# taz.de -- Beseitigung von Wikingerlegenden: „Archäologie und Mythos gehen weit auseinander“
> Historiker Oliver Auge tritt für ein erneuertes Wikinger-Bild ein: Die
> übten Piraterie als zeitlich befristete Tätigkeit in der Jugend aus.
(IMG) Bild: Wikingerschiff: Ihre Boote haben diese Plünder- und Handelsreisenden mit geschnitzten Seeungeheuern verziert
taz: Herr Auge, die Wikinger haben den in der Populärkultur so beliebten
Hörnerhelm ja gar nicht getragen. Weiß man, wer ihn wann erfunden hat?
Oliver Auge: Der Kostümbildner Carl Emil Doepler hat ihn 1876für die
Uraufführung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth
entworfen. Und diese Opernrequisite hat sich dann so eingeprägt, dass lange
Wikingerhelme mit Hörnern als selbstverständlich angesehen wurden.
taz: Wer waren die Wikinger überhaupt?
Auge: Die Wikinger waren keine Ethnie und auch kein Stamm, sondern Wikinger
sein war eine zeitlich befristete Tätigkeit. Das waren vor allem junge
Händler oder Bauern, die auf eine Wikingfahrt gingen und in dieser Rolle
dann als Seefahrer, Krieger und Räuber agierten. Nachdem sie mit ihrer
Beute heimgekehrt waren, gingen sie wieder zu ihrem normalen Leben über.
taz: Dafür waren ihre Leistungen ja beachtlich. Sie haben England
überfallen, Hamburg geplündert, sind den Rhein und die Mosel heraufgefahren
und haben es bis nach Paris geschafft.
Auge: Was die Seefahrt anbelangt, vollbrachten sie wirklich enorme
Leistungen. Die Wikinger hatten dafür ihre flachen Drachenboote, mit denen
sie geschickt navigieren konnten.
taz: Aber zum Erschaffen eines Imperiums hat bei ihnen der letzte Schritt
gefehlt. Kann man sagen, dass die Engländer sie da beerbt haben?
Auge: Das stimmt im Prinzip. Die englische Geschichte wäre ohne die
Wikinger nicht denkbar. Aber im Gegensatz zu den Normannen, die später
kamen und sich auf Dauer in England festsetzten, waren die Wikinger noch in
einer Übergangsphase. Zunächst raubten und plünderten sie dort und fuhren
wieder nach Hause. Irgendwann aber haben sie gemerkt, dass es ganz
geschickt war, dazubleiben. Und so siedelten sie sich nicht bloß in Paris
auf der Seineinsel dauerhaft an, sondern gründeten in England sogar Städte
wie York.
taz: Alle Welt kennt Columbus, dabei hat ja Leif Eriksson Amerika entdeckt.
Wie hat der das geschafft und warum blieb es so folgenlos?
Auge: Die Wikinger sind anscheinend auf Erkundungszügen immer weiter über
die Meere gefahren. Ihre Seefahrt war prinzipiell eine Küstenschifffahrt,
sie fuhren also immer nur kurze Strecken über die offene See, um dann
wieder auf Land zu treffen. Nach Amerika waren dies die Stationen Färöer
Inseln, Island, Grönland und dann eben Neufundland. Die Archäologie hat
dort tatsächlich Wikingersiedlungen gefunden, die irgendwann wieder
aufgegeben worden sind.
taz: Wieweit sind die [1][Mythologie] und solche Ergebnisse von
Ausgrabungen denn sonst noch deckungsgleich?
Auge: [2][Archäologie und Mythos gehen teils sehr weit][3][auseinander].
Die Archäologie hat zum Beispiel längst mit dem Mythos aufgeräumt, dass die
Wikinger besonders grausam waren und ihren Met aus Schädelknochen getrunken
haben.
taz: Was, das stimmt auch nicht?
Auge: Nein, die Geschichte fußt nachweislich auf der Fehlübersetzung eines
dänischen Historikers, der aus schriftlichbezeugten Trinkhörnern Schädel
gemacht hat.
taz: Ist die Forschung zu dem Thema durch die Nazis vergiftet? Die wollten
durch ihre Ausgrabungen doch nur den Mythos vom nordischen Herrenmenschen
bestätigen.
Auge: Ja, die Nazizeit ist auch in diesem Bereich eine schwere Hypothek,
nicht nur für die Archäologie, sondern für die Forschung insgesamt.
Wissenschaftler wie Herbert Jankuhn, ein ganz wichtiger Haithabu- und
Wikingerforscher, waren stark mit der SS und der NS-Ideologie verstrickt.
taz: Wie geht man mit diesem Dilemma um?
Auge: Das ist zweischneidig, denn die [4][Nationalsozialisten][5][haben
viel Geld in die Forschung gesteckt] und dabei Erkenntnisse erworben, von
denen wir heute noch profitieren. Aber andererseits war die Deutung dieser
Erkenntnisse politisch vorgegeben. Und das zog sich durch bis in die
Belletristik. Das damals populäre Jugendbuch [6][„Wir fliegen gegen
Engeland“] hatte zum Beispiel ein Cover, auf dem oben die Heinkel-Bomber
und unten die Drachenboote der Wikinger gezeigt wurden.
28 Jul 2026
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## AUTOREN
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