# taz.de -- Lyrik von Martina Hefter: Damit dieser Mensch nicht allein ist mit den Teufeln
       
       > Wo Lyrik zum Pflegefall gerät: Martina Hefters Gedichtband „Es könnte
       > auch schön werden“ erscheint in neuer Schriftgröße.
       
 (IMG) Bild: Existenzielle Wucht: die Dichterin Martina Hefter
       
       Die Aussprache im Berliner Abgeordnetenhaus Mitte Januar zum absichtlich
       herbeigeführten Stromausfall führte immer wieder zum ikonischen Bild einer
       beinahe Hundertjährigen, die in einer Turnhalle einquartiert wurde,
       Subtext: So gehen politisch Verantwortliche mit alten und schwachen
       Menschen um! Inmitten dieses Diskurses um soziale Kälte gegenüber
       Pflegebedürftigen erscheint „Es könnte auch schön werden“, ein Lyrikband
       der Leipziger Schriftstellerin Martina Hefter, der sich selbst zugute hält,
       „Sprechtexte“ zu präsentieren.
       
       Mit dem Titelzusatz könnte ein Missverständnis aufkommen: Hefters
       „Sprechtexte“ atmen nicht die Tradition der Phonetischen Poesie von Franz
       Mon bis Michael Lentz, eher findet man Anknüpfungen ans Black Mountain
       College um Charles Olson, wo Verslängen schon mit individuellen
       Dispositionen wie der jeweiligen Atemleistung in Verbindung gebracht
       wurden. Wer es braucht. Lyrik zielt indes immer auf die Ausführung
       (Lesung/Performance) ab, egal ob sie hochtönend oder an Alltagssprache
       ausgerichtet ist; Ausnahme: visuelle Poesie.
       
       Ein Alleinstellungsmerkmal wäre dann noch Hefters körperliches Agieren
       während des Gedichtsprechens. Aber auch das ist nicht neu; es wird seit den
       2000er Jahren auf allerlei Off-Bühnen dargeboten. Stellvertretend für
       dieses Multiversum sei der Siegener Dichter und [1][Museumstänzer Crauss]
       genannt.
       
       Formal bietet „Es könnte auch schön werden“ eine vitale Bricolage;
       inhaltlich eine virtuos komponierte Rhapsodie, wie es sie in der
       Gegenwartslyrik nicht leicht zweimal gibt. Schon die private Dämonologie
       Hefters mitsamt ihrer „Skizze zu den Teufeln“ gehört wohl für einige schon
       zum [2][Hausschatz deutscher Gedichte]: „Der vierte Teufel gilt als
       Repräsentant für/ Musik und Tanz. Er hält in der linken Hand/ eine lange
       dürre Peitsche, mit Katzengold (…) weckt (…) die zu früh zu Bett
       Gegangenen, indem er rasend schnell die/ Peitsche durch eine Falte seitlich
       am Körper/ ratschen lässt, was ein sizzelndes Witschen/ erzeugt“.
       
       ## Präludium zum Erfolgslauf
       
       Wie wenig formale Innovation letztlich noch zur Bewertung von Literatur
       benötigt wird, demonstriert die [3][Konjunktur autofiktionaler Literatur],
       als deren Protagonistin Martina Hefter zuletzt [4][mit dem Deutschen
       Buchpreis bedacht wurde.] Das vorliegende Werk, in Erstausgabe bereits 2018
       erschienen, ist das Präludium zu diesem Erfolgslauf, nur eben in einem
       weniger marktgängigen Segment als der Prosa.
       
       Es hilft wenig zu monieren, das Setzen von Realitätseffekten – Markennamen,
       Lokalkolorit etc. – wie auch das Inszenieren von Mündlichkeit seien
       lediglich Wiedergänger der Alltagslyrik der Siebziger, der neuen
       Subjektivität der Achtziger, des Social Beat der Neunziger. Man ginge sonst
       diesem exemplarischen Stilspiel arg humorlos auf den Leim, dem das
       ernsthafte Ansinnen nie aus dem Blick gerät: „Ich, Martina Hefter, werd den
       Teufel tun und meiner/ Schwermutter hier Sätze in den Mund legen, die sie
       nie/ sagen würde, also ich meine, poetische Sätze (…) die zusammenfassen,
       wie das sein könnte, wenn man da/ immer so liegt und davon abhängig ist, ob
       eine andere/ Person die Gnade hat, nach einem Pfleger zu rufen/ Mir
       dämmerts langsam, dass ihr das alles/ lebensnah miterleben sollt“.
       
