# taz.de -- Gedichte von Henning Ahrens: Allein die Seele, diese Mimose
> Henning Ahrens findet in seinem neuen Gedichtband Deutschland-Parabeln
> und skelettiert gekonnt die Sprache. Kehrt die Befindlichkeitslyrik
> zurück?
(IMG) Bild: Henning Ahrens’ Schreibansatz ist auf eine Balance von exemplarischer Mentalitätskritik und Mumblecore-Individualismus aus
Bloß gut, dass es zu Friedrich Nietzsches Zeiten noch kein Internet gab!
Der Übermenschenerfinder hätte sich sofort zum Alphamännchen-Influencer
aufgeschwungen, ohne Angst vor Niveaulimbo: Émile Zola machte er kurzerhand
zum „Gorgon-Zola“; Gustave Flaubert galt dem Dichterphilosophen Nietzsche
als „Nihilist“, weil er sitzend schrieb: „Nur die ergangenen Gedanken haben
Wert“.
Vor dieser Folie kann einem beim Hineinlesen in „Inventur eines
Dinosauriers“ von [1][Henning Ahrens] zunächst unwohl werden: Es ist immer
jemand unterwegs, mal zu sich, mal in Frankreich, mal auf Kreta, mal in der
steinzeitlichen Höhle von Altamira. Auch das pauschale Medien-Bashing
(„Rückkehr des S/W-Fernsehens“) und der Anti-Digitalisierungsfuror („digi/
taldunkel“) von Ahrens findet man in Nietzsches pauschalen Aphorismen aufs
Zeitungswesen präfiguriert.
Reflexionen auf diese Ahnentafel findet man bei Ahrens bisher nicht;
überhaupt sind poetologische Statusmeldung dieses vor allem [2][als
Übersetzer] und Romancier bekannten Autors sehr rar. In der vor zwanzig
Jahren erschienenen Nummer 17 der Literaturzeitschrift Bella triste zum
damaligen Stand der Gegenwartslyrik wetterte der von Wulf Kirsten und
Günter Kunert mit Weihen ausgestattete Ahrens gegen „Political correctness“
als Gefahr für die Kunstfreiheit. Mit Blick auf [3][die Eskapaden von
Wolfram Weimer] war das keine falsche Prognose.
Pries Ahrens damals die „Vielfalt“ der Lyrik, sah sogar ein „goldenes
Zeitalter“ angebrochen, fällt seine „Inventur“ (Zeilen von Günter Eich
dienen als Motto seines Buchs) deutlich verhaltener aus: „allein die seele/
diese mimose/ hat schaden genommen/ am menschen/ schreckhaft/ streckt sie
die fühler/ aus/ horcht (…) ob da nicht etwas/ wie vernunft sei/ wie
anstand (…) was es früher mal gab// oder auch nie“.
## Marschflugfkörpergemurmel
Zunächst sieht diese Neuerscheinung, außen wie innen, nach einem dieser
adretten Bändchen aus, wie sie in den einschlägig bekannten
Kulturkaufhäusern eben verkauft werden. Es wäre aber verfehlt, vom lindgrün
gehaltenen Buchcover, verziert mit einem Pflänzchen samt Würzelchen dran,
auf eine überlagerte Mörike-Spätlese zu schließen.
In viel stärkerem Maß als in den vorherigen vier Lyrikbänden tritt hier das
Bekenntnishafte zurück zugunsten saftiger Pastiches, dankbarer Persiflagen;
da und dort leider auch diffus politisierender Etüden: „so tüchtig/ die
kriegskeit/ was bleibt// wenn es blitzt// nimmt die steppe/ der dagenken/
und fügehle/ gestalt an“, heißt es in „Dronungen“, das mit der Katachrese
„marschflugfkörpergemurmel“ fehlzündet.
Übelwollend wäre die Pointierung, Henning Ahrens habe lediglich den
Errorismus für sich entdeckt; nutzte nun diese Schreibstrategie, die
Fehlerschocks gegen Sprach-Norm setzt, für opake Botschaften. Ein
wohlwollender Blick sieht hingegen vor allem den mutigen Bruch mit der
eigenen Werkpolitik.
In der Begründung dessen erweist sich Henning Ahrens als Meister des en
passant: „Die in diesem Gedichtband enthaltenen Texte sind während eines
längeren Zeitraums entstanden, daher die formalen Unterschiede. Jene in
Großschreibung sind früher entstanden als jene in Kleinschreibung und ohne
Zeichensetzung“.
