# taz.de -- Gespräch mit Katrin Göring-Eckardt: Reden gegen die Verbitterung
> In Frankfurt (Oder) stellt die grüne Bundestagsabgeordnete ihr Buch
> „Deutschland, lass uns reden vor“. Darin überschreitet sie gleich mehrere
> Grenzen.
(IMG) Bild: Katrin Göring-Eckardt stellt ihr Buch in der Frankfurter Friedenskirche vor
„Nur unter Menschen zu sein, die so sind wie ich, würde ich nicht
aushalten“, meint Katrin Göring-Eckardt ganz am Ende der Veranstaltung, die
eher nachdenkliches Gespräch wurde als die angekündigte Lesung. „Ich würde
mich zu Tode langweilen.“
Katrin Göring-Eckardt war schon vieles in ihrem Leben: Vizepräsidentin des
Deutschen Bundestags, Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Präses der
Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands. In die Friedenskirche nach
Frankfurt (Oder) ist sie am Montagabend als Buchautorin gekommen. Auf
Einladung der Frankfurter Grünen stellte sie ihren Gesprächsband
„Deutschland, lass uns reden“ vor.
Ausgangspunkt des Buches war ein Vorfall an der Elbe in Sachsen-Anhalt.
Während eines Auftritts wurde die Grünen-Politikerin 2023 von aufgebrachten
Demonstranten bedroht. „Die ersten Pfiffe gab es schon bei meinem ersten
Satz“, erinnert sich Göring-Eckardt. Der Satz lautete „Wir stehen hier an
der Elbe.“
Auf dem Rückweg vom Elbufer kam Göring-Eckardt bei Anwohnern vorbei, die
auf ihrer Terrasse saßen. Sie entschuldigte sich bei ihnen für den Lärm.
Und war plötzlich mitten im Gespräch. Aus dem einen Gespräch wurden viele,
berichtet sie in Frankfurt. „Und in jedem dieser Gespräche gab es einen
konstruktiven Moment.“
## Keine Brandmauer auf dem Land
Göring-Eckardt ist 1966 in Thüringen geboren und lebt inzwischen in einer
kleinen Stadt im Osten Brandenburgs. Aufs Land schaut sie nicht aus der
Perspektive der Stadt, sie weiß, was vor Ort geredet wird. Wenn sie von den
Gesprächen mit ihren Nachbarn erzählt, wird deutlich, dass sich politische
Meinungsverschiedenheiten und gute Nachbarschaft nicht ausschließen müssen.
Die auf Bundes- und Landesebene viel diskutierte Brandmauer ist im
alltäglichen Leben auf dem Land ohnehin kaum vorhanden. Einer ihrer
Handwerker, sagt sie, sei AfD-Mitglied. Sollte sie deshalb auf seine
Dienste verzichten? [1][„Wichtig ist, dass er seine Arbeit kann“, sagt
Göring-Eckardt.] Das würde nicht jedem Grünen so über die Lippen gehen.
Bedrohungen wie die an der Elbe haben schon viele Politikerinnen und
Politiker erleben müssen. Besonders betroffen sind die Grünen. Robert
Habeck wurde bedroht, als er eine Fähre in Schlüttsiel in
Schleswig-Holstein verlassen wollte. Göring-Eckardt selbst wurde ein Jahr
nach dem Vorfall an der Elbe ein zweites Mal bedroht – [2][diesmal in
Lunow-Stolzenhagen an der Oder.]
Die Gesprächsreise für ihr Buch könnte man vor diesem Hintergrund auch als
eine Art von Flucht nach vorne betrachten. Bei der Diskussion in Frankfurt
zeigt sich aber, dass es um mehr geht. Göring-Eckardt will herausfinden,
was die Menschen so wütend macht, warum sie plötzlich „bösgesichtig“
werden, wie sie es nennt.
Vielleicht ist Glashütte ein Ort, der einiges erzählt über das Seelenleben
in Ostdeutschland. Viele gute Jobs gibt es dort, es herrscht im Prinzip
Vollbeschäftigung. Und dennoch hat Göring-Eckardt in der sächsischen
Kleinstadt viel Angst gespürt. „Es ist die Angst vor Verlust“, berichtet
sie. „Davor, dass die Kinder es einmal nicht besser, sondern schlechter
haben werden. Davor, dass die KI einmal den eigenen Job übernimmt.“
„Wenn ich dann die Leute frage, was sie im Alltag gegen diese Angst
unternehmen, spüre ich, dass alle etwas tun, um die Welt im Kleinen besser
zu machen.“ Das allerdings sei das ganze Gegenteil von dem, was die AfD
betreibe. Keine, in ihren Worten, „Finsternisbewirtschaftung“ und
„Defizitfokussierung“. Sondern die Suche nach Lösungen.
