# taz.de -- Blinde Menschen helfen bei Krebsvorsorge: Brustkrebs ist hart wie Holz
       
       > Wenn Knoten früh erkannt werden, ist Brustkrebs heilbar. Dabei kann Marie
       > Hövener helfen: Sie ist blind und arbeitet als taktile
       > Brustuntersucherin.
       
 (IMG) Bild: Eine Brustuntersucherin bei der Arbeit: vorsichtig tastend, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter
       
       Auf dem Schreibtisch vor Marie Hövener liegen ein iPad mit Kabelkopfhörern
       und rot-weiße Klebestreifen, die wie kurze Absperrbänder aussehen. Durch
       Spitzenvorhänge fällt die Märzsonne aufs Parkett. Es klopft, und eine
       Arzthelferin der gynäkologischen Praxis bringt die erste Patientin des
       Tages herein. Diese wird heute ihre Brüste von Marie Hövener abtasten
       lassen.
       
       Hövener ist blind. Ihre Sehkraft beträgt weniger als zwei Prozent.
       Unterschiede zwischen hell und dunkel kann die 28-Jährige erkennen und,
       wenn sie sich konzentriert, grobe Schatten. Wie bei vielen blinden Menschen
       ist ihr Tastsinn außergewöhnlich gut trainiert. Deshalb arbeitet sie als
       medizinisch-taktile Brustuntersucherin – in der üblichen Abkürzung MTU
       genannt. Hövener ist eine von 42 Frauen in Deutschland, die diesen Beruf
       ausüben.
       
       ## Tumoren sind nicht größer als Perlen
       
       Seit fünf Jahren tastet Marie Hövener in verschiedenen Praxen in Erlangen,
       Oberasbach und Fürth Brüste ab, um Unebenheiten zu erfühlen. Zysten und
       Tumoren erkennt sie im Frühstadium, wenn sie nicht größer als Perlen einer
       klassischen Perlenkette sind. Höveners Tastsinn ist ihr wichtigstes
       Werkzeug – im Alltag und im Beruf.
       
       Saheed Demir ist hier, weil sie mehr für ihre Vorsorge tun möchte als
       bisher. Demir ist 38 Jahre alt und heißt eigentlich anders – aber möchte in
       einem Text über eine so intime Prozedur lieber nicht mit ihrem echten Namen
       vorkommen. Die Untersuchung ist ihr wichtig. „Ehrlich gesagt, ging mir das
       Abtasten immer zu schnell“, sagt sie. „Hat man Ihnen denn am Telefon
       gesagt, dass ich blind bin“, fragt Hövener sie freundlich. Hat man. Demir
       guckt ein wenig verunsichert. Später wird Hövener erklären, dass viele
       Patientinnen ihr sagen, sie sähe gar nicht so blind aus. Ihre hellbraunen
       Augen blicken nie weit weg von ihrer Patientin.
       
       Nach der Schule hat Marie Hövener eine Ausbildung zur Fachpraktikerin für
       Bürokommunikation gemacht. Nach einem Praktikum bei einer Behörde wusste
       sie, dass diese Arbeit nichts für sie ist. Zu wenig Kontakt zu Menschen.
       Über den Blindenverband Nürnberg hört sie vom Duisburger
       Inklusionsunternehmen Discovering Hands, das seit 2012 blinde und
       sehbehinderte Frauen zu MTUs ausbildet. 100 Praxen im deutschsprachigen
       Raum arbeiten aktuell mit Discovering Hands zusammen, darunter auch die
       Praxis in Fürth.
       
       Die von Discovering Hands entwickelte Untersuchung nennt sich
       Taktilografie. Sie ist kein Ersatz für Sono- und Mammografiescreenings mit
       Ultraschall oder Röntgen, sondern eine Ergänzung. Denn die Screenings
       richten sich vorrangig an Frauen zwischen dem 50. und 75. Lebensjahr, sie
       sind teuer und werden nur in diesem Alter oder bei einem konkreten Verdacht
       von den Krankenkassen bezahlt. Die Taktilografie setzt früher an und kann
       gerade jüngere Frauen für die Krebsvorsorge sensibilisieren. Eine
       Untersuchung bei Marie Hövener kostet 79 Euro. Aktuell erstatten 44 der 93
       gesetzlichen und alle privaten Kassen die Kosten.
       
