# taz.de -- Vergrößertes WM-Teilnehmerfeld: Afrikanische Teams sind keine Außenseiter mehr
       
       > Erfolge auf dem Platz und eine feine taktische Vielfalt widerlegen
       > hartnäckige Pauschalurteile über den auf dem Kontinent gespielten
       > Fußball.
       
 (IMG) Bild: Im Höhenflug: Der kongolesische Stürmer Yoane Wissa trifft zum 1:1 gegen Portugal
       
       Einen kleinen Rückschlag hat die von Erstaunen untermalte Euphorie der
       afrikanischen WM-Teilnehmer am Sonntag dann doch erlitten, als dem
       Gastgeber Kanada tief in der Nachspielzeit das Siegtor gegen Südafrika
       gelang. Damit war nach Tunesien das zweite Team von diesem Kontinent
       ausgeschieden, und dennoch sagte Südafrikas Trainer Hugo Broos
       anschließend: „Wenn wir zurückschauen, können wir sehr zufrieden sein.“
       
       In den kommenden Tagen werden sich etliche Trainerkollegen afrikanischer
       Teams mit ähnlichen Worten verabschieden, am Ende bleibt ja nur ein
       Weltmeister übrig. Aber schon jetzt ist klar, dass die Vertreter Afrikas
       geradezu Wundersames bewirkt haben bei dieser WM.
       
       Bei früheren Weltmeisterschaften haben nie mehr als zwei Nationen die
       K.-o.-Phase erreicht. Diesmal hingegen haben 9 der 10 Teilnehmer die
       Gruppenphase überstanden. Das ist die bislang größte Sensation dieses
       Turniers. „Ich freue mich für den ganzen Kontinent“, sagt [1][Otto Addo,
       der bis zum vergangenen März als Nationaltrainer Ghanas arbeitete] und
       während der WM in der Technical Study Group des Weltverbandes Trends und
       Entwicklungen beobachtet.
       
       Der in Deutschland aufgewachsene Addo freut sich aber nicht nur für seine
       Ghanaer und die anderen Nationen, er ist auch deshalb heilfroh über diese
       Entwicklung, weil Afrika der größte Profiteur der [2][Vergrößerung des
       Teilnehmerfeldes von 32 auf 48 Mannschaften] ist. 10 statt bisher 5
       afrikanische Teams waren dabei, das hätte auch schiefgehen können.
       Skeptiker sorgten sich, dass das Niveau sinkt, dass Leistungsunterschiede
       zu groß und Spiele langweilig werden.
       
       ## Aussichten auf die Spitze
       
       Mit diesem Zwischenergebnis jedoch könne man die neue Verteilung der
       Startplätze „gut rechtfertigen“, findet Addo. Der [3][Elfenbeinküste], dem
       Senegal und den Marokkanern (die in der Nacht zum Dienstag gegen die
       Niederlande spielen und womöglich ausgeschieden sind) traut Addo am Ende
       der Gruppenphase sogar zu, in die Phalanx der Allerbesten vorzustoßen.
       
       Die [4][Kap Verden] sind unterdessen das Team, dem viele Underdog-Liebhaber
       verfallen sind, auch wenn Argentinien im nächsten Spiel vielleicht doch
       eine Nummer zu groß sein wird. