# taz.de -- Norwegische Vikings: Kollektive Wahnvorstellung
       
       > Der Wikingerjubel der norwegischen Fans entspringt einem popkulturell
       > verzerrten falschen Geschichtsbild – was prima zur Fifa-WM passt.
       
 (IMG) Bild: Mehr Disneyfizierung geht nicht: norwegische Fans im Boston Stadion
       
       Auf der Suche nach Originalität produzieren Nationen den größten Kitsch, da
       ist Norwegen keine Ausnahme. Im Ansinnen, einen unverwechselbaren Jubel zu
       kreieren, haben die norwegischen Fans den [1][sogenannten Wikingerjubel],
       das Viking Rowing, adaptiert. Ein Abklatsch des [2][Viking Clap, das
       isländische Fans bei der EM 2016 popularisierten].
       
       Während deren „Huh!“ aber überall als authentischer Ausdruck lustiger
       Fankultur gesehen wurde, sind die Reaktionen auf das Rowing gemischt: Die
       schwedischen Spieler Gustaf Lagerbielke und Elliot Stroud haben sich
       darüber lustig gemacht, der dänische Journalist Johnny Wojciech Kokborg
       sprach von „nordischem Erwachsenenbullying“. In Norwegen selbst nannte es
       die Kolumnistin Janne Stigen Drangsholt „ungesund männlich“ mit einem
       „toxischen, fast machistischem Vibe“.
       
       Am bizarrsten ist, dass diese Art Jubel in England erfunden wurde: Alternde
       Metal-Fans, denen der Moshpit zu anstrengend geworden ist, setzen sich 2009
       beim Bloodstock Open Airs in Derbyshire in eine Reihe, um so zu tun, als
       würde es vorwärtsgehen. Auf der Bühne spielte eine schwedische Band, Amon
       Amarth.
       
       Für den Fußball übernommen hat das dann ein norwegischer Fan, Ole Frøystad,
       Spitzname: Mr Row Row. Es passte perfekt ins seit 2023 laufende Rebranding
       der norwegischen Nationalmannschaft als Abkömmlinge der Wikinger.
       
       ## Ein reines Schreckensbild
       
       Es ist also zuerst ein Marketinggag, denn Wikinger gab es gar nicht, sie
       sind nur ein Schreckensbild, in dem die Ängste und Nöte der englischen und
       nordfranzösischen Küstenbevölkerung geronnen sind. Und jetzt streiten sich
       die Dänen, Schweden und Norweger darum, wer am authentischsten verkörpert,
       was nur auf ein popkulturell komplett verzerrtes Geschichtsbild verweist.
       Die Nation findet da als Produkt kollektiver Wahnvorstellung ihre letzte
       Vollendung. Insofern passt dieser Jubel ganz gut zu einer in den USA
       stattfindenden WM: Die Selbstdisneyfizierung ist in sich schon eine hübsche
       Pointe.
       
       Aber vielleicht ist der ganze Jubel auch ein lang vorbereitetes Omen: Als
       letzter aller Wikinger wird regelmäßig Harald III. Hardråde bezeichnet,
       einst König von Norwegen. Er starb 1066 in der Schlacht an der Stamford
       Bridge, als ihn ein angelsächsischer Pfeil ins Auge traf. Sollte England im
       Viertelfinale Norwegen schlagen, steht also der nächste Trend zu
       befürchten: ein kollektiver Bogenschützenjubel. Das wäre jene Krönung, die
       Hardråde verwehrt geblieben ist.
       
       7 Jul 2026
       
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