# taz.de -- Antonio Scurati über Italiens Faschismus: „Der Duce war nur ein herrlicher Bluff“
> „M – Das Ende und der Anfang“. Antonio Scuratis letzter Band seiner
> herausragenden literarischen Biografie über den italienischen Diktator
> Mussolini.
(IMG) Bild: Von Partisanen getötet: Diktator Mussolini, seine Geliebte Clara Petacci und zwei weitere Personen. Mailand am 29. April 1945
Kopfüber hängt er am Ende, am 29. April 1945, an einer Tankstelle in
Mailand. Benito Mussolini war seit Mitte der 1920er Jahre der „Duce“, der
Führer des italienischen Faschismus. Italienische kommunistische Partisanen
hatten ihn bei seiner versuchten Flucht in Italien am Comer See gemeinsam
mit seiner Geliebten Clara Petacci gefangengenommen und beide erschossen.
Mit diesem ikonischen Bild endete das Leben des Diktators, der fast 25
Jahre lang das Leben und Sterben vieler Italiener*innen bestimmte. Er
führte in Afrika und Südosteuropa etliche Kolonialkriege, beging dabei
unzählige Verbrechen. In Europa beteiligte er sich am Zweiten Weltkrieg an
der Seite der deutschen Nationalsozialisten.
Das Leben von Mussolini ist der rote Faden, an dem entlang der italienische
Autor und Literaturwissenschaftler Antonio Scurati seit 2018 seinen
fünfbändigen „dokumentarischen Roman“ mit dem Titel „M“ schrieb. Damit
erzählt der 1969 in Neapel Geborene und in Venedig Aufgewachsene auch 25
Jahre italienischer Geschichte.
Der abschließende fünfte Band, „M – Das Ende und der Anfang“, liegt nun
seit Mitte Mai auf Deutsch in den Buchhandlungen. In Italien erzeugte
Scurati mit seinem Werk unerwartetes Interesse, bis zu 28. Auflagen
erreichten bisher einzelne Bände.
## Ein italienischer Bestseller
Was macht diesen Erfolg aus? Alle fünf Bände sind weitgehend gleich
aufgebaut: Auf eine meist mehrseitige literarische Passage über einen
Abschnitt im Leben des „Duce“, manchmal auch seiner Komplizen, seiner
vielen Geliebten und seiner Ehefrau, selten von richtigen Gegenspielern
oder gar linken Aktivisten oder gar seinen Opfern, folgen auf den nächsten
Seiten Dokumente, welche die beschriebenen Momente belegen.
Dabei benutzt Scurati oft Tagebücher, Briefe und Abhörprotokolle, von denen
in Italien viele vorhanden sind, da in der Führungsclique alle gegen alle
intrigierten und sich ihre Notizen machten. Diese auf aufwendigen
Recherchen beruhenden Dokumente geben einen intensiven Einblick in das
Räderwerk der Faschisten, und vor allem wie „Macht und Herrschaft“
funktioniert.
Die literarischen Stellen sind meist in einem realistischen, einfühlsamen
und psychologisierenden Stil verfasst. Scurati versucht sich einer direkten
moralischen Bewertung zu enthalten. Was er schildert, zum Beispiel die
Befehle zu Giftgasangriffen in Äthiopien oder zu Massakern in Libyen, ist
schon für sich menschenverachtend genug. Irritierend ist bei den Akteuren
oft der Unterschied zwischen privater Meinung und öffentlicher Rolle, nicht
nur bei Mussolini.
Da wird den deutschen Nationalsozialisten die Treue geschworen und
gleichzeitig mit den Alliierten verhandelt. Gegenüber 16-Jährigen wird der
Märtyrertod verherrlicht, aber gleichzeitig die eigene Flucht in die
Schweiz vorbereitet. „Ich bin nur der Hauptdarsteller eines gewaltigen
Klimbims, das wir alle gemeinsam aufführen. Auch die Deutschen“, sagt
Mussolini.
Doch von der Bühne abtreten will er nicht. Und Tausende Italiener*innen
leben nicht in einem Theater, sondern sie sterben real.
## Die Gewalt der Schwarzhemden
Der erste Band erzählt den Aufstieg Mussolinis seit 1919, ideologisch
offen, egal ob Anarchist, Sozialist oder Faschist, Hauptsache „Chef“, eben
der „Duce“. Scurati schildert die Gewaltexzesse der rechten Squadristen zur
Zerschlagung der sozialrevolutionären Bewegungen, aber benennt auch die
vielen Fehler der Linken.
Im zweiten Band geht es um die Konsolidierung seiner Macht und die
Kolonialkriege in Afrika, im dritten um die letzten Jahre vor dem Zweiten
Weltkrieg. Und im vierten Band um die Beteiligung Italiens am Zweiten
Weltkrieg an der Seite der Deutschen. Scurati legt nahe, dass Italien
ähnlich wie die spätestens seit 1939 ebenfalls faschistisch regierten
Länder Spanien und Portugal auch „neutral“ hätte bleiben können.
