# taz.de -- Künstliche Intelligenz in der Bildung: KI muss in die Schulen
> Schule sollte ein Ort der Aufklärung sein, auch über neue Technologien.
> Kurzfristig mögen Social-Media-Verbote und KI-Tabus entlasten.
> Langfristig versperren sie den Zugang zur Welt, meint Udo Knapp.
(IMG) Bild: Bremen ist das erste Bundesland, dass die Nutzung eines KI-Chatbots flächendeckend integriert
[1][taz FUTURZWEI] | Die politischen Aufgaben der Regierenden werden immer
häufiger an Expertenkommissionen ausgelagert. Die Heroen streiten nur noch
darum, wie viele von den Vorschlägen der Experten mit wie vielen Abstrichen
umgesetzt werden sollen.
Aber „Rosinenpickerei“ ([2][Bärbel Bas], [3][SPD]) darf es dabei nicht
geben, ein „Zerreden der Vorschläge“ ([4][Friedrich Merz], [5][CDU]) auch
nicht. So wird Demokratie zu Expertokratie, Politiker werden zu
Sachzwang-Agenten wissenschaftlich abgesegneter Vorschläge. Politik
verzichtet auf ihren originären Auftrag.
Auf dieses expertokratische Spielen hat sich nun auch
[6][Familienministerin Karin Prien] (CDU) eingelassen. Die von ihr
eingesetzte Expertenkommission „Kinder und Jugendschutz in der digitalen
Welt“ hat 10 Monate an der Frage gearbeitet, wie die drei zentralen
Aufgaben der Sicherung des Kindeswohls aus der UN-Kinderrechtskonvention
„Schutz, Befähigung und Teilhabe im Digitalen- und KI-Zeitalter“ gesichert
werden können. Die Kommission hat dazu 56 Empfehlungen vorgelegt.
Neben vielem Bedenkenswertem geht es vor allem um gesetzliche Regelungen
eines [7][Social-Media]-Verbotes für Kinder und Jugendliche, entweder bis
zu deren 13. oder 16. Lebensjahr, sowie eine strengere Regulierung aller
digitalen Plattformen.
## Schattenseiten der Social-Media-Nutzung
Keine Frage: [8][Die unregulierte Social-Media-Nutzung von Kindern und
Jugendlichen hat negative Auswirkungen auf die Entwicklung ihrer kognitiven
Fähigkeiten], ihr soziales Verhalten und ihre gesamte persönliche
Entwicklung.
Jüngste Studien kommen zu dem Ergebnis, dass der durchschnittliche
Aufenthalt von Kindern und Jugendlichen in den digitalen Räumen bei vier
Stunden pro Tag liegt. Algorithmisch gesteuerte Feeds, stark
personalisierte Empfehlungssysteme für Jugendaccounts, das automatische
Abspielen von immer neuen Inhalten, unendliches Scrollen,
Push-Benachrichtigungen – all diese Techniken des alltäglichen
Social-Media-Gebrauchs schaffen für Kinder und Jugendliche eine Sucht
fördernde Parallelwelt, der sie sich nicht mehr verweigern können oder
wollen, die mit ihrer analogen alltäglichen Lebenswelt aber immer weniger
zu tun hat.
Um die negativen Folgen dieses Verhaltens einzudämmen, gibt es eine
weltweite Verbotsdebatte. In Australien wurde bereits das erste
Social-Media-Verbot bis zum Alter von 16 Jahren eingeführt. Jüngste Studien
belegen, dass bis zu zwei Drittel aller Jugendlichen in kürzester Zeit
Techniken entwickelt haben, dieses Verbot unerkannt zu umgehen. War ja auch
nicht anders zu erwarten. Dennoch werden in Europa in vielen Ländern
ähnliche Gesetze vorbereitet.
Die Adaption an die Neuen Medien, das Digitale und [9][KI], sind für die
Jungen von heute Teil ihres Aufwachsens, ihres Lebensstils, ihres Blickes
auf die eigene Zukunft. Die Verbotsdrohung erscheint ihnen - zurecht - als
der pädagogische Zeigefinger naiver Erwachsener, die nichts mehr verstehen.
## Es geht um mehr: Die Datafizierung der Welt
Das wäre nicht so schlimm, wenn es bei dieser Spaltung nur um den
jahrtausendalten Konflikt der Jungen mit ihren Alten handelte, zwischen dem
Morgen und dem Gestern, dem sich ewig wiederholenden Absturz des Ikarus.
Aber hier geht es um mehr. Mit der erfolgreichen Entwicklung von
Social-Media und KI ist das nächste große Kapitel der
Zivilisationsgeschichte aufgeschlagen worden. Die Daten von Allem und Jedem
sind der Rohstoff der Aufmerksamkeitsökonomie der Zukunft geworden. Der
bloße Verbrauch von fossilen und anderen natürlichen Rohstoffen, ihr
Einsatz in hochentwickelten Technologien in einer dazu passenden
Marktwirtschaft samt ihrer Konsumkultur, all das reicht für die
Profitmaximierung im digitalen KI-Zeitalter nicht mehr aus.
Heute hängt Alles und Jedes von der Verfügungsgewalt über die Daten ab.
[10][Tiktok], Facebook, [11][Instagram] sind die Träger der zukünftigen,
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Machtstrukturen. Sie nutzen ihre
heute noch völlig unregulierte Macht über die Daten und vor allem die der
jüngeren Generationen, um damit ihre Profite auch in Zukunft optimieren zu
können.
Die Verbotsdebatte für den Gebrauch von Social Media für Jugendliche ist
vor diesem Hintergrund eine Scheindebatte. Es geht im Kern darum, wie Daten
erhoben, gespeichert und genutzt werden. Die Plattformen sind die
unkontrollierten Herrschaftsorte der Machtverteilung im Kapitalismus von
Morgen. Rücksicht auf mentale Gesundheit der Jugendlichen, ihre reflexive
Selbständigkeit und kognitive Fähigkeiten gibt es nicht.
Das von der Prien-Kommission erwogene Nutzungsverbot bis 13 respektive 16
Jahre als eine Art aufschiebendes Moratorium könnte sinnvoll sein, wenn das
digital und KI-bestimmte Leben in der ganzen Gesellschaft als politische
Zukunftsaufgabe angenommen würde.
Was hieße das? Erstens: Die Plattformen, die mit den Daten hantieren,
gehören unter öffentliche Kontrolle, noch besser direkt in die öffentliche
Hand. Denn diese Daten sind wie Wasser und Mobilität ein öffentliches Gut,
das der ausschließlichen Nutzung durch Privatwirtschaft entzogen gehört.
Das Digitale und die KI aus den Schulen zu verbannen, mag für einen
Übergang Entlastung versprechen. Auf Dauer aber gehören sie in die Schulen.
„Es wird ein Unterricht gebraucht, der Medienkompetenz und das Erlernen von
emotionalen Fähigkeiten miteinander verbindet“, so formuliert es Isabel
Brandhorst von der Forschungsgruppe Internetstörungen an der Uni Tübingen.
Nutzungsverbote allein werden weder den Jungen helfen, aufgeklärt mit dem
Digitalen und der KI umzugehen, noch die Macht der Plattformen einhegen.
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29 Jun 2026
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