## Zwischen Mentalitätskritik und Mumblecore
Gelegentlich etwas mühsam („differenziertheitsdämpfer“), letztlich aber
nicht glücklos („dieser daschein/ im standby“), ist sein renovierter
Schreibansatz auf eine Balance von exemplarischer Mentalitätskritik und
Mumblecore-Individualismus aus. Hochglanz-Trouvaillen wie „unbarmherz“ oder
„glitzergras“ finden sich wohltuend seltener als geheimnisvoll miteinander
korrespondierende Chiffren wie „Dunkeldumpf“, „Helllicht“, „Komplettweg“
und „Megafauna“.
Zwischen den holzschnittartigen Deutschland-Parabeln „Dorfspaziergang“
(„mein Herz rabatzt“) und „Kriemhild der Käffer“ („ihr Haar hat die Farbe
geronnenen Bluts“) zu „Belles Lettres“, anknüpfend an Gedanken der
Theodizee, liegt eine ausgiebig kontemplative Wegstrecke: „rasch zerrissen/
verbrannt (…) überdauern sie/ worte/ lernen zu fliegen (…) funkeln als
asche (…) man atmet/ sie ein“.
Unmittelbar darauf folgt das, sozusagen, orthografische Sonett „Der
Hassjäger“, er „rumpeldonnerpoltert durch die Gassen“ und mit Verbeugung in
Richtung des Expressionismus-Schibboleths „Weltende“, bei gleichzeitig in
Richtung Oval Office ausgestrecktem Mittelfinger, kommt es, wie es kommen
muss: „vom spitzen Schädel fliegt der Baseballhut“.
Solcherart konfrontative Zusammenstellungen von brillant skelettierter
Sprache und Formfrömmelei sind nachgerade nicht zum Schaden des Buchs: Es
markiert für den Dichter Henning Ahrens eine beträchtliche Zäsur vom
Apologeten der Provinz zu einem bemerkenswert lakonischen Reiselyriker. Es
ist eine große Elegie auf die Provinz als Herkunftsort, Lebens- und
Schaffensmittelpunkt („Das Land kocht mich weich“), die zugleich Fixpunkt
bleibt, wie es in „Tour de Francfort“ heißt: „heute schwingen wir uns aufs
rad/ und fahren/ der sonne nach/ die auf dem fluss/ gen westen treibt/ und
in den liften/ der hochhäuser auf/ und nieder steigt“.
Klar ist das die Rückkehr der Befindlichkeitslyrik! Nicht unwahrscheinlich
aber auch, dass gerade Saison ist. Mit einer kleinen Vertauschung lässt
sich Lessings Frage nochmal fragen: „Wer wird nicht einen Ahrens loben?/
Doch wird ihn jeder lesen?“ Sollte man, wahrhaftige Gedichte wie diese
werden selten.
31 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neuer-Roman-von-Henning-Ahrens/!5794149
(DIR) [2] /Neuer-Roman-von-Jennifer-Egan/!5881377
(DIR) [3] /Kulturstaatsminister-Wolfram-Weimer/!6157080
## AUTOREN
(DIR) Konstantin Ames
## TAGS
(DIR) Lyrik
(DIR) Gedichte
(DIR) Provinz
(DIR) wochentaz
(DIR) deutsche Literatur
(DIR) Literatur
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Britische Poesie: Von der Pflicht, untröstlich zu bleiben
Lyrikerin Fran Lock hat einen Hybrid aus Essay und Poesie geschrieben.
„Manifest für eine Arbeiter:innenklassenpoetik“ knüpft an widerständige
Traditionen an.
(DIR) Lyrik von Silke Scheuermann: Wohldotierte Poetik der Weltferne
Silke Scheuermann veröffentlicht nach einem knappen Jahrzehnt mit „Zweites
Buch der Unruhe“ einen neuen Lyrikband.
(DIR) Neue Gedichte von Mirko Bonné: Mögliche Wege raus aus dem Bleistiftstadium
Mirko Bonnés Gedichtband „Wege durch die Spiegel“ bietet poetisierende
Blicke auf Hälfte eins der 2020er Jahre. Der Rückblick ist frei von
Verklärung.