# taz.de -- Expertin über Gefahr einer Finanzkrise: „Es droht massiver Wertverlust durch Energie- und Klimakrise“
> Ökokatastrophen, Kriege, eine mögliche KI-Blase: Isabelle Buscke von
> Finance Watch warnt vor dem Risiko einer globalen Finanzkrise.
(IMG) Bild: Lehman Brothers war eine traditionsreiche US-Investmentbank, deren Insolvenz im September 2008 die globale Finanzkrise auslöste
taz: Frau Buscke, vor 15 Jahren wurde Finance Watch [1][als Antwort auf die
globale Finanzkrise gegründet]. Heute häufen sich Warnungen vor einem neuen
Crash. Geht es wieder los?
Isabelle Buscke: Wir können es nicht ausschließen. Rein statistisch gesehen
ist bald wieder eine Krise fällig. Und wenn man in die Märkte schaut, dann
gibt es mehrere Aspekte, die uns Bauchschmerzen bereiten. Und es gibt
Risiken, die werden systematisch von den Banken ignoriert.
taz: Woran denken Sie?
Buscke: Nun, vor allem droht ein massiver Wertverlust durch die Energie-
und Klimakrise. Viele Banken finanzieren weiterhin fossile Energieprojekte.
Wenn wir uns radikal auf den Weg des Pariser Abkommens zur Klimaneutralität
bis 2050 begeben, werden diese Investitionen irgendwann den Wert null
haben. Sie werden wie von einem Tornado weggefegt. Und das ist natürlich
ein großes Problem für die Bankbilanzen und kann zum systemischen Problem
werden.
taz: Wie sieht es mit der [2][KI-Blase aus, vor der viele warnen]?
Buscke: Es kann durchaus sein, dass wir einen Blaseneffekt haben. Denken
Sie an die Kursgewinne an den Börsen der letzten Jahre. Die werden durch
KI-Werte oder Technologiewerte in den USA getrieben. Diese Bewertungen
entstehen an den Börsen. Aber ein großer Teil der Hebelung und des Risikos
rund um diesen Boom liegt im Schattenbankensystem.
taz: Schattenbanken oder Nichtbanken nennt man etwa Hedgefonds oder
Vermögensverwalter wie Blackrock, die bankähnlich arbeiten, aber nicht den
strengen gesetzlichen Regulierungen klassischer Geschäftsbanken
unterliegen.
Buscke: Gleichzeitig steht diese Börseneuphorie einer schwachen
realwirtschaftlichen Entwicklung gegenüber. Entscheidend ist, ob Anleger
weiter daran glauben, dass die erwarteten Gewinne und
Produktivitätsfortschritte durch KI die heutigen Bewertungen rechtfertigen.
Wenn dieses Vertrauen kippt, könnten die Märkte stark korrigieren und
Investitionen müssten teilweise abgeschrieben werden. Ob solche Verluste
dann einfach aufgefangen werden können, das ist für uns schon ein sehr
großes Fragezeichen – vor allem im Nichtbankensystem, wo Risiken schwerer
zu erkennen sind und viel weniger Puffer bestehen als im regulierten
Bankensystem.
taz: Wie sieht es mit den geopolitischen Risiken aus?
Buscke: Die Geopolitik nimmt an Bedeutung zu. Wir haben das Zeitalter einer
stabilen internationalen Handelsordnung hinter uns gelassen. Und die Märkte
leben von Vertrauen, insbesondere die Finanzmärkte. Da ist es schon ein
Problem, wenn man Wertschöpfungsketten unterbricht wie im Irankrieg und mit
der Blockade der Straße von Hormus. Dies gilt insbesondere für die
Energiewertschöpfungskette.
taz: Was meinen Sie damit?
Buscke: Staaten und Unternehmen werden durch die Krise bei den fossilen
Energien und Konflikte wie in Iran gezwungen, schnell auf neue
Energieträger umzuschalten. Wir würden das als eine ungeordnete Transition
bezeichnen – im Gegensatz zu einer planvollen Wirtschaftstransition zu
einer nachhaltigen Wirtschaft.
taz: Ist die EU auf eine ungeordnete Transition vorbereitet, hat sie die
[3][Lektionen aus der Finanzkrise] gelernt?
