# taz.de -- Die Wahrheit: Hitzeschaukeln
       
       > Tagebuch einer Venezianista: Bei einem Besuch der Biennale in der
       > Lagunenstadt ist das italophile Gestikulieren wenig erwünscht.
       
       Während eines Biennale-Besuchs in Venedig schweißte die letzte Hitzewoge
       nicht nur Europa zusammen. Auf der Fahrt im Vaporetto schaukelten wir mit
       schwitzenden Touristen aus aller Welt neben stoischen Einheimischen im
       Rhythmus der Wellen, und meine Architektinfreundin hielt mir, wie immer
       gestenreich, einen Vortrag zur Symmetrie der Palazzi-Fassaden. Jäh
       unterbrochen wurde sie dabei von ihrem Nachbarn, den sie versehentlich
       streifte. In klangvollem Italienisch, mit dem schon Kevin Cline in „A Fish
       called Wanda“ Jamie Lee Curtis in die sexuelle Hörigkeit trieb, erklärte
       er, es wäre ganz wundervoll, wenn sie wenigstens während der nächsten zehn
       Minuten reden könnte, ohne mit den Händen zu wedeln.
       
       Nach kurzer Irritation versuchten wir in der Heimat der expressiven
       Körpersprache und in Erinnerung an unterhaltsame Performances italienischer
       Touristen in den Berliner Öffis, vor Lachen nicht über die Reling zu
       kippen. „Da passt man sich als norddeutsche Kartoffel der Kultur des
       Gastlandes an – und dann das!“, ächzte die Begleitung. „Vielleicht sollten
       wir mehr auf kulturelle Aneignung achten“, riss ich mich zusammen. „Wenn
       jetzt alle anfangen, sich nicht mehr wie Deutsche oder Schweden zu benehmen
       …“.
       
       Über die Konsequenzen solch uneindeutiger Kommunikationsprofile kam ich ins
       Grübeln. „Außerdem spielt Italien ja schon zum dritten Mal nicht bei der
       WM, wahrscheinlich leidet er einfach“, nahm ich unseren Kritiker in Schutz.
       Also lächelten wir freundlich und legten stramm die Hände an die
       Sommerkleidernähte. Unsere Selbstbeherrschung hielt nicht lange, was aber
       auch niemanden mehr störte.
       
       ## Machtübernahme der Massen
       
       Nach ein paar Tagen voll gewohnt lebhafter Begegnungen mit allerlei
       internationaler Kunst und Kultur waren wir wieder unterwegs in die Heimat.
       Ein älterer Italiener versuchte am Gate hartnäckig, seine „Priority Line“
       zu identifizieren, die jedoch leider aus Platzmangel bereits mit Wartenden
       verstopft war. Angesichts der Machtübernahme der Massen trug er mit
       empörten Gesten dem Personal seine Beschwerde vor. „Talkin’ ’bout a
       Revolution“, summte Tracy Chapman in meinem Ohr, während das italienische
       Rumpelstilzchen in klassisch teutonischer Art auf sein Recht pochte und die
       Berliner Kartoffeln das Spektakel mit mediterraner Gelassenheit
       belächelten.
       
       Die hatten sie wahrscheinlich in der Deutschen Bahn erworben, die uns, kaum
       auf heimatlichem Boden, den vertrauten Empfang bereitete. Kein Zug,
       nirgends. Auch kein Aufstand, weil man bei 39 Grad sowieso zu kraftlosem
       Brei wird.
       
       Tags drauf kratzte eine Lady mit einem SUV-Panzer an meinem Auto, was mich
       recht undeutsch kaum erregte; zum Ausgleich durchlebte ich dann abends laut
       und mit vollem Körpereinsatz unsere dritte WM-Pleite in Folge. Wenn dafür,
       wie man es von Italien kennt, auch bei uns die Züge pünktlich werden, hätte
       die sich immerhin gelohnt.
       
       2 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pia Frankenberg
       
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