# taz.de -- Verflachung von Online-Inhalten durch KI: Wo bleibt da die Originalität?
       
       > Die Beschwerde über fehlende Gegenkultur ist gerade beliebt. Sie ist aber
       > auch leicht und algorithmisch erfolgreich. Echter Widerstand kostet
       > Reichweite.
       
 (IMG) Bild: Ermüdung angesichts von Inhalten, die bedeutungslos wirken
       
       Erinnert sich noch jemand an Veranda Spuk? Bis heute ist unklar, wer sich
       hinter dem Pseudonym verbarg. 1981 ging bei Suhrkamp ein Manuskript ein –
       anonym und mit rotem Schleifchen verziert. Das Tagebuch einer mutmaßlich
       jungen Frau wurde prompt veröffentlicht, in einer pralinenschachtelartigen
       Verpackung. Ich habe es vor einigen Jahren entdeckt und vergnügt gelesen.
       Vor ein paar Tagen stieß ich dann zufällig auf [1][Diedrich Diederichsens
       Rezension] von 1982. Er zeigte sich sichtlich erfreut, denn die etablierte
       wie alternative Literatur war für ihn damals nur noch eine
       „reichgeschmückte Leiche“, abgestanden und versaut von „Oberschulen,
       Universitäten, Feuilleton“.
       
       Von der Wortwahl abgesehen, liest sich das ähnlich wie mein aktueller Feed.
       Nur dass man sich nun die alten Gatekeeper zurückwünscht, da man den neuen
       (Hallo, Algorithmus!) noch weniger leiden kann. Eine Auswahl an Takes
       gefällig? „We need to bring back GATEKEEPING!“, „KI verflacht alles!“, „Wir
       dürfen nicht nur reproduzieren, was dem Algorithmus schmeichelt!“, „Wir
       müssen wieder verzaubert werden!“, „Die Originalität stirbt!“
       
       ## Viele vermissen Reibung, Geheimnis und Persönlichkeit
       
       Viele erleben die gegenwärtige Kultur als homogen, wenig fordernd, zu
       erklärend und zugänglich. Sie vermissen Reibung, Geheimnis, spüren einen
       Distinktionsverlust und sehnen sich nach Individualität und Persönlichkeit.
       Verständlich. Unheimlich ist nur, wie schnell aus der Kritik an den
       Bedingungen kultureller Sichtbarkeit eine an kultureller Zugänglichkeit und
       Teilhabe wird. Weil alles auffindbar ist, erscheint das schwer Auffindbare
       plötzlich wertvoll, und weil alles erklärt wird, das Rätselhafte
       begehrenswert.
       
       Teilweise klingt es auch nach einem Hilfeschrei aus der Mittelschicht der
       Aufmerksamkeitsökonomie. Die Kritik kommt meist von Creators mit genug
       Reichweite, um den Formatzwang zu spüren und ihn wirksam zu artikulieren,
       aber zu wenig, um ihn zu ignorieren. Sie beschreiben aber etwas, das viele
       kennen, die sich durch die Feeds bewegen: Ermüdung angesichts von
       [2][Inhalten, die bedeutungslos wirken], und Ohnmacht ob der scheinbaren
       Unmöglichkeit, dem etwas entgegenzusetzen. Hinzu kommt – gerade unter
       Kreativen – die Angst vor dem Verlust der Wertigkeit des kulturellen
       Kapitals durch KI.
       
       Diese Gefühle sind berechtigt. Zwar sind derartige Verlustklagen
       traditionsreich, genauso wie die Analyse ihrer Bedingungen – Mark Fisher
       lässt grüßen. Doch sie bleibt relevant, solange sich damit Veränderungen
       anstoßen lassen. Das war schon im „bloßen“ Kapitalismus Sisyphusarbeit,
       doch was früher Monate oder Jahre brauchte, um von Mainstream vereinnahmt
       zu werden, geschieht auf Plattformen innerhalb eines Tages. Oft kommt es
       aber gar nicht erst dazu, denn der Algorithmus spielt Inhalte, die keine
       catchy Hook haben und keinen digitalen Sehkonventionen entsprechen, nur
       einer winzigen Testgruppe aus. Werden sie nicht sofort geliked, begräbt er
       sie lebendig.
       
       So entsteht eine merkwürdige Schieflage. Die Beschwerde über fehlende
       Gegenkultur und Gatekeeping ist relativ leicht und algorithmisch
       erfolgreich. Die tatsächliche Praxis davon ist es aber nicht. Denn echter
       Widerstand kostet Reichweite und ökonomische Unsicherheit. Viele bleiben
       deshalb bei der (wohlfeilen) Diagnose stehen. Und notwendige
       Plattformkritik läuft Gefahr, als Plattformpessimismus, der
       Verfallsgeschichten hochhält und [3][sich nach alten Hierarchien sehnt],
       zur Pose zu werden.
       
       Aber sind wir Follower nicht auch viel zu träge geworden? Könnten wir
       unsere Verantwortung, wenn wir schon nicht boykottieren, nicht wenigstens
       ernster nehmen – gezielter und konsequenter Content unterstützen, der etwas
       riskiert? Massiv liken und kommentieren, was keine Hook hat? Dinge
       empfehlen, die nicht eh überall auftauchen? Kleine Publikationen
       abonnieren, Menschen folgen, deren Arbeit einen nicht bestätigt? Aber bitte
       nicht als heroischer Widerstand gegen den Algorithmus, das ist es nicht.
       Eher als Erinnerung daran, dass Kultur glücklicherweise nie nur aus dem
       besteht, was uns angezeigt wird.
       
       11 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://diedrich-diederichsen.de/veranda-spuk-mein-flirt/
 (DIR) [2] /Neue-Online-Arbeitsteilung/!6178350
 (DIR) [3] /Zeitdiagnosen-in-den-sozialen-Medien/!6194055
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Annekathrin Kohout
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Feed Interrupted
 (DIR) Social Media
 (DIR) Algorithmus
 (DIR) Mark Fisher
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Kolumne Feed Interrupted
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Social Media
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Zeitdiagnosen in den sozialen Medien: Intellektueller Slop?
       
       In den sozialen Medien trendet eine neue Form der Gegenwartsanalyse. Dabei
       fühlt sich der Intellectual-Influencer-Content so einleuchtend wie
       generisch an.
       
 (DIR) KI remythologisiert Geschichte: Weil die Bilder im Gewand des Dokuments auftreten
       
       Ein Klischee wiederholt ein vertrautes Muster; die KI verdichtet es. So
       sehr, dass uns irgendwann das Original zu banal vorkommt, um wahr zu sein.
       
 (DIR) Iranischer AI-Spott: Vom Trigger zum Ohrwurm
       
       Im Lego-Animationsstil das Weiße Haus verspotten: Im Netz verbreiten sich
       iranische Videos mit politischen Botschaften fürs westliche Publikum.