem Museum der Champions League als einem, das in
       der dritten Liga spielen will, aus. Es soll mehrere derzeit leerstehende
       Säle nutzen und neben einer Ausstellung zu virtuellen Aktivitäten laden.
       Von 3.000 Quadratmetern, von frei zugänglichen Gartenanlagen und vom Zugang
       zum zentralen Innenhof ist in der Presse die Rede. Wer die Seite der
       Betreiberfirma IngeniaCultura aufruft, muss feststellen, dass diese sich
       weniger auf Museen als auf kulturelle Freizeitangebote spezialisiert hat.
       
       Dutzende Eltern protestierten deshalb Mitte Juni vor dem Schulgebäude. „Wir
       sind kein Museum, wir sind eine Schule“ stand auf ihren Protestplakaten zu
       lesen. Sie fürchten den Massentourismus. Denn wo in Barcelona mit Gaudí
       geworben wird, wie etwa in der Kirche Sagrada Família, dem Park Güell oder
       den Gebäuden Casa Batlló und La Pedrera, strömen Tausende Besucher hin –
       täglich. Lärm, Müll aber auch Taschendiebe wären die Folge, sollte dies
       auch mit der Schule passieren, so die Befürchtungen der Eltern.
       
       ## Vatikan gibt grünes Licht für Pläne
       
       Über 1.200 Kinder besuchen das Col·legi de les Teresianes, vom Kindergarten
       bis zum Abitur. Segarra, Vater von vier Kindern an der Schule, betont, dass
       das Gebäude eines der unbekanntesten Werke Gaudís sei. Der Architekt
       erhielt den Auftrag direkt vom Ordensgründer, dem heiligen Enric d’Ossó.
       Die berühmten und eleganten Korridore mit Gewölben und parabelförmigen
       Bögen, die bisher – wer keine Kinder auf der Schule hat – nur auf Fotos
       bestaunen kann, sind nur eines von vielen spirituellen Details, mit denen
       Gaudí das Gebäude schmückte. „Gaudí und die Spiritualität“ soll das Museum,
       das mittlerweile vom Vatikan genehmigt wurde, deshalb auch zum Thema haben.
       
       Der 44-jährige Ökonom Segarra hält sich trotz aller besorgniserregenden
       Presseberichte noch mit allzu starker Kritik zurück. „Der Elternverband
       muss erst alle Details kennen, das Kleingedruckte, bevor wir endgültig
       Stellung beziehen“, sagt er. Sollte ein Champions-League-Museum entstehen,
       fürchtet er um die Ruhe und Sicherheit der Kinder und kündigt Widerstand
       an. Ein kleines, dezentes Museum, das sich in den Schulalltag einfügt, hält
       er hingegen für akzeptabel.
       
       Just am Morgen des Interviews mit der taz mussten Segarra und die anderen
       Eltern in der katalanischen Tageszeitung Ara das hier lesen: „Die
       Instandhaltung dieses Juwels ist sehr kostspielig, und kontrollierte
       Besuche würden das finanzielle Problem lösen. […] Die Scheiterhaufen auf
       Whatsapp sollten uns nicht davon abhalten, den Gründen der Teresianerinnen
       Gehör zu schenken“, verteidigt die Zeitung aus dem fortschrittlichen
       Unabhängigkeitslager die Pläne des Ordens. Nur ein großes Museum ist in
       diesem Sinne rentabel. Keine Entwarnung also.
       
       Wie ein kleines bescheidenes Museum sich in den Schulalltag integrieren
       lässt, macht das älteste Gymnasium Spaniens, das [2][San Isidro im
       historischen Stadtkern Madrids], vor. „Wir nutzen das Museum als Teil des
       schulischen Bildungsprojektes“, erklärt Rafael Martín, Direktor der
       Bildungseinrichtung. Es sind Schüler und Schülerinnen, die durch die
       ständige Ausstellung in einem alten Treppenaufgang führen. „Lernen mittels
       Dienst an der Allgemeinheit“ heißt dies. Andere SchülerInnen besuchen
       Altenheime und Tagesstätten, um mit den Bewohnern zu sprechen.
       
       Die ersten Schüler besuchten das San Isidro im Schuljahr 1625/26. Die
       Einrichtung feiert somit 400 Jahre Bestehen. Die Liste der berühmten
       Abgänger ist lang. Unter ihnen sind Schriftsteller wie Felix Lope de Vega,
       Francisco de Quevedo, Calderón de la Barca, Mariano José Larra oder die
       Literaturnobelpreisträger Jacinto Benavente, Vicente Aleixandre und Camilo
       José Cela, über zahlreiche namhafte Politiker, Wissenschaftler und
       Journalisten bis hin zu dem Schauspieler und [3][Regisseur Santiago
       Segura]. In der Schule spielen mehrere berühmte Romane wie etwa der „Baum
       der Erkenntnis“ von Pío Baroja oder Episodios nacionales von Benito Pérez
       Galdós. Selbst Netflix drehte hier.
       
       „Jetzt zum 400. Jahrestag waren wir natürlich überall in der Presse und in
       Funk und Fernsehen“, sagt Martín. Das zieht immer mehr Besucher an. Sie
       wollen das Gebäude sehen und die Ausstellungstücke, wie alte Apparate aus
       den Laboren, präparierte Tiere aus dem alten Biologiesaal, technisches
       Gerät, wie etwa der erste Projektor in ganz Spanien, oder die erste
       Röntgenaufnahme, die in Spanien gemacht wurde, von einem Lehrer am San
       Isidro.
       
       ## Menschenmassen seit März
       
       Doch der Massenandrang kam Mitte März. „Irgendein Influencer hat hier mit
       dem Handy gedreht und dies ins Netz gestellt“, berichtet der 56-jährige
       Direktor und Biologielehrer Martín. Das änderte alles. Plötzlich warten zu
       den Museumsöffnungszeiten Donnerstag- und Freitagnachmittag, nach
       Schulschluss, Hunderte auf Einlass. „Außerdem wollten immer wieder
       Touristen den Tag über auf den Schulhof“, berichtet Martín. Der Hof mit
       seinem doppelstöckigen Säulengang und den Habsburger-Wappen ist das
       Schmuckstück der Schule. „Wir mussten ein System zur Voranmeldung
       einführten“, sagt Martín. Nur wenige Dutzende Interessierte können das
       Museum pro Woche besuchen
       
       Das Besucherbuch zeugt davon, dass die Zeiten, als dies vor allem ehemalige
       Schüler warten, die ihren Angehörigen das San Isidro zeigen wollten, längst
       vorbei sind. Einträge auf Englisch, Französisch und Deutsch zeugen von
       internationalem Publikum. „Unsere Schüler führen sie in ihren Sprachen“,
       sagt Martín stolz. Irgendein Lehrer oder Lehrerin ist immer im Hintergrund,
       für alle Fälle. „Ein gut organisiertes Museum lässt sich problemlos mit dem
       Schulalltag vereinbaren“, beschreibt Direktor Martín seine Erfahrung.
       
       Der Unterschied zum Col·legi de les Teresianes in Barcelona: Das San Isidor
       ist keine private, sondern eine öffentliche Schule. Es geht nicht ums Geld.
       Alles ist kostenlos und ehrenamtlich. „Was wir machen, muss zum
       Bildungsprojekt beitragen und soll die Schule im Umfeld bekannt machen und
       verankern“, erklärt Schulleiter Martín.
       
       23 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Architekt-Antoni-Gaudi/!6184017
 (DIR) [2] /Diversitaet-in-Spanien/!5607057
 (DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Santiago_Segura
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reiner Wandler
       
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