# taz.de -- Ausstellung über Mode von Madame Grès: Den Turban auf dem Kopf, die Schere um den Hals
> Wie die Modedesignerin Madame Grès Stoff in Falten legte, erkundet eine
> Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Berlin. Und Studierende ergänzen die
> Modelle.
(IMG) Bild: Meisterlich drapiert: Modelle von Madame Grès in der Berliner Ausstellung
Göttinnen hat sie auf dem Theater entdeckt. „Der Trojanische Krieg wird
nicht stattfinden“ wurde 1935 im Pariser Theatre de l’Athenée aufgeführt.
Ein anderer Krieg fand dann doch statt und kam 1940 nach Frankreich. Madame
Grès aber hat mit ihren Kostümen für Helena, Kassandra, Andromache daraus
etwas hervorgezaubert, was über Kriege hinausführt: eine neue Art, Kleider
zu machen.
In einer Ausstellung des Kunstgewerbemuseums Berlin: „Many Shades of Grès.
Mode wird Kunst“ sind derzeit 25 Frauenkleider von Madame Grès zu sehen,
jener rätselhaftesten, zurückhaltendsten Modemacherin aus der Zeit der
großen französischen Mode.
Der biografische Mythos erzählt, dass sie [1][Bildhauerin und Tänzerin
werden] wollte und nicht durfte, dann eine Schneiderlehre in berühmten
Pariser Modehäusern machte, um 1933 ihr erstes eigenes Modehaus zu gründen.
[2][Zu Anfang der deutschen Besatzung] flieht sie in die Pyrenäen, kehrt
zurück und firmiert ab 1942 unter ihrem Künstlernamen Grès in der 1, rue de
la Paix.
Die Deutschen rationieren alles, auch den Stoff. Aber Grès’ Mode braucht
Stoff im Überfluss – und sie kreiert Modelle mit noch mehr Stoffverbrauch.
(Damit die Deutschen den Stoff nicht nach Deutschland zurückschicken
können, sagt sie.) Anfang 1944 wird das Modehaus geschlossen, dann kaum
zwei Monate vor der Befreiung von Paris wiedereröffnet. Im Sommer 1944
zeigt sie, die berühmt für ihre monochromen Modelle berühmt werden sollte,
eine Kollektion in den Farben der Tricolore.
## Lieblingsmaterial: Seidenjersey
Grès’ Outfits sind Hymnen an Stoffe. Oft sind sie leicht und transparent,
verarbeitet in langen Bahnen, bis zu neun Meter in extra Überbreite, aus
ihrem Lieblingsmaterial Seidenjersey. Ein einziges Stück Stoff umhüllt,
verhüllt, enthüllt, bekleidet den weiblichen Körper. Diese eine Stoffbahn
wird an der Puppe oder am Model in Falten gelegt, gedreht, umgeschlagen und
geknotet, gerafft, in Schichten gelegt. Nähte per Hand befestigen nur an
wenigen Stellen die Falten.
Drapieren ist Grès’ Meisterschaft und ihr Bekenntnis. Sie habe sich damit,
so Sibylle Hoiman, die Direktorin des Kunstgewerbemuseums, in ihrem
Katalogbeitrag, „bewusst von dem konventionellen Schneiderhandwerk mit
Schnittmustern“ gelöst. Drapieren und zuschneiden sind zwei extrem
gegensätzliche Verfahren.
Nicht von ungefähr trägt die Modemacherin als ihr Erkennungszeichen den
Turban auf dem Kopf und die Schere um den Hals. Denn Drapieren heißt: im
Hyperanalogen arbeiten. „Durch die Berührung lässt sich die Seele und der
Charakter eines Stoffes erkennen. Wenn ich ein Kleidungsstück aus Seide
über eine Figurine drapiere, reagiert der Stoff in meinen Händen, und ich
versuche, diese Reaktionen zu verstehen und zu deuten. So verleihe ich dem
Kleid, das ich entwerfe, eine Linie und eine Form, die der Stoff selbst
gerne hätte.“
## Ihr Künstlername bedeutet Sandstein
So ein Stoff wirft dann Falten, wie sie seit den Griechen jahrhundertelang
die Malerei und Bildhauerei Europas durchzogen. Es entstehen skulpturale
Kompositionen mit Faltenkaskaden, Mulden- und Schüsselfalten wie
griechische Götterstatuen oder die Kanneluren von Säulen. Ihr Künstlername,
das Palindrom des Vornamens ihres Mannes – Serg(e)greS – bedeutet
französisch „Sandstein“. Christo [3][und Jean-Claudes Verhüllungskunst]
setzt diese Geschichte von Mode und Architektur fort, die Martin Noell,
Professor für Architekturgeschichte und Architekturtheorie der Berliner
Universität der Künste, in seinem Katalogbeitrag erkundet.
Von den 1960er bis in die 1980er Jahre (sie lebt bis 1993) erprobt Grès
auch andere Wege. Farben und farbige Bänder, Color-Blocks kommen ins Spiel,
die Formen werden Cape-artig, mit flächigen, geometrischen, manchmal
kreisförmigen Figuren, verkreuzt und vernäht. Aus dieser Phase stammen die
meisten der Grés-Modelle im Besitz des Kunstgewerbemuseums Berlin.
Aber jetzt [4][in der digitalen Zeit der Schnellmode], was ist heute mit
Grès’ hyperanalogen Verfahren anzufangen? StudentInnen und ProfessorInnen
der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin sind der Frage drei
Semester lang nachgegangen und haben diese Ausstellung unter Leitung von
Christian Mau de la Cerda konzipiert.
## Ihre hyperanaloge Mode heute
So sind rund um Grès’ 25 ausgestellte Outfits die Entwürfe und Modelle aus
der Hochschule zu sehen. Ein Modell etwa (Yvonne Brunzel) ist ein
bodenlanges rotes Strickkleid mit strukturierten, in verschiedene
Richtungen gelegten Linien: glatten und gerippten Streifen (Bouclé) und
dehnbaren, seriellen Ziehharmonikafalten. Ein anderes Modell (Ghayda
Al-Wazir) arbeitet ganz im Digitalen. Am Computer wurde zuerst eine
strenge, zweidimensionale Linienkompostion entworfen, die ein Programm dann
in eine dreidimensionale Struktur verwandelte.
Und noch ein weiteres Stück wurde direkt als dreidimensionales Korsett
modelliert (in Blender3d) und anschließend in tausende Schichten zerlegt
aps Anweisungen für einen 3-D-Drucker. Entstanden ist eine am Körper
tragbare Skulptur aus starrem Polyurethan. Dieses Objekt kann es mit jedem
griechischen Torso aufnehmen.
20 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Marina Razumovskaya
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