# taz.de -- Polizei- und Justizskandal in Frankreich: Millionen von unerledigten Akten
> Nach dem Mord an der 11-jährigen Lyhanna wird bekannt, dass bei
> Frankreichs Polizei massenhaft Informationen liegen bleiben. Die Beamten
> seien chronisch überfordert.
(IMG) Bild: Wütend über das Justizversagen: Demonstrierende in Paris Anfang Juni
Am 4. Juni wurde in Puycasquier im französischen Südwesten die Leiche des 5
Tage zuvor entführten [1][11-jährigen Mädchens Lyhanna] gefunden. Der
Tatverdächtige Jérôme Barella war bereits zur Befragung in Haft, als die
Ermittler der Gendarmerie bemerkten, dass er für die Justizbehörden in
Sachen sexueller Gewalt gegen Minderjährige eigentlich kein Unbekannter
war.
Doch vorbestraft oder wenigstens vor Gericht vorgeladen war er nicht,
obwohl, wie nun mit Schrecken festgestellt wurde, bereits eine Klage wegen
Vergewaltigung einer Minderjährigen samt medizinischem Gutachten sowie
weitere Hinweise auf Sexualdelikte gegen ihn vorlagen. Nur waren diese aus
unerfindlichen Gründen in einer Amtsstube liegen geblieben oder nicht
weitergeleitet worden.
Barella befand sich darum unbehelligt auf freiem Fuß. Die Strafverfolgung
hatte versagt. Weiterhin wurde bekannt, dass auch sein Bruder und sein
Vater sexueller Vergehen oder Verbrechen verdächtigt wurden. [2][Die
empörte Öffentlichkeit] verstand, dass Barella niemals Lyhanna getötet
hätte, wenn die Justiz rechtzeitig über den schweren Verdacht gegen ihn
informiert und Verfahren eingeleitet worden wären.
Was zunächst wie ein Einzelfall aussah, wuchs rasch zu einem Skandal für
die Justiz und die Polizei an. Justizminister [3][Gérald Darmanin] ordnete
eine sofortige interne Untersuchung an. Diese enthüllte einen Berg
unbearbeiteter Akten. 85.047 Strafklagen wegen sexueller Gewalt gegen
Minderjährige lagen unerledigt in den Schubladen der Amtsstuben. Insgesamt
sollen es 3 Millionen Akten sein, die von Polizei und Gendarmerie nie an
die Justizbehörden weitergeleitet wurden.
## Skandalöse Nachlässigkeit
Dies teilte Darmanin seinem Regierungskollegen, Innenminister Laurent Nuñez
in einem 12-seitigen Brief mit, der dann (gewiss nicht versehentlich) der
Zeitung Le Monde zugespielt wurde. Gerichtskreisen zufolge listete der
Justizminister gestützt auf die Berichte seiner 37 Staatsanwaltschaften
auf, wie viele Akten bei den dem Innenministerium untergeordneten
Polizeikommissariaten und Gendarmerieposten unbearbeitet und oft nicht
einmal ordentlich registriert blieben.
„Phantomdossiers“ nennt Darmanin diese angehäuften Akten, die von
skandalöser Nachlässigkeit zeugen. In Nîmes etwa wurden 1.275 Dossiers
entdeckt, in Caen 905, in Bourges sind mindestens 15 Dossiers schlicht
„verloren“ gegangen. In Le Mans sind 6 (hoffnungslos überforderte) Beamte
mit rund 4.000 Dossiers zum Schutz der Familien befasst. Mancherorts wurden
Kinder zu Sexualverbrechen ohne Rücksicht auf die dafür vorgesehenen
Kindesschutzmaßnahmen, die „Mélanie“-Protokolle, oder gar per Telefon
befragt.
Kein Wunder, ist im Bericht auch von einer „totalen Entmutigung“ und einem
„Ras-le-bol“ (Koller) der Ermittlungsbeamten die Rede. Die Gründe nannte
Darmanin ebenfalls: Chronischer Personalmangel, mangelnde
Rückverfolgbarkeit, fehlende Prioritäten, unabgeschlossene Untersuchungen,
ungenügende Professionalität und berufliche Ausbildung „selbst in
Sondereinheiten“.
Hinzu komme, dass die Polizei mit einer trotz äußerst kostspieligen Updates
veralteten Software auskommen müsse. Die Folge: Eingereichte Klagen bleiben
liegen, mutmaßliche Täter unbehelligt, weil Verfahren verschoben oder
eingestellt werden.
## Interner Streit statt Lösungen
Natürlich war Innenminister Nuñez nicht gerade erfreut darüber, dass diese
katastrophalen Zustände in seinen Dienststellen, statt vertraulich zu
bleiben, nun öffentlich angeprangert wurden. Er hätte etwas mehr
Kollegialität von Darmanin erwartet. Doch diesem ginge es offenbar darum,
jegliche Schuld sofort auf ein anderes Ministerium abzuschieben. Sehr bald
erwies sich dies als Eigentor. So war Darmanin doch selbst von 2020 bis
2024 als Innenminister für die Arbeit der Polizei und Gendarmerie
verantwortlich gewesen.
Erst recht aufgebracht gegen den Justizminister sind die Polizeiverbände.
Was er in seinem Brief kritisiere, sei seine eigene Bilanz als
Innenminister dieser Jahre, protestiert der Nationale Verband der
Kriminalpolizei (ANPJ). Diese Vereinigung der Polizeikommissare spricht von
„Zynismus“ und „Verrat“ ihres Ex-Ministers und macht ihn zusätzlich wegen
seiner Polizeireform von 2024, die Desorganisation gefördert habe,
mitverantwortlich.
Die Polizeiverbände fordern nicht erst jetzt mehr Mittel für die Ausbildung
und Einstellung zusätzlicher Beamter. Statt die Missstände so schnell wie
möglich zu beheben, ziehen es zwei Minister vor, unter den schockierten
Augen der französischen Öffentlichkeit über das Ausmaß des Skandals und
ihre eigene Verantwortung zu streiten.
16 Aug 2026
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(DIR) Rudolf Balmer
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