# taz.de -- Die Wahrheit: Sommergeplauder
       
       > Tagebuch einer Spazierhörerin: In der heißen Jahreszeit findet das Leben
       > draußen statt, wo jede Menge geplappert und gepappelt wird.
       
       Sommer, Zeit der Waldbrände und Gartenfeste. Schwüle lastet über
       hitzedürrem Rasen, noch sind die Munitionsdepots im Grunewald nicht
       explodiert, und die monotonen Kiefernhaine stehen stramm. Carpe Diem, ab
       ins Getümmel und in einen der überall plätschernden Small Talks eintauchen.
       
       Gleich nebenan sind Reiseerlebnisse im Angebot, die gilt es unbedingt in
       weitem Bogen zu umfahren. Schon in meiner Jugend begegnete ich langatmigen
       Weltenbummlerberichten – selbst Homers „Odyssee“ – mit herzlichem
       Desinteresse, und auf Schwärmereien von dem fantastischen Hotel an der
       Dingsda-Mittelmeerküste oder der bewusstseinserweiternden
       Langstreckenwanderung durch die Mongolei reagiere ich mit ähnlichem
       Enthusiasmus. Ich mache lieber eigene Reisebekanntschaften. Ein Grund,
       weshalb der entnervte Stoßseufzer aus einem Grüppchen in der Nähe mich
       aufhorchen lässt: „Zugfahrten sind das Schlimmste! Alle quatschen, aber ich
       interessier mich einfach nicht für das, was die Leute da so von sich
       geben!“
       
       ## Freigiebige Inhalte
       
       Welch eine Verschwendung! Aus freigiebig geteilten Gesprächsinhalten
       Fremder darf man doch die wertvollsten Informationen mitnehmen! Was der
       Cousine nach einer viel zu lange aufgeschobenen Scheidung half: „Boxen. Und
       jeden Abend ein ordentlicher Joint!“ Oder dass man dem Opa nie das eigene
       Handy überlassen soll: „Der fasst das Ding einmal an und hat alles
       gelöscht, der staubsaugt sogar das Internet leer!“
       
       Auch Zufallsbekanntschaften können nicht genug geschätzt werden. Zu meinen
       persönlichen Höhepunkten gehört eine Zugfahrt neben einem sympathischen
       jungen Mann, der bei einer Castingshow den vierten Platz belegt hatte und
       nun, statt einem langweiligen Beruf nachzugehen, zufrieden vom Gesang
       lebte. Er berichtete von Auftritten vor bestens gestimmtem Publikum bei
       Volksfesten und Hochzeiten, Firmenfeiern und Gewerkschaftsveranstaltungen,
       und dass er an Orte käme, von denen er vorher nicht mal wusste, dass es sie
       gibt. Seine Abenteuerberichte stammten aus den Arenen der
       gesellschaftlichen Traditionspflege und waren bewusstseinserweiternder als
       jedes Zen-Kloster.
       
       Mein Spaziergang durchs Partygeplauder wird vom Anruf eines ehemaligen
       Zufallsbekannten und inzwischen befreundeten Engländers unterbrochen. „Hab
       ich dir erzählt, dass mein Klo verstopft ist?“ Ich spende Worte des
       Trostes. Wenig später erneuter Anruf: „Du wirst es nicht glauben, ich hab
       mein Portemonnaie verloren! Mit meinem Permit! Ich werde beim Warten auf
       den neuen mumifizieren, fuck Brexit!“ Vor meinem inneren Auge erscheinen
       Bilder von Männerhosen, deren Gesäßtaschen von Geldbörsen ausgebeult
       werden. „Lass mich raten, wo dein Portemonnaie ist.“
       
       Kurz darauf kommt das Beweisfoto einer nassen Brieftasche samt
       Aufenthaltserlaubnis. Das Potenzial von Zufallsbekanntschaften bleibt
       überraschend und unerschöpflich.
       
       6 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pia Frankenberg
       
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