       „Ich habe damals gelesen, dass wir blinde Frauen durch die
       [1][Brustuntersuchung] unsere Schwäche als Stärke annehmen können. Wir
       können anderen Frauen Sicherheit geben, wir können Leben retten“, sagt
       Marie Hövener.
       
       Bevor sie zur Ausbildung zugelassen wird, muss Hövener in einem
       Assessment-Test ihre Tastfähigkeiten unter Beweis stellen. Sie besteht und
       so kann sie das Arbeitsamt überreden, die Qualifizierung zu finanzieren. Im
       September 2020 geht es los. Sechs Monate lernt Marie Hövener mit den
       anderen Auszubildenden die weibliche Anatomie kennen. Im Fokus steht die
       Brust und ihr Gewebe. Erst üben sie an Plastiktorsos und „gegen Ende wurden
       wir auch auf uns gegenseitig losgelassen“, sagt Hövener und lacht bei der
       Erinnerung. Im nächsten Schritt begleiten die Auszubildenden drei Monate
       lang Gynäkologinnen und andere Ärztinnen, um an echten Körpern zu tasten,
       wie sich der Krebs anfühlt.
       
       ## Früh erkannt gibt es gute Heilungschancen
       
       Weil Saheed Demir zum ersten Mal taktil untersucht wird, führt Marie
       Hövener mit ihr ein Anamnesegespräch. Demir nennt ihre Körper- und
       Körbchengröße. Brustwarzenpiercings oder Implantate? Keine. Größere Narben
       oder Muttermale? Keine. Hövener tippt alles in ihr iPad, das, ebenso wie
       ihr Laptop, mit einer Braillezeile und einem Bildschirmleseprogramm
       ausgestattet ist. Sie möchte, dass ihre Patientinnen sich gesehen fühlen
       und nimmt sich Zeit, ihre Liste durchzugehen.
       
       „Mammakarzinome, also Brustkrebsknoten, sind nicht glatt, aber hart wie
       eine Holzkugel und lassen sich nicht bewegen“, erklärt sie und reicht Demir
       einen Schlüsselanhänger. Daran baumeln sechs verschieden große Kugeln.
       Hövener erklärt: „Die oberen Kugeln sind die Größe, in der Frauen die
       Unebenheiten selbst spüren. Die mittleren sind so groß wie die
       Auffälligkeiten, die Ärztinnen beim Abtasten spüren und die kleinen, ab
       sechs Millimeter Durchmesser, die können wir MTU erfühlen.“ Die Patientin
       hört aufmerksam zu. „Aber anders als hier ist Brustkrebs nicht rund wie
       eine Perle und er hat auch keine glatte Oberfläche“, sagt Hövener.
       
       Brustkrebs lässt sich gut heilen, wenn er früh erkannt wird. Eine
       [2][Statistik des Robert Koch-Instituts zeigt], dass über 80 Prozent der
       erkrankten Frauen fünf Jahre nach einer Behandlung ohne Rückfall leben. Im
       Alltag von Frauenärzt*innen bleiben für das Abtasten der Brust nur 3
       Minuten pro Patientin. Bei den MTUs wie Marie Hövener dauert das Abtasten
       je nach Größe der Brust zwischen 30 und 60 Minuten. Eine vom
       österreichischen Gesundheitsministerium in Auftrag gegebene [3][Studie] mit
       1.148 Probandinnen konnte zeigen, dass MTU bei ihrer genaueren Untersuchung
       etwa doppelt so viele Auffälligkeiten ertasten wie Ärzt*innen bei ihrer
       Standartprozedur. Dabei war aber auch die Zahl der falsch positiven Befunde
       leicht erhöht.
       
       Gleich beginnt Saheed Demirs Untersuchung. Sie zieht sich obenrum aus und
       setzt sich auf die Liege. Hövener wäscht ihre Hände gründlich. In der
       gesamten Praxis bewegt sie sich ohne Stock und leichtfüßig, sie hat die
       Wege oft gemacht, kennt ihr Zimmer, weiß genau wo das Waschbecken ist und
       wo die Tür.
       
