# taz.de -- Bücher von Johanna Sebauer: Wenn du wirklich ich bist, wirst du all das sehen
> Johanna Sebauer im Doppelpack: Die österreichische Autorin erzählt vom
> Medienzirkus und vom Sterbenlernen in „Das Gurkerl“ und „Popóm“.
(IMG) Bild: Der Biss ins Gurkerl wird zu einer gesamtgesellschaftlichen Gefahrenlage hochgejazzt
Das Jahr 2023 war ein gutes Jahr für Dorfgeschichten: Mit Markus Köhle,
einem Veteranen der Lesebühnenliteratur, und Johanna Sebauer legten gleich
zwei Aktivposten österreichischen Humors ihre Romandebüts vor. Erwies sich
Köhle als kalauernder Erfinder des ÖBB-Romans, wartete die gebürtige
Wienerin Sebauer mit der sauguten Dorfmilieustudie „Nincshof“ auf.
Auch ihr zweiter Roman „Popóm“ wird von der Anmut des Austro-Idioms
getragen. Kurz vor dessen Erscheinen wurde ihre [1][beim Bachmann-Wettlesen
in Klagenfurt 2024 prämierte Kurzgeschichte „Das Gurkerl“] bibliophil
ediert. Im Vergleich beider Publikationen zeigen sich gleichermaßen
Repertoire und Produktivität [2][der charismatischen Johanna Sebauer,] die
von Hamburg wieder ins heimische Burgenland übersiedelte.
„Das Gurkerl“, eine bündige Medienzote, ist Unterhaltung voll auf die
Zwölf. Die grobe Figurenbeschreibung, typisch für Kurzgeschichten, wird
durch warmbunte Zeichnungen von Nikolas Heidelbach ausgeglichen. Sebauers
Komposition folgt dabei dem Prinzip „perception is reality“ und dem
bewährten Humortool „Kleine Ursache zeigt größtmögliche Wirkung“: Ein
selbstverliebter Journalist namens Perkat jazzt eine selbstverschuldete
Augenreizung, verursacht durch den gierigen Biss in ein Gewürzgürkchen
(„Gurkerl“), zu einer gesamtgesellschaftlichen Gefahrenlage hoch.
Medienleerlauf, die sogenannte „Saure-Gurken-Zeit“, wird in einen
Zusammenhang mit innerer Leere gespiegelt, wie sie kennzeichnend ist für
Narzissten und deren kritiklose Mitläuferschar.
Der zunächst belustigt Distanz wahrende Ich-Erzähler wird als Kritiker der
peinlichen Dynamik zu einem Opfer der Hysterie: „Die Gurkerlsache war unter
der brüllenden Hitze dieses Sommers ein Monster geworden, zu dem sich jeder
irgendwie verhalten musste.“
## Virtuoses Spiel mit Textsorten
So abgefeimt „Das Gurkerl“, so beklemmend ist „Popóm“, Sebauers zweiter
Roman, der virtuos mit allerlei Textsorten (Aphorismen,
Selbstoptimierersprech, KI-Stilblüten) spielt. Grundlage ist das
zeitparadoxal entfaltete Gedankenspiel: Was geschieht, wenn ein
Durchschnittsmensch, hier Hendrik Popom, einer reiferen Version seiner
selbst (Hendrik Popóm) begegnet? Durchweg gelungen ist der Rückgriff auf
novellistische Muster: Im Gedenken an die Falkentheorie heißt der
Treffpunkt Popoms und Popóms: „Falkencafé“. Jung-Hendrik beteuert auch
mehrfach die Einmaligkeit des Erlebnisses: „Natürlich wusste er. Und ich
wusste, dass er wusste.“
Aus Nächstenliebe wird da unversehens die Feedbackschleifenliebe: „Er: Du
versteckst dich. / Ich: Wie bitte? / Er: Du versteckst dich bei mir im
Laden. […] Ich: Ich verstecke mich vor Verantwortung? / Er: Ja, ich denke,
das tust du. Denn wenn du nicht bei mir im Laden wärst, müsstest du etwas
gegen deine Einsamkeit unternehmen.“ Auch der novellentypische Rahmen
(meist Pest oder Belagerung) ist mit Verweis auf Multikrisen (Gaza,
Ukraine, Klimawandel) gegeben, der übersichtliche und dialoglastige
Handlungsstrang, der ordentlich mit Leitmotiven (von Dosenpfirsichen bis zu
Magrittes „Dies ist keine Pfeife“) gespickt wurde, legt die Bezeichnung
„Novelle“ nahe.
