# taz.de -- Blinde Frauen in der Brustkrebsvorsorge: Millimeter für Millimeter
       
       > Was Finger wahrnehmen können, wenn sie geschult sind: Blinde und
       > sehschwache Frauen wie Lisa-Marie Schmidt ertasten Brustgewebe und
       > Auffälligkeiten.
       
 (IMG) Bild: Lisa-Marie Schmidt arbeitet als eine von fünf Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen in einer Praxis in Berlin-Friedenau
       
       Das weiße Winterlicht dringt hinter rosa Lamellen hervor. Aus einer pinken
       JBL-Box kommt leise klassische Musik. Lisa-Marie Schmidt wiederholt die
       Postleitzahl von Laura S. und fragt: „Hatten Sie in letzter Zeit
       Beschwerden?“ Laura S. sitzt leicht nach vorne geneigt. „Ja“, sagt sie,
       „seit ein paar Monaten fühle ich immer wieder ein Stechen in meiner linken
       Brust.“ – „Ist die Stelle gerötet?“, will Schmidt wissen. „Nein.“
       
       Lisa-Marie Schmidt nickt. Es ist behaglich in dem Behandlungszimmer in
       Berlin-Friedenau. Angeklebte Schmetterlingsfiguren stehen leicht von der
       Wand ab, auf dem Schreibtisch liegt eine gehäkelte Zitrone. In einer Ecke
       steht ein Blindenstock, an dem eine Stoffschildkröte baumelt. Die Praxis
       des [1][Sozialunternehmens discovering hands] liegt in einem hellen Altbau,
       mit orangen Ornamentfenstern in den Flügeltüren und Stuck an der Decke.
       
       Als sehbehinderte Frau gehört Lisa-Marie Schmidt zu den fünf angestellten
       blinden und sehbehinderten Frauen, die als Medizinisch-Taktile
       Untersucherinnen (MTU) arbeiten. In ganz Deutschland gibt es nur 50 Frauen,
       die diesen anspruchsvollen Beruf beherrschen. Sie tasten Brüste
       systematisch nach Auffälligkeiten ab – Millimeter für Millimeter. Sie
       vergleichen Gewebeschichten, erspüren Verdichtungen und Verschiebungen.
       
       MTUs arbeiten in gynäkologischen Praxen oder spezialisierten Zentren von
       discovering hands, etwa in Berlin oder Hamburg. Da die Praxis in
       Berlin-Friedenau nicht barrierefrei ist, besuchen die MTUs auch soziale
       Träger und Einrichtungen für Frauen in anderen Berliner Bezirken.
       
       ## Zuverlässiger als beim Arzt
       
       „Dürfte ich Sie jetzt frecherweise mal anfassen?“ Lisa-Marie Schmidt steht
       vor Laura S., die auf der Behandlungsliege sitzt und lacht. „Ja, klar.“
       Gegen Unsicherheit hilft Humor und Direktheit. Schmidt hat diesen trockenen
       Berliner Humor, doch anders als die Grobheit, die ihm nachgesagt wird, geht
       Schmidt sensibel und einfühlsam vor. Als MTU braucht es nicht nur
       feinfühlige Finger. Es ist eine Sorgetätigkeit mit vielen Facetten.
       Menschen sind unsicher, wenn sie herkommen. „Haben Sie etwas gefunden?“,
       ist die häufigste Frage, die Schmidt bekommt. Falls sie etwas ertastet,
       lässt sie ihre Patient:innen selbst fühlen.
       
       Rund 70.000 Frauen erkranken jährlich in Deutschland an Brustkrebs, in
       Berlin sind es etwa 2.000. Wird der Krebs früh entdeckt, ist er gut
       behandelbar, mit sehr guten Überlebenschancen. Dennoch beginnt das reguläre
       Mammografie-Screening erst für Frauen ab 50, obwohl rund 20 Prozent der
       Neuerkrankungen Frauen betreffen, die jünger sind.
       
       „Wir wollen Veränderungen so früh wie möglich fühlen. Je kleiner, desto
       besser die Heilungschancen“, sagt Schmidt. Eine Studie am
       Universitäts-Brustzentrum Franken zeigt, dass Medizinisch-Taktile
       Untersucherinnen bei Patient:innen ohne Voroperation die diagnostische
       Genauigkeit steigern können: Verdächtige Befunde wurden von ihnen
       zuverlässiger erkannt als durch die behandelnden Ärzt:innen.
       
       ## Für eine Untersuchung bis zu einer Stunde Zeit
       
       Schmidt beginnt am Hals. Ihre Finger tasten ober- und unterhalb des
       Schlüsselbeins entlang der Lymphknoten. „Die Lymphknoten zeigen, ob im
       Körper gerade etwas passiert – Entzündung, Infektion, auch nach Impfungen.“
       Mit dem Handrücken streicht sie über die Brust und prüft die Temperatur.
       „Entzündungen geben Wärme ab, ein Karzinom kann das auch – muss aber
       nicht.“
       
       Schmidt behandelt bis zu 7 Personen am Tag. Für eine Untersuchung hat sie
       bis zu einer Stunde Zeit. Im Vergleich können Gynäkolog:innen in
       Berlin für Vorgespräch, Untersuchung und Tasten im Schnitt nur 7,6 Minuten
       aufwenden. Schmidt nennt diese flüchtigen Prozeduren „Klavierspielen auf
       der Brust“. „Natürlich können wir froh sein, dass sie es überhaupt machen“,
       sagt sie. Wirklich erleichtert seien viele Patient:innen danach jedoch
       nicht.
       