## Kritik auch an der Politik
Spätestens an dieser Stelle kommt die Politik ins Spiel. „Wie können wir es
schaffen, aus dieser Defizitfokussierung herauszukommen“, will Moderator
René Pachmann, Hochschulseelsorger der Europa-Universität Viadrina, wissen.
Göring-Eckardts Antwort: „Man fängt dabei am besten beim eigenen
Berufsstand an.“
Heißt auf Bundesebene: Auch eine Oppositionspartei wie die Grünen sollte
sich Vorschläge der Regierung erst einmal anhören, bevor sie vorschnell
urteilt. Heißt auf kommunaler Ebene: Kompromisse suchen, auch wenn sie
schmerzhaft sein mögen.
Göring-Eckardt nennt ein Beispiel, das ihr auf einer gemeinsamen Reise mit
dem damaligen Ostbeauftragten der Bundesregierung, Marco Wanderwitz,
begegnet ist: „Wir haben einige Ortsbürgermeister getroffen, die von ihren
Problemen berichtet haben. Einer brauchte ein neues Feuerwehrauto, der
andere musste sein Dorfgemeinschaftshaus sanieren, wieder ein anderer
brauchte ein neues Dach für die Schule.“
Bald stellte sich heraus, dass die Ortsbürgermeister alle ein und demselben
Amt angehören. „Macht doch mal eine Prioritätenliste“, schlug Katrin
Göring-Eckardt deshalb vor – und erntete Protest. „Dafür seid ihr doch
zuständig“, lautete die Antwort an die Politik. Göring-Eckardt widersprach.
Man könne nicht immer nur nach oben zeigen. „Man muss auch Kompromisse
machen.“
## Feindbild Grüne
Nicht immer nur das Negative sehen. Auch über das Positive reden. Mit der
Annahme beginnen, dass vielleicht sogar der andere, wenn es zum Streit
kommt, recht hat. Nicht nur Grenzen ziehen, sondern auch Grenzen
überschreiten. Ist das bloß die Charmeoffensive einer Politikerin, deren
Partei im Osten schon lange zum Feindbild geworden ist? Oder auch ein
Mittel, wieder ins Gespräch zu kommen?
Es gab nur eine einzige Begegnung, bei der es nicht den kleinen gemeinsamen
Nenner gab, verrät Göring-Eckardt. Um Bauarbeiten ging es da. Um Lärm.
Darum, an ein Versorgungsnetz angeschlossen zu werden. Einer, der den
Anschluss schon hatte, wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die
Baustelle, auch im Gespräch mit der Deutschlandreisenden Katrin
Göring-Eckardt. „Er wollte nicht gestört werden. Was die anderen denken,
war ihm egal. Und er wollte, dass jemand dafür sorgt, dass er nicht gestört
wird.“
„Da stemmt sich jemand selbst im Kleinen gegen Veränderungen“,
schlussfolgert Göring-Eckardt. „Was ist, wenn es erst um die Veränderungen
im Großen geht?“ In diesem Augenblick ist auch die sonst so offene
Politikerin ratlos. Zitiert einen befreundeten Psychiater, der dieses
Verhalten „Verbitterungsstörung“ nennen würde.
„Früher“, sagt Katrin Göring-Eckardt, „gab es dafür ein anderes Wort:
Querulantentum.“
„Deutschland, lass uns reden“. Ullstein-Verlag, 256 Seiten, 23,99 Euro
30 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Gruenen-Politikerin-ueber-die-Brandmauer/!6147031
(DIR) [2] /Drohungen-gegen-Politikerinnen/!6008253
## AUTOREN
(DIR) Uwe Rada
## TAGS
(DIR) Katrin Göring-Eckardt
(DIR) Brandenburg
(DIR) Bündnis 90/Die Grünen
(DIR) Brandmauer
(DIR) Schwerpunkt Rechter Terror
(DIR) Wahlkampf
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Grünen-Politikerin über die Brandmauer: „Politik wird zu sehr von der Stadt her gedacht“
Wie umgehen mit AfD-Wählern im Osten? Die Schriftstellerin Juli Zeh hat im
taz-Interview Antworten gegeben, die Katrin Göring-Eckardt ärgerten.
(DIR) Angriffe auf Politiker:innen: Bedrohungsallianz von rechts
Die Angriffe auf Politiker:innen passieren nicht im luftleeren Raum.
Sie geschehen in einem Klima, in dem Terror von rechts lang ignoriert
wurde.
(DIR) Drohungen gegen Politiker*innen: Hass im Wahlkampf
Die Grüne Göring-Eckardt ist in Brandenburg bedroht worden – und fordert
mehr Schutz durch die Polizei. Auch andernorts häufen sich Angriffe.