       Dann stellt sie sich vor Demir und bittet sie, die Arme in die Hüften zu
       stemmen. Es ist sehr still im Zimmer. Hövener fragt: „Sind Sie aufgeregt?“
       Demir sagt: „Ja, schon ziemlich.“ Dann lachen beide kurz und es wirkt, als
       löse sich die Anspannung der Patientin etwas.
       
       ## Die erste Untersuchung
       
       Hövener beginnt, die in den Achseln liegenden Lymphe zu erfühlen. Sie
       drückt dabei mit drei Fingern in das Gewebe und macht kreisförmige
       Druckbewegungen. Als die Lymphknoten überprüft sind, legt ihre Patientin
       sich auf die Liege und Hövener beginnt, ihr Streifen auf die Brust zu
       kleben. Die Streifen teilen die Brustfläche in Zonen ein, die Hövener
       nacheinander abarbeitet. Hövener kann die Pünktchen auf den Streifen
       fühlen. Sie ergeben ein Koordinatensystem. Es hilft ihr später, die genaue
       Stelle einer Unebenheit zu beschreiben.
       
       Drei Schichten Brustgewebe gibt es. Das Fettgewebe ist weich und variiert
       von Frau zu Frau. Das Drüsengewebe liegt auf den Muskeln auf und ist
       anfällig für hormonelle Veränderungen wie Tumoren. Das umliegende
       Bindegewebe hält alles zusammen. Hövener muss durch alle Schichten. Was
       sich verschieben lässt, ist gut, was sich nicht verschieben lässt, meistens
       schlecht.
       
       Ungefähr alle zwei Monate findet Hövener eine suspekte Veränderung. Wenn
       das passiert, bekommt die Patientin noch in der Praxis einen Ultraschall.
       Hövener übergibt sie dann an die zuständige Gynäkologin. Ihr Job ist nach
       der Übergabe eigentlich vorbei. Aber sie frage im Nachhinein immer nach,
       was sie ertastet habe. Ob es bösartig gewesen sei oder eine gutartige
       Zyste.
       
       Marie Hövener stellt seit Kurzem eine Veränderung in ihrer Kundschaft fest:
       „Früher waren die Frauen, die zum ersten Mal kamen, zwischen 40 und 80.
       Heute habe ich Patientinnen mit Anfang, Mitte 20.“ Das Bewusstsein für
       Brustkrebsvorsorge sei gestiegen.
       
       Auf der Liege sind inzwischen etwa 15 Minuten vergangen. „Ich kann Sie
       schon mal beruhigen, auf der rechten Seite war alles in Ordnung“, sagt
       Marie Hövener. Sie wechselt auf die andere Seite, streicht dabei mit ihrem
       Zeigefinger an der Liege entlang, um zu fühlen, wo sie hin muss. Auch auf
       der linken Seite ist alles unauffällig. Nur ein letzter Test fehlt noch:
       Hövener muss prüfen, ob Flüssigkeit aus der Brustwarze heraustritt.
       Außerhalb der Schwangerschaft kann solcher Ausfluss ein Zeichen hormoneller
       Veränderungen sein, man sollte ihn abklären lassen.
       
       Hövener holt einen Wattebausch und tupft auf die Brustwarze. Dann bittet
       sie ihre Patientin, ihr zu helfen: „Ich spüre keine Flüssigkeit, sehen Sie
       einen Fleck auf diesem Tupfer?“ Der Wattebausch ist trocken. „Bei Ihnen ist
       alles in Ordnung“, sagt Hövener zu ihrer Patientin. Noch auf der Liege
       bedankt Demir sich mehrfach. Sie weiß jetzt schon, dass sie wiederkommen
       möchte. „In einem Jahr dann?“ – „Gerne in einem Jahr.“
       
       Marie Hövener wäscht sich noch einmal die Hände und setzt sich an ihren
       Schreibtisch zurück, um die Patientinnendaten in ihr Programm zu tippen. In
       zehn Minuten kommt die nächste Frau zu ihr – die zweite von fünf bis acht,
       die sie an einem Tag untersucht. Ob ihr manchmal die Hände wehtäten?
       Unterschiedlich. „Aber ich pflege und massiere meine Hände gut, sie sind ja
       mein Hauptwerkzeug“, sagt sie.
       
       2 Oct 2026
       
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