# taz.de -- Argentinische Anthropologin über Fußball: „Man lässt den Gegner spüren, dass man da ist“
> Fußball ist anthropologisch spannend, sagt Verónica Moreira. Er
> verschafft Sichtbarkeit als Gruppe, als Nation. Und bietet den Rahmen für
> Politisches.
(IMG) Bild: „Wenn die Nationalmannschaft spielt, tragen alle das Trikot der Albiceleste“ – und manche die Zugehörigkeit sogar eingraviert
taz: Frau Moreira, interessiert Sie die Weltmeisterschaft?
Verónica Moreira: Ja sehr, aber nicht nur wegen des Fußballs. Ich denke
dabei auch an die Madres buscadoras in Mexiko, also die Mütter, die ihre
verschwundenen Kinder und Familienangehörigen suchen. Das verbinde ich
unmittelbar mit den [1][Müttern der Plaza de Mayo,] die 1977 begannen, nach
ihren während der damaligen Militärdiktatur entführten Söhnen und Töchtern
zu suchen. Sie nutzten die Weltmeisterschaft 1978 im eigenen Land, um
internationale Aufmerksamkeit zu erregen.
taz: Das ist inzwischen aber schon einige Jahre her.
Moreira: Aber ihr Kampf hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Mitglieder
und Fans von rund 35 Vereinen 2017 eine Koordinierungsgruppe für
Menschenrechte im Fußball gründeten. Auf deren Initiative hin veranstaltete
der argentinische Fußballverband im März zum 50. Jahrestags des
Militärputsches eine Gedenkveranstaltung für die 33 Fußballer, die während
der Diktatur entführt wurden und verschwanden. Ich hoffe, dass es jetzt
auch in Mexiko zu ähnlichen Erfolgen kommt.
taz: Sehen Sie noch mehr positive Entwicklungen, die mit der WM verbunden
sind?
Moreira: Dass erneut ein rein weibliches Schiedsrichterinnen-Trio bei einer
Männer-WM Fußballspiele leitet, ist positiv. Und die 2015 entstandene
[2][„Ni una menos“-Bewegung] hat auch den Fußball erreicht. [3][Weibliche
Fans und Vereinsmitglieder begannen, sich zu organisieren],
geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt sichtbar zu machen und
gemeinsame Aktionen zu entwickeln. Auch Menschen aus der LGBTQ+-Community
oder Personen mit anderen gesellschaftlichen Hintergründen fanden dort
einen Raum, in dem sie sich als Fans repräsentiert fühlten. Diese Gruppen
setzten sich erfolgreich für die Einrichtung von Gleichstellungsbüros in
den Vereinen ein.
taz: Was ist daraus entstanden?
Moreira: 2018 wurde die Initiative „Feministischer Fußball ohne Grenzen“
ins Leben gerufen. Sie bringt Fans verschiedener Vereine, Journalistinnen
und Forscherinnen zusammen. Seither werden Sexismus und Diskriminierung
deutlich offensiver thematisiert und bekämpft. Dass Spielerinnen öffentlich
über ihre Erfahrungen sprechen, hat außerdem dazu beigetragen, dass die
Debatte über geschlechtsspezifische Gewalt viel sichtbarer geworden ist.
Das gilt auch für die Fans. Es gab zwar schon immer Frauen in den Stadien,
doch ihre Perspektiven finden heute deutlich mehr Gehör. Ein weiterer
wichtiger Schritt war, dass der argentinische Fußballverband 2019 die
Frauen-Profiliga einführte.
taz: Warum forschen Sie als Anthropologin zum Fußball?
Moreira: Fußball gehört zu unserer Kultur. Da ist einerseits die
Leidenschaft, die einem schon als Kind vermittelt wird. Dann ist da dieses
Gefühl, ins Stadion zu gehen, die Atmosphäre sowie das Erlebnis der
intensiven Gesänge und Rufe. Aber es geht um weit mehr als nur um den
Stadionbesuch.
taz: Nämlich?
Moreira: In Argentinien herrscht ein sehr starkes Zugehörigkeitsgefühl zum
jeweiligen Verein und zum jeweiligen Territorium, also zum Stadtviertel
oder zur Region, in der man lebt. Man kann Fan sein oder als Mitglied die
Einrichtungen des Vereins nutzen. Der Verein ist aber nicht nur ein
sportlicher, sondern auch ein sozialer Ort. Man grillt zusammen, man trifft
sich in der Bar auf einen Kaffee. So entsteht ein soziales Leben, das
Menschen oft über Jahrzehnte begleitet. Das wiederum ist verbunden mit
einer sehr intensiven Rivalität gegenüber anderen Vereinen.
taz: Und die hat wiederum Folgen. 2013 wurde sämtlichen Gästefans in
Argentinien nach schweren Ausschreitungen, bei denen Menschen starben, bei
[4][Ligaspielen der Stadionbesuch verboten]. Warum gilt diese Regelung
immer noch?
