# taz.de -- Nach dem 7. Oktober: Tausend Tage Warten
       
       > 1.000 Tage ist der 7. Oktober nun her. Eine unabhängige
       > Untersuchungskommission verweigert Premier Netanjahu immer noch – dagegen
       > gibt es Protest.
       
 (IMG) Bild: Kundgebung in Tel Aviv: Erinnerung an die 1.000 Tage seit dem Anschlag der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023
       
       Es ist eine Mischung aus Wut und unendlicher Trauer, die an diesem Abend
       über dem Geiselplatz in Tel Aviv schwebt. Während junge Männer in kurzen
       Hosen vorbeijoggen und Mädchen in Spaghettitops vorbeischlendern, stellen
       zwei Frauen in der drückenden Hitze weiße Votivkerzen auf dem Boden auf.
       1.000, steht dort am Ende – so viele Tage sind seit dem Angriff der Hamas
       am 7. Oktober verstrichen.
       
       Auf dem Asphalt liegen aufgereiht Zettel, mit Blumen geschmückt, zu lesen
       sind die Namen der getöteten Geiseln und die Aufschrift „nicht vergeblich“.
       In einem Zelt steht eine Reihe von Männern und Frauen. Sie gehören zu
       denjenigen, die heute an das erinnern wollen, was manch anderer gern
       vergessen möchte: a[1][n die Grausamkeiten, die Toten und den Terror, den
       am 7. Oktober sie, ihre Familien und Freunde heimgesucht haben.] Aber sie
       wollen nicht nur erinnern.
       
       „Wir wollen Antworten. Wie konnte das passieren?“, fragt Yasmine. Sie ist
       50 Jahre alt und Lehrerin. Über dem schwarzen T-Shirt trägt sie eine
       silberne Kette mit Herzanhänger. „Wir haben einen Staat, eine Armee. Wie
       konnte das passieren?“ Fast 1.200 Tote, mehr als 250 Entführte. Sie will,
       dass der Premierminister Verantwortung übernimmt. Die aktuelle Regierung
       unter Führung von Benjamin [2][Netanjahu hat indes keine unabhängige
       Kommission ins Leben gerufen, sondern ein politisch ausgewähltes Gremium
       vorgeschlagen.] Dafür hagelte es Kritik von mehreren Seiten.
       
       Yasmine ist nicht die Einzige, die Antworten fordert. Auf dem Platz tragen
       manche Demonstrant:innen Netanjahu-Masken, einer noch dazu die Nase von
       Pinocchio. Inzwischen haben sich mehrere Tausend Menschen auf dem Platz
       versammelt. Als über den Bildschirm Videoschnipsel des Premierministers
       flimmern, bricht die Menge in Buhrufe aus. Stille herrscht hingegen, wenn
       Familienmitglieder der Verstorbenen sprechen.
       
       ## Auch eine Wiedersehensfeier
       
       [3][Ruby Chen, der Vater des getöteten Soldaten Itay Chen], steht am Rand
       des Platzes. Chen war deutscher Staatsbürger. „Tausend Tage symbolisieren
       unsere Reise. Wir haben Antworten bekommen über das Was, aber nicht über
       das Wie“, sagt er. Auf seinem T-Shirt ist die Silhouette des Königs der
       Löwen abgebildet, wie er auf dem Felsen thront. „Itay Chen, für immer unser
       Löwenkönig“, steht auf dem T-Shirt.
       
       Hier zu sein sei auch eine Wiedersehensfeier, erklärt er. Viele kennen sich
       – seit nunmehr 1.000 Tagen. Woche um Woche haben sie sich getroffen, um zu
       protestieren und gemeinsam zu hoffen. Sie grüßen einander auf dem Platz,
       lächeln sich zu. Sie haben nebeneinander gezeltet, vor Regierungsgebäuden
       protestiert. Eine Ausstellung aufgebaut mit persönlichen Gegenständen der
       Verstorbenen: ein kleines Dreirad, zwei alte Puppen, Kleidung.
       
       Im ganzen Land haben am Donnerstag Gruppen demonstriert. Vor dem
       Verteidigungsministerium, vor der Knesset und auch auf der Stadtautobahn,
       wo die israelische Polizei acht Menschen festnahm.
       
       Im Hintergrund ertönt eine melancholische Melodie. Dann Applaus, als die
       ehemalige Geisel Rom Braslavski das Mikrofon ergreift. Der Krieg gegen die
       Hamas möge zu Ende sein, doch sein persönlicher Kampf gegen die Traumata
       und die Verletzungen gehe weiter.
       
       Es wird dunkel auf dem Geiselplatz. Der Vater des getöteten Soldaten Chen
       sagt, er habe auch noch eine Botschaft. Er wolle, dass die Deutschen
       zwischen israelischen Staatsbürger:innen und israelischer Regierung
       unterscheiden. Von der israelischen Regierung fordert er hingegen nur
       eines: dass sie Verantwortung übernimmt.
       
       3 Jul 2026
       
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