# taz.de -- Strandthriller über den Sommer 1972: Länger werdende Schatten über dem Bagno Stella
       
       > Sandro Veronesi entfaltet ein Coming-of-Age-Drama am italienischen
       > Mittelmeer. Es spielt vor dem historischen Hintergrund des
       > Olympia-Attentats 1972.
       
 (IMG) Bild: Coming-of-Age in Sanremo
       
       Italien, Sommer 1972. Der 12-jährige Gigio verbringt den Sommer an der
       toskanischen Küste von Versilia. Zusammen mit seiner kleinen Schwester
       Gilda muss er sich dem strengen Sonnenschutzregiment seiner
       irisch-rothaarigen Mutter unterwerfen. Solange sein Vater, ein
       segelsportbesessener Staatsanwalt, von der Arbeit in Florenz festgehalten
       wird, retten Gigio nur seine „Linus“-Comic-Hefte über die langweiligen
       Schattenzwangspausen im Haus. Nicht einmal Musik kann er hören, der neue
       tragbare Plattenspieler, sein ganzer Stolz, ist zu Hause geblieben.
       
       Zum Glück kommt der undurchsichtige Onkel Giotti aus Amerika zu Besuch. Er
       amüsiert die Geschwister mit seiner Marotte, immer etwas Essen auf dem
       Teller zu lassen (eine Angewohnheit aus einem Gefängnishungerstreik, wie es
       heißt), und leistet Gigio in seiner nerdigen Begeisterung für alle Arten
       von Sportübertragungen Gesellschaft: Ob Schach, Radsport am Radio oder der
       Große Preis der Formel 1 im Fernsehen, der ältere Mann und der
       Heranwachsende widmen sich mit größter Ernsthaftigkeit der Saison.
       
       Als schließlich die 13-jährige Astel, Tochter des reichen, aber
       grobschlächtigen Strandbesitzers und [1][einer äthiopischen Schönheit],
       auftaucht und ihn bittet, ihr Schulenglisch mittels übersetzter Songtexte
       zu verbessern, scheint der Sommer perfekt zu sein.
       
       Der zweifache Premio-Strega-Preisträger Sandro Veronesi entfaltet in
       „Schwarzer September“ eine herzerwärmende, leicht schrullige
       Coming-of-Age-Geschichte, die aufgrund ihrer kleinteiligen popkulturellen
       Referenzen oberflächlich an Nick Hornby erinnert – in die aber von Anfang
       an ein kommendes Unheil eingeschrieben ist. Von der ersten Seite an werden
       nicht genauer benannte Erschütterungen angedeutet, brutale und
       unwiderrufliche Veränderungen, Fehler, die teuer bezahlt werden würden.
       
       Der Sommer 1972 ist nicht nur für Gigios Leben ein Wendepunkt, so heißt es
       immer wieder. Doch zunächst passiert nicht mehr, als dass Gigio beim
       Friseur ein Pornoheft klaut, sich anschließend mit seinen länger werdenden
       Locken anfreundet und über Astels Zöpfe fantasiert. Während [2][Bobby
       Fischer] Boris Spasski im Schach besiegt und Ferrari auf dem Nürburgring
       mit Jacky Ickx auf Platz eins und Clay Regazzoni auf Platz zwei
       triumphiert, kommen Gigio und Astel sich näher …
       
       ## Die unheilvollen Andeutungen häufen sich
       
       Weitere Störmomente schieben sich ins Bild: Nicht nur die Mütter der beiden
       Teenager haben unschöne Geheimnisse, die teils mit Rassismus zu tun haben,
       sondern auch der Anwaltsvater und andere Erwachsene, allen voran Onkel
       Giotti. Veronesi punktiert sein sich heiter zwischen
       David-Bowie-Tanzeinlagen und Segeltörns entfaltendes Teenager-Sommermärchen
       immer dichter mit unheilvollen Andeutungen: „Ob Kind oder Teenager ist
       nicht mehr wichtig für mich. Am 6. August 1972 hat der Schmerz sie beide
       weggefegt, genauso wie er auch Papa, Gilda, Mama, alle meine Freunde aus
       dem Bagno Stella weggefegt hat und alle meine Freunde aus Vinci, meine
       Mitschüler, die Lehrer, den Schuldirektor, den Priester.“
       
       Was, um Himmels willen, ist denn passiert?, ist die Frage, deren
       Beantwortung Veronesi bis zu den letzten Seiten hinauszögert. Umso
       wirkungsvoller entlädt sich die abschließende Katastrophe, für die das
       blutige Attentat auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen
       in München nur die politische Rahmung bildet.
       
       Dieser bis zur letzten Seite fesselnde Page-Turner ist die perfekte
       Strandlektüre für alle, die es auch auf dem Handtuch nicht zu idyllisch
       mögen.
       
       11 Aug 2026
       
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