Moreira: Weil das Problem der Gewalt nicht gelöst ist. Die Regel mag
verhindern, dass es mehr Tote und Verletzte gibt, doch sie ersetzt keine
nachhaltige Strategie. Es gibt auch keinerlei ernsthafte Bemühungen, das
Bewusstsein für die Gewalt in Stadien zu schärfen. Es gibt keine klaren
Regeln, die Polizei macht, was sie will und ist längst Teil des Problems.
taz: Bei den Spielen der Nationalmannschaft stehen aber alle friedlich
nebeneinander auf den Rängen. Wie funktioniert das?
Moreira: Wenn die Nationalmannschaft spielt, tragen alle das Trikot der
Albiceleste. Bei einem Großereignis wie der Weltmeisterschaft werden
sämtliche Rivalitäten auf Eis gelegt. Wenn Gästefans das gegnerische
Stadion besuchen, ist das, als würden sie dessen Raum symbolisch erobern.
Es geht nicht nur darum zu singen, sondern den Gegner spüren zu lassen,
dass man da ist. Diese Logik überträgt sich heute auf die
Weltmeisterschaft. Das erleben wir derzeit in den Vereinigten Staaten. Aber
Argentinien hat noch nicht in Mexiko gespielt und ich weiß nicht, ob es
dort auch so ablaufen würde.
taz: Wer sind die argentinischen Fans in den WM-Stadien?
Moreira: In erster Linie wohlhabende Menschen, die es sich leisten können,
Unsummen für einen Trip nach Miami, Hotels und so weiter auszugeben.
Deshalb sieht man auf den Tribünen überproportional häufig weiße,
privilegierte und gesellschaftlich dominante Menschen. Gleichzeitig gibt es
aber auch ganz andere Geschichten von Fans, die ihre Autos verkaufen, um
der Nationalmannschaft folgen zu können. Hinzu kommen viele Argentinier,
die in die USA ausgewandert sind und dort arbeiten, ihr
Zugehörigkeitsgefühl zu Argentinien aber nie verloren haben.
taz: Lionel Messi spielt bei Inter Miami in den USA. Allein dort leben rund
200.000 Argentinier.
Moreira: Ja, und sie pflegen unsere Rituale oder entdecken sie gerade
wieder neu. Als Argentinierin würde ich das genauso machen. Die Chance,
Messi zu sehen und die Nationalmannschaft als Weltmeister zu erleben, ist
wirklich ein Grund zum Feiern.
taz: Vor dem Spiel gegen Kap Verde veranstalteten mehr als 50.000
argentinische Fans in Miami einen Banderazo, ein kollektives
Fahnenschwenken. Was sagt das?
Moreira: Es ist, als würde man in den persönlichen Bereich des Gegners
eindringen. Die Logik unseres Fußballs ist, dass man in die gegnerische
Hälfte eindringt und sich bemerkbar macht. Geht raus aufs Spielfeld und
macht auf euch aufmerksam, macht euch sichtbar, lasst die gegnerische
Mannschaft eure Anwesenheit wahrnehmen. Für uns Argentinier ist es normal,
so zu feiern. Vielleicht fällt es bei dieser Weltmeisterschaft mehr auf,
weil wir mit der Euphorie unseres Weltmeistertitels hierhergekommen sind.
taz: Sie haben auch zu antifaschistischen Fangruppen geforscht.
Moreira: Nicht viele Vereine haben antifaschistische Gruppen. Es sind
kleine und stark fluktuierende Gruppen. Die [5][antifaschistischen Fans
vertreten eine ganz andere Philosophie als der Mainstreamfußball].
Homophobie, Sexismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, diese ganze
Bandbreite an Gewalt im Fußball, ist ihnen bewusst. Auch die
[6][Menschenrechtsdebatte] steht auf ihrer Agenda. Sie haben jedoch
Schwierigkeiten, diese Perspektive einzubringen, da sie unserer sehr
konservativen Fußballkultur widerspricht. Dazu kommt die Vernetzung mit
anderen Gruppen zur Verteidigung der Vereine als zivilgesellschaftliche
Vereinigungen ihrer Mitglieder.
taz: Staatspräsident Javier Milei ist für die Umwandlung der Vereine in
Aktiengesellschaften. Sollen die Fans jetzt Aktionäre werden?
Moreira: Der argentinische Fußball lässt sich nicht verstehen, ohne die
Politik. Die Vereine sind politisch. Es geht nicht nur um Fußball; es geht
um Fußball und all diese Formen der Teilhabe. Die großen Vereine haben
überall Fans, die natürlich nicht alle Mitglieder sind. Aber dahinter steht
die Idee, dass man trotzdem etwas bewegen kann, weil die Vereine ihren
Mitgliedern gehören. Der Kern des Konflikts ist die Umwandlung von
Fußballvereinen von Organisationen ihrer Mitglieder mit Stimmrechten hin zu
Unternehmen mit wenigen Aktionären. Das würde unsere Fußballkultur
grundlegend verändern.
7 Jul 2026
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