# taz.de -- Proteste in Frankreich: Zehntausende demonstrieren gegen sexualisierte Gewalt
> In Frankreich wurde am Samstag erneut gegen Sexualverbrechen und deren
> mangelnde Aufarbeitung protestiert. Auslöser war der Mord an der
> 11-jährigen Lyhanna.
(IMG) Bild: Sind enttäuscht von der Justiz: Demonstrierende am Samstag in Paris
Am Samstag haben in Paris und mehr als 100 anderen französischen Städten
Zehntausende Menschen gegen sexualisierte Gewalt demonstriert. Sie
protestieren gegen die bisher ungenügenden Anstrengungen von Regierung und
Behörden im Kampf gegen ein Problem, das „systematischen“ Charakter habe.
Ein Kollektiv aus über 150 Organisationen forderte ein globales
Rahmengesetz zur Prävention und Vermeidung von wiederholten
Vergewaltigungen und Aggressionen durch rückfällige Straftäter. Klagen und
Untersuchungen sollen von der Justiz mit mehr Sorgfalt, Opfer mit mehr
Respekt behandelt werden.
Nur 1 Prozent der Vergewaltiger würden in Frankreich gefasst und
verurteilt, steht anklagend auf den von Demonstrant:innen getragenen
Schildern. Wegen der jüngsten Skandale fordern andere den Rücktritt von
Justizminister Gérald Darmanin, der seine Hände in Unschuld wasche und die
Verantwortung für „Mängel“ auf die lokale Justiz abwälzen wolle.
Auslöser dieser Bewegung, die den Druck auf die Staatsführung über die
Sommerpause hinweg noch verstärken möchte, war die Entführung und die
[1][Vergewaltigung der 11-jährigen Lyhanna]. Sie war am 4. Juni ermordet
aufgefunden worden. Der besonders abscheuliche Mord [2][hat für große
Empörung gesorgt], weil der mutmaßliche pädophile Täter zwar nicht
vorbestraft, der Justiz aber längst wegen mehrerer Fälle von Gewalt gegen
Kinder bekannt war.
## Fälle wurden mangelhaft bearbeitet
Wegen Personalmangel, anderer Prioritäten und der mangelhaften Überstellung
der Akten zwischen Gerichtsstellen blieb eine Vergewaltigungsanzeige gegen
ihn monatelang liegen. Erst nach seiner Verhaftung infolge des Mordes wurde
bekannt, dass auch Anzeigen gegen den Bruder und den Vater des mutmaßlichen
Täters wegen sexualisierter Gewalt existierten.
Die Justiz wird nun einer [3][sträflichen „Untätigkeit“] oder gar der
indirekten Beihilfe beschuldigt. Ähnliche Vorwürfe gibt es im Zusammenhang
mit einer rasch steigenden Zahl von Anzeigen wegen Sexualstraftaten gegen
Beschäftigte in Schulen.
Schockiert erfährt die breite Öffentlichkeit, wie langsam und manchmal
kontraproduktiv die zuständige Justiz in Frankreich (trotz einiger
Reformen) bei der Ahndung von Sexualverbrechen gegen Minderjährige
funktioniert. Noch immer werden die Aussagen von Kindern nicht wirklich
ernst genommen. Auf [4][jährlich 160.000] schätzt die von den Behörden
unabhängige Kommission Ciivise die Zahl der minderjährigen Opfer von
Vergewaltigungen, Inzest und sexualisierter Gewalt in Frankreich.
„Die Empörung ist enorm“, sagt Cécile Mailfert, die Vorsitzende der NGO
Fondation des Femmes. Sie fordert rasches und effektives Handeln statt
Entschuldigungen und Vertröstungen der Regierung auf später. „Wir können
uns mit dieser Justiz ohne genügende Mittel, die eher die Täter schützt als
die Opfer, nicht abfinden. 94 Prozent der Dossiers von
Vergewaltigungsanzeigen werden folgenlos zu den Akten gelegt, eine große
Zahl von Aggressoren, die der Justiz gemeldet werden, bleiben unbehelligt“,
so Malifert. Das sei nicht bloß eine Frage personeller Kapazitäten und
Mittel, sondern auch des politischen Willens und einer immer noch
patriarchalisch geprägten Mentalität.
Die bisher von der Regierung in Aussicht gestellten punktuellen
Verbesserungen reichen nach Ansicht der Demonstrierenden beim Weitem nicht.
Seit 2024 fordern die feministischen Organisationen und Kollektive zum
Schutz der Kinder umfassende Maßnahmen auf allen Ebenen. Ein dahingehender
Vorschlag für ein Rahmengesetz ist im Herbst von der sozialistischen
Abgeordneten Céline Thiébault-Martinez eingereicht worden. Premierminister
Sébastien Lecornu hat eine parlamentarische Debatte im Oktober versprochen.
5 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Anhaltende-Wut-ueber-Justizskandal/!6185869
(DIR) [2] /Sexualverbrechen-wird-zum-Politikum/!6184939
(DIR) [3] /Ermordung-einer-Elfjaehrigen/!6184981
(DIR) [4] https://www.ciivise.fr/le-bilan-de-mise-en-oeuvre-des-82-recommandations
## AUTOREN
(DIR) Rudolf Balmer
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