# taz.de -- Fußball-Euphorie in Norwegen: Rudern ins kollektive Glück
       
       > Mit dem Erfolg gegen Brasilien erreicht die eh schon große Begeisterung
       > in Norwegen ein neues Level. Der Gemeinsinn ist stärker denn je.
       
 (IMG) Bild: Auch in Oslo wird gerudert: Die Fußballeuphorie ist allerseits groß
       
       „Was für ein verrückter Abend, vielleicht der verrückteste der norwegischen
       Geschichte“: Erling Braut Haaland geizt schon wieder nicht mit großen
       Worten, und warum auch. Gerade hatte Norwegens Superstar seine Mannschaft
       mit zwei Toren ins WM-Viertelfinale geschossen. [1][Gegen Brasilien]!
       Historisch, historisch, historisch: Das Wort hat in diesem Fußballmärchen
       nun aber wirklich Hochkonjunktur.
       
       Es ist sehr viel lauter als sonst in dem derzeit wahrscheinlich
       glücklichsten Land der Welt. Wie es klang, als Torwart Ørjan Håskjold
       Nyland den brasilianischen Elfmeter hielt, zeigt ein Video der Zeitung
       Verdens Gang. Man sieht die Menschenmassen nicht, die sich auf der
       zentralen Flaniermeile Karl Johan tummeln oder im Ullevaal-Stadion vor den
       großen Bildschirmen. Man sieht Gebäude und Himmel. Stille. Und dann schallt
       der Jubel durch die Nacht.
       
       Zweimal noch dürfte es dort so geklungen haben, bei Haalands Treffern. Und
       nach dem Schlusspfiff natürlich, da hörte es kaum noch auf. „Glaubt ihr,
       dass ihr den König mit eurem Jubel wecken könnt?“, fragte die Reporterin
       des norwegischen Rundfunks NRK Fans vor dem Schloss: „Wir hoffen es!“. Der
       König war gar nicht zu Hause, er und die Königin schickten Glückwünsche vom
       königlichen Sommerhaus.
       
       Einer aber ließ sich aus dem Schloss locken: Kronprinz Haakon saß in der
       Nacht plötzlich in der Menschenmenge auf der Straße. Er machte mit beim
       großen Luft-Rudern, „Ro! Ro! Ro!“. Nicht nur die Fans in den US-Stadien tun
       es, nicht nur die Mannschaft auf dem Feld: Überall in Norwegen rudern sie
       sich seit Wochen immer wieder synchron in Stimmung. Geniale Idee für das
       PR-Gesamtkunstwerk, das Norwegen bei dieser WM hinlegt, könnte man meinen.
       Dabei ist längst klar geworden, dass es hier nicht nur um die Außenwirkung
       geht.
       
       ## Neues Level an Gemeinschaftsgefühl
       
       Das kleine Land, dem es ja an sich sowieso schon nicht schlecht geht,
       erlebt beim kollektiven Rudern ein ganz neues Level an Gemeinschaftsgefühl.
       In Deutschland kennt man das von früher: wie irgendwann alle von der
       Begeisterung angesteckt werden, auch die, die sonst mit Fußball nichts am
       Hut haben. Plötzlich sind die Trikots der Nationalmannschaft heiß begehrte
       Ware, plötzlich fühlen sich alle miteinander verbunden, plötzlich ist das
       Dasein von einer merkwürdigen, allgemeinen guten Laune durchdrungen.
       
       „Das war die 28-jährige Wartezeit wert“, [2][schrieb Haaland nach dem
       Brasilien-Spiel auf Instagram.] Das dazugehörige Bild zeigt ihn mit
       geschlossenen Augen, Arme und Gesicht selig gen Himmel gestreckt. 28 Jahre
       war Norwegen nicht zur WM gefahren. Mehrere der jetzigen Stars, darunter
       Haaland, sind Söhne von damaligen Nationalspielern.
       