       Laura S. liegt mittlerweile auf dem Rücken. Schmidt holt aus einem Schrank
       ihr Werkzeug: 5 Dokumentationsstreifen mit roten und weißen Feldern. Sie
       dienen als Koordinatensystem für die Befunde, die später an die
       behandelnden Gynäkolog:innen weitergegeben werden. „Die rote Fläche
       ist glatt, die weiße punktuiert“, erklärt Schmidt. „Ich werde sie jetzt
       aufkleben und Feld für Feld waagerecht abtasten.“
       
       Während sie fühlt, beschreibt sie die Unterschiede des Gewebes. „Normales
       Gewebe ist knubbelig und weich, wie ein Marshmallow.“ Zysten seien hart,
       rund oder oval, manchmal mandelförmig, und lassen sich verschieben. „Ihre
       Oberfläche kann man mit Weintrauben vergleichen.“ Tumore dagegen seien
       „sehr hart, rau und nicht verschieblich. Sie sitzen fest – wie kleine
       Ärmchen, die sich ins Gewebe krallen.“
       
       ## Tastübungen an Modellen
       
       Die Ausbildung zur Medizinisch-Taktilen Untersucherin dauert 9 bis 10
       Monate, ist seit 2006 anerkannt und wird bei discovering hands absolviert.
       Schmidt wollte ursprünglich Physiotherapeutin werden, konnte den Beruf aus
       gesundheitlichen Gründen jedoch nicht ausüben. „Dann hat ein
       Familienmitglied einen Artikel über den Beruf der MTU mit nach Hause
       gebracht“, erzählt sie. Vor 7 Jahren begann sie die Ausbildung.
       
       Zum Assessment gehören Tastübungen an Modellen. An einer Kette mit
       unterschiedlich großen Erhebungen lässt sich zeigen, wie fein Unterschiede
       wahrgenommen werden: Schmidt kann 5 bis 8 Millimeter Durchmesser
       zuverlässig ertasten, Gynäkolog:innen etwa 10 Millimeter und größer.
       Darüber hinaus werden Kenntnisse über Aufbau, Funktion und Erkrankungen der
       weiblichen Brust vermittelt sowie Grundwissen zu diagnostischen und
       therapeutischen Methoden. „In der zweiten Hälfte lernen wir medizinisches
       Basiswissen und wie wir gut kommunizieren, wenn wir etwas Auffälliges
       tasten.“
       
       Da Medizinisch-Taktile Untersucherinnen (MTU) im Praxisalltag eigenständig
       Anamnesen erheben und Befunde dokumentieren, gehören auch „Medizinisches
       Schreiben“ und Fachterminologie zu den Lehrinhalten. Seit sie in dem Beruf
       arbeitet, hat Schmidt viel gelernt. Körper sind verschieden, vieles lässt
       sich nicht vorhersagen. So wie viele 50-Jährige keinen Brustkrebs haben,
       gibt es auch 30-Jährige, die bereits in der Menopause sind.
       
       Hat sich seit Beginn ihrer Berufslaufbahn etwas verändert? „Ich habe das
       Gefühl, dass Brustkrebs bei jüngeren Menschen häufiger auftritt“, sagt
       Schmidt. „Früher eher zwischen 30 und 90, heute auch bei 20-Jährigen.“
       
       ## Krebs wird heute früher entdeckt
       
       Daten stützen das: Eine französische Registerstudie zeigt bei Frauen unter
       40 zwischen 1990 und 2018 einen jährlichen Anstieg invasiver
       Brustkrebserkrankungen von rund 2,1 Prozent. Schmidt vermutet, dass Krebs
       heute früher entdeckt wird, auch weil es mehr und bessere diagnostische
       Verfahren gibt.
       
       Tasten die MTUs Auffälligkeiten, folgt ein Ultraschall und die Überweisung
       an Gynäkolog:innen, die die Diagnose stellen. Schmidt ist froh über den
       Austausch mit ihren Kolleginnen im Zentrum in Friedenau. Auffällige Befunde
       zu ertasten, geht auch an ihr nicht spurlos vorbei. Vorsorge sei besser als
       Nachsorge. „Man ist ja nie einfach gesund. Es gibt Patientinnen, die sagen:
       Ich möchte nichts machen. Aber woher kann man dann wissen, wenn etwas nicht
       stimmt?“
       
       Am Ende der Untersuchung vergleicht Schmidt die schmerzende Stelle von
       Laura S. mit der anderen Brust. Es lässt sich nichts Auffälliges ertasten.
       Möglicherweise hängt das Stechen mit einer früheren Gürtelrose zusammen
       oder ist muskulär bedingt. Um ganz sicherzugehen, rät Schmidt zu einem
       Gespräch mit einer Gynäkolog:in und einem Ultraschall.
       
       5 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.discovering-hands.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Kücking
       
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