Doch die Gier nach einem Anteil an der erhofften Beute war letztlich
größer. Und so schickte Mussolini seine Elitesoldaten schlecht ausgerüstet
zu Tausenden in den eiskalten russischen Winter, wo sie jämmerlich
erfroren. Dies hat vor Kurzem die italienische [1][Schriftstellerin
Francesca Melandri] in ihrem Roman „Kalte Füße“ ergreifend geschildert.
## Die Zeit ab 1943
Der fünfte und letzte Band widmet sich nun dem Zeitabschnitt von 1943 bis
zu seinem Tod. Im Sommer 1943 wird Mussolini von seinen Komplizen gestürzt.
Wenige Wochen später befreien ihn deutsche Fallschirmjäger aus der Hand der
„Verräter“ und Hitler setzt ihn als „Duce“ der Italienischen Sozialrepublik
ein. Doch zu sagen hat er nichts mehr.
Etwa eine halbe Million italienische Soldaten werden zur Zwangsarbeit nach
Deutschland verschleppt, aber von allen militärischen Dingen sollen sie die
Finger lassen. Gleichzeitig weitet sich die Gewalt im noch nicht von den
Alliierten besetzten nördlichen Teil Italiens immer weiter aus, von den
Massakern der italienischen Faschisten an Hunderten unschuldiger
Bürger*innen als Repressalie gegen Aktionen der Partisanen bis hin zur
Verschleppung der jüdischen Bürger*innen in das deutsche
Vernichtungslager Auschwitz.
Gewalt sind für die Bewohner*innen von Mailand aber auch die
Flächenbombardements der Alliierten. Und im Frühjahr 1945 gibt es allein in
ihrer Stadt monatlich über 500 Aktionen von Partisanengruppen.
Scuratis Blick auf diese beiden Jahre bis zum April 1945 richtet sich
weniger auf Italien als besetztes Land, er beschreibt die
Auseinandersetzungen eher als einen Bürgerkrieg. Führt aus, dass die
Bevölkerung sich in zwei Hälften teilt. Den vielfältigen Partisanengruppen
standen auch zahlenmäßig fast genauso viele faschistische „Schwarzhemden“
gegenüber.
## Zu einfühlsamer Ton?
Stoßen kann man sich mitunter am einfühlsamen Erzählton Scuratis, etwa wenn
Mussolini mal wieder seine sich zügelloser Gewalt hingebenden Squadristen
aus machttaktischen Gründen zurückpfeifen „muss“.
Man ertappt sich dabei selbst bei der Überlegung, wie der „Duce“ wohl aus
dieser Nummer wieder auskommt. Etwa beim Mord an dem sozialistischen
Oppositionsführer Giacomo Matteotti 1924. Letztlich, das macht Scurati
deutlich, schlägt sich Mussolini immer auf die Seite des extrem
gewalttätigen Flügels des italienischen Faschismus, der Squadristen und der
gesetzlosen Politik.
Gegenüber seiner Geliebten Clara Petacci wird Mussolini in seinen beiden
letzten Lebensjahren fast zur Heulsuse. Sie muss ihn immer wieder
aufrichten. Aber selbst wenn er sich bemitleidet, beginnt er jeden Satz in
der ersten Person Singular. In ihrem beidseitigen Psychodrama haut Petacci
ihm dann den Satz „der Duce war nur ein herrlicher Bluff“ um die Ohren.
Einblicke in die Hunderte von privaten Briefen der beiden sind ein
Beispiel, wie gründlich Scurati recherchierte.
Doch durch Einfühlen besser verstehen ist das eine, das andere ist die
Gefahr, dass damit auch Empathie mit dem Mörder entsteht. Eine Schwäche,
die aktuell auch dem Film „Nürnberg“ von James Vanderbilt vorgeworfen wird.
In diesem nähert sich ein US-amerikanischer Militärpsychiater dem
inhaftierten Hermann Göring.
## Erzählend und analytisch
Unumstritten ist Scuratis psychologischer Ansatz, fast ausschließlich aus
der Herrschaftsperspektive zu erzählen, deshalb in Italien nicht. Doch bei
alldem gelingt es ihm, den damit verbundenen Fallstricken weitgehend
auszuweichen. Seine knappen kunstvollen und eindringlichen Sätze gleichen
eher einer Gesprächstherapiesitzung: Alles wird herausgeholt und liegt dann
schonungslos vor einem. Nur es kann dauern, bis daraus etwas, auch im
eigenen Kopf, folgt. Denn vor allem wird kein schnelles „Gut“ und „Böse“
verteilt.
So thematisiert Scurati auch die ungezielte Gewalt von den sich als links
verstehenden Teilen der Bevölkerung. Die Zurschaustellung der Toten in
Mailand ist begleitet von exzessiven Gewalthandlungen an den Leichen.
Im April 1945 ist Mussolini zwar an „seinem Ende“ als Existenz angekommen,
aber die Gedankenwelt des italienischen Faschismus ist es damit nicht.
[2][Scurati spricht] in einem kurzen Vorwort von „Wiederholungen in neuen
Spielarten“. Persönlich erwähnt er die derzeitige italienische
Ministerpräsidentin [3][Georgia Meloni zwar nicht], aber der Autor fordert
eindringlich dazu auf, sich für den Kampf für die Demokratie „bereit zu
machen“. Denn „unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende“.
2 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christoph Villinger
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