       Auch die Vätergeneration hatte Brasilien besiegt. Angeblich hat man seit
       damals sämtliche Anfragen zu Freundschaftsspielen gegen Brasilien
       abgelehnt, um die schöne Statistik nicht zu gefährden – so hatte es
       jedenfalls der Trainer-Held des aktuellen Sommermärchens, [3][Ståle
       Solbakken], vor dem Achtelfinale erzählt.
       
       Der Sieg damals gelang in Gruppenphase, das Turnier endete für Norwegen
       1998 im ersten K.-o.-Spiel. Zwei von denen haben sie jetzt schon gewonnen.
       Die Party gehe noch eine Woche weiter, musste Solbakken feststellen – er
       sorge sich langsam um die Gesundheit der feiernden Norweger.
       
       ## Übertrifft alle Träume
       
       Die Qualifikation für diese WM hatte dem Land einen Vorgeschmack auf die
       Kraft eines kollektiven Freudentaumels gegeben. Seitdem müssen auch die
       Spieler mit immer neuen Glücks-Eskalationsstufen umgehen. „Was für ein Tag,
       um norwegisch zu sein!“, schrieb Nationalspieler Oscar Bobb nach dem
       Achtelfinale auf Instagram. Kapitän Martin Ødegaard sagte dem NRK: „Was wir
       hier machen, übertrifft alles, wovon man hätte träumen können.“
       
       Von Träumen sprach auch der gerührte Haaland. Sie müssten sich nun
       Brasilien zum Vorbild nehmen: Dort träumte jedes fußballspielende Kind
       davon, einmal das Nationalmannschaftstrikot zu tragen. Für ihn als Kind
       habe das noch keine große Rolle gespielt. Das müsse sich ändern: „Es sollte
       das Erste sein, woran du denkst, wenn du mit dem Fußball anfängst: Dass du
       für Norwegen spielen willst. Dass du diesen Stolz hast“, sagte er – und in
       Norwegen kommt das gut an.
       
       Es ist nicht so, dass dort bislang Mangel an Heimatliebe herrschte. Was
       aber offenkundig auch Haaland in diesen Wochen besonders bewegt, ist das
       Gemeinschaftsgefühl. Schon nach dem Sieg über die Elfenbeinküste hatte er
       von dem Zusammenhalt gesprochen, den zu erschaffen ihnen mit Fußball
       gelungen sei. Das werde Norwegen für immer verändern, hatte er gesagt.
       
       Die Euphorie wird sicher nicht enden, wenn gegen England im Viertelfinale
       Schluss sein sollte. Schon ab dem letzten Gruppenspiel gegen Frankreich,
       als das Weiterkommen besiegelt war und Solbakken die komplette Bank zur
       Startelf machte, war für Norwegen alles nur noch Bonus. Lockermachen und
       genießen, nannte Haaland den Auftrag. Nach dem jüngsten Bonus-Sieg sprechen
       sie im Land schon über die Frage der Zukunft: Wo warst du, als Norwegen
       Brasilien schlug?
       
       6 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Fussball-WM-2026/!6186719
 (DIR) [2] https://www.instagram.com/erling/?hl=de
 (DIR) [3] /1-FC-Koeln-Trainer-Stale-Solbakken/!5120707
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anne Diekhoff
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Norwegen
 (DIR) Fans
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Fußball-WM
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Vor dem Spiel Norwegen gegen England: Klare Kante gegen die Abgründe dieser WM
       
       Der norwegische Erfolgstrainer Ståle Solbakken zeigt auch außerhalb des
       Platzes Haltung. Undogmatischer ist er neuerdings am Spielfeldrand.
       
 (DIR) Norwegische Vikings: Kollektive Wahnvorstellung
       
       Der Wikingerjubel der norwegischen Fans entspringt einem popkulturell
       verzerrten falschen Geschichtsbild – was prima zur Fifa-WM passt.