       Das quälende Selbstbeobachten dieses Schreibens findet seine bündige Summe
       in einem Epigramm mit dem Titel „Essay“: „Und das ist auch schon wieder in
       einer Haltung formuliert,/ die zu meinem Fächer aus Haltungen gehört“. Die
       versifizierte Moralschrift über den Zwist einer Schwiegertochter, die
       Carearbeit übernehmen muss („auf seine Weise ungerecht/ wenn ich das alles
       allein stemmen muss“) und ihrer dementen Schwiegermutter, die zur
       „Schwermutter“ stilisiert wird, mahnt daran, dass Poesie noch etwas ganz
       anderes sein kann als [5][operationalisierte Naturschau].
       
       Manisch wechselnde Tonlage wie rhetorische Registerfülle Martina Hefters
       sind und bleiben beeindruckend. Auch wenn es von Nora Bossong bis Slata
       Roschal eine vergleichbar dringliche Anliegenlyrik gibt, einem Mix aus
       Privatissimi mit Gesellschaftskritik, bleibt Hefter unerreicht
       drastisch-empathisch: „wer bezahlt mir das eigentlich alles/ ich meine das
       ernst es ist nicht zynisch gemeint/ ich tu hier Dienst an der Gesellschaft/
       einen alten Menschen besuch ich dreimal die Woche/ damit dieser Mensch
       nicht allein ist/ mit den Teufeln“.
       
       ## Versäumte Gelegenheit
       
       Eine Neuauflage dieses Lyrikbands, bereits vor acht Jahren im renommierten
       Berliner Label Kookbooks nahezu baugleich publiziert, wäre unproblematisch,
       müsste man die vorliegende Ausgabe nicht als Verschlechterung ansehen: Die
       Schriftgröße zerstückelt das Schriftbild, zerstört metrische Zusammenhänge,
       hemmt den Lesefluss. Das kunstvoll zerfledderte titelgebende Langgedicht
       wirkt in der Wiederauflage von Klett-Cotta aufs Niveau einer Partitur
       degradiert. Versäumt wurde die Gelegenheit, einzelne Videosequenzen der
       tänzerisch-rezitatorischen Darbietung, auf die Nebentexte in teils
       drolliger Strenge und teils grüblerisch verweisen, ins Buch zu verlinken.
       Die Wiederauflage ermangelt der Sinnigkeit.
       
       Auch eine philologische Einordnung, anstelle „eines von mehreren möglichen
       Nachworten“ (der Autorin), hätte die Zugänglichkeit sicher noch einmal
       deutlich erleichtert: Es ist schließlich ein Grundanliegen des Werks,
       Menschen auf die existenzielle Wucht eines familiären Pflegefalls
       vorzubereiten.
       
       In der vorliegenden Edition gerät „Es könnte auch schön werden“ nolens
       volens zu einem traurigen Lehrstück über die ins Groteske gekippte
       Reputierlichkeit innerhalb einer bald völlig irrelevanten Königsdisziplin.
       Wenn angesehene Publikumsverlage im Segment Lyrik nur noch auf prominente
       Namen in zigster Wiederauflage setzen und zusehends auf die Vermittlung
       frischer poetischer Konzepte verzichten, wird poetische Sprachkunst
       verkümmern zu einem Déjà-vu des wirklich allerneusten Sprechlooks; Lyrik
       wird darüber selbst zum Pflegefall.
       
       2 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://ausland.berlin/de/event/do-poeticon3-schonheit-und-geschlecht
 (DIR) [2] https://www.lyrik-empfehlungen.de/2019/empfehlungen/martina-hefter-es-koennte-auch-schoen-werden
 (DIR) [3] /Autofiktionale-Literatur-Die-personalisierte-Leidensgeschichte-als-Erfolgsformel/!6140132
 (DIR) [4] /Portraet-der-Autorin-Martina-Hefter/!6030856
 (DIR) [5] /Nature-Writing-Festival-in-Hamburg/!6092824
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Konstantin Ames
       
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