Originell ist auch die Arbeit am Doppelgänger-Motiv: Das Setting ist nicht
psychopathologisch angelegt wie etwa bei Poe, Dostojewski oder Stevenson,
für deren Figuren Wilson, Goljadkin und Jeckyll/Hyde hat der
recherchierende Hendrik Popom nichts übrig: „Natürlich wurde ich, was meine
eigene Situation betraf, auf diese Weise nicht schlauer, sondern nur wütend
auf die […] Autoren, das waren Leute, die im echten Leben keinen Platz
gefunden hatten, meine Meinung. Ich und er aber, das war echt.“
Das seit Goethe sogenannte „unerhörte Begebnis“ wird für Hendrik Popom in
Bezug auf sein älteres Ich schlussendlich sogar gedoppelt: „Der Mann, der
mir verbunden war wie sonst nichts und niemand auf der Welt, war wieder ein
völlig Fremder. Ja, er war, so fühlte es sich an, gar ein Feind. Er hatte
ein Leben, ein eigenes, in das er mich nicht hineinließ. Eines, in dem er
ein Geheimnis vor mir beschützte …“
## Wut kippt in Selbsthass
Und selbst diese Sicht ist allerdings nur ein Zwischenergebnis. Mutig und
überzeugend ist Sebauers Entscheidung, auf Sympathielenkung komplett zu
verzichten; und so muss Popom die Rage auf Popóm, sein älteres Ich, bitter
bereuen, als er dessen gehütetes Geheimnis lüftet, das ihn, denkt er,
ebenfalls betreffen könnte; seine Kritiklosigkeit kippt in Selbsthass:
„Wenn doch in Wahrheit all das […] etwas Tragischem geschuldet war. Ein
selbstverliebter Sack war ich gewesen.“ Der kalte Blick und die Perspektive
erinnert ans Drama [3][„Banshees of Inisherin“ (Regie: Martin McDonagh,
2022),] in dem eine Freundschaft abrupt und einseitig beendet wird. Für
Opfer von Gaslighting und Ghosting sei eine Triggerwarnung ausgesprochen.
Bei Hendrik Popom führt ein Schock, ausgelöst durch das Lüften von Popóms
Geheimnis über ein – übrigens herrlich fies parodiertes – romantisches
Fieber zunächst zu larmoyanter Resignation: „Ich wollte hier sitzen,
bedeutungslos in den Himmel starren […] und bedeutungsloses Trash-TV
schauen.“
Doch Hendrik dem Jüngeren begegnet das notwendige Quäntchen Glück
letztendlich in Person seiner patenten „Tante Karin“ und seiner
Arbeitskollegin Fritzi, die auch gleich die Sprachebene der Ratgeber
einspeist, was auch unfreiwillige Komik durch Wiedergabe von
Allgemeinplätzen stiftet: „Hendrik, I hate to break it to you, aber sterben
müssen wir alle“, oder: „was du gesehen hast, Hendrik, das ist nicht deine
Zukunft. Das ist unser aller Zukunft. Irgendwie.“ Hendriks Einsamkeit wird
als Symptom der Zeitkrankheit Narzissmus beschrieben, aber auch als deren
Konsequenz. Mitmenschen sind dann nicht die existenzialistische Hölle
Sartes, sondern die letzte Chance, aus einem Teufelskreis der Isolation
herauszutreten. Welch tröstliches Menschenbild!
Sebauer, die sich als „Päpstin Johanna“ ein selbstironisches Cameo-Zitat
gönnt, hält inmitten gut sitzender Dialoge und der rückhaltlosen
Schilderung von Hendrik Popoms Innenleben eine eindringliche poetologische
Strafpredigt gegen Roman- und überhaupt Mediennutzung für jegliche
Weltflucht, was [4][in Zeiten von New Adult] oder auch Fake News durchaus
hinhaut. Wenn Selbstreferenz und Medienkritik, dann bitte so
fabulierfreudig triggernd wie im „Popóm“ oder so geschwind dreckfrech wie
im „Gurkerl“!
18 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Bachmannwettbewerb-in-Klagenfurt/!6017832
(DIR) [2] https://bachmannpreis.orf.at/stories/3257226/
(DIR) [3] /Film-The-Banshees-of-Inisherin/!5903873
(DIR) [4] /Hype-um-Romance-Literatur/!6116712
## AUTOREN
(DIR) Konstantin Ames
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