Buscke: Teilweise. Die Regulierung der Banken ist deutlich besser geworden.
Die Möglichkeit, Verluste aus dem Kreditgeschäft zu absorbieren und sich
aus eigenen Mitteln zu stabilisieren, ist deutlich besser als früher. Aber
es gibt weiterhin Lücken. Die Frage nach der Abwicklung, insbesondere bei
Bankengruppen oder Banken, die über einen Mitgliedsstaat hinaus operieren,
ist noch nicht befriedigend gelöst. Und all das, was über den Bankensektor
hinausgeht, ist weiterhin viel weniger transparent und deutlich schwächer
reguliert. Die internationalen Bemühungen, ein internationales Regelwerk
für Nichtbanken zu vereinbaren, sind schon 2014 gescheitert und seitdem hat
man das nicht mehr angepackt.
taz: Die EU galt mit ihrem Green Deal lange als Vorreiter beim Übergang zu
einer nachhaltigen Wirtschaft, doch nun sieht es so aus, als würden viele
Klimagesetze aufgeweicht und abgewickelt. Versagt die EU?
Buscke: Es ist bedauerlich, dass die Europäische Union vor ihrer eigenen
Weitsicht zurückgeschreckt ist. Der Green Deal wird gerne als politisches
Zugeständnis an Fridays for Future und grüne Wähler gelesen. Aber
eigentlich war es ein visionärer Plan, um die europäische, etwas alternde
Wirtschaft Schritt für Schritt und planvoll auf veränderte
Rahmenbedingungen vorzubereiten und umzubauen. Dass man diesen Plan infrage
stellt und zum Teil rückabwickelt, ist Gift für die Wirtschaft. Alle, die
frühzeitig investiert haben und die ja auch die Investitionssicherheit
brauchen, die werden jetzt im Stich gelassen.
taz: Als eine mögliche Antwort auf die Finanzkrise wurde in den
Nullerjahren eine Finanztransaktionssteuer diskutiert. Heute redet keiner
mehr davon, den Kauf und Verkauf von Aktien, Anleihen und Derivaten
speziell zu besteuern, um Spekulation unattraktiver zu machen und die
Staatseinnahmen zu erhöhen. Ist das endgültig vom Tisch?
Buscke: Zumindest ist es de facto vom Tisch. Die Europäische Kommission hat
ihren Vorschlag zurückgezogen. Das Europaparlament redet zwar gelegentlich
noch davon, etwa in der Debatte über Eigenmittel für das nächste EU-Budget.
Aber der politische Wind weht aus einer ganz anderen Richtung.
taz: Müssten Sie da nicht mehr Druck machen?
Buscke: Unsere Prioritäten liegen gerade woanders. Im Moment ist ja die
Gefahr größer, dass man das, was man nach 2008 eingeführt hat, wieder
auseinandernimmt. Das gilt zum Beispiel für die Regelungen zu den
Verbriefungen. Verbriefungen waren einer der Gründe, warum man die Risiken
im Markt 2008 nicht gesehen hat. Und wir machen da jetzt wirklich
Rückschritte. In den regulierten Fondsmärkten, also den sogenannten
UCITS-Fonds, wo auch Kleinanleger investieren können, möchte man einen sehr
hohen Anteil von Verbriefungen zulassen. Das wird dann auch für die
Verbraucher gefährlich.
taz: Wird also der Großteil der vor 15 Jahren eingeführten
Schutzmechanismen wieder abgewickelt?
Buscke: Ob es ein Großteil wird, bleibt abzuwarten. Aber definitiv ein
kritischer Teil. Wir haben 2023 in den USA den Zusammenbruch der Silicon
Valley Bank erlebt. Auch in Europa haben wir einen Kollaps gesehen – bei
Credit Suisse. Wir sind nicht davor gefeit, dass so etwas eine neue
Finanzkrise auslöst. Dass es nicht passiert ist, ist ein Erfolg der
Regulierung. Diesen Erfolgsfaktor ausgerechnet jetzt zu schmälern, ist
schon ziemlich blöd.
9 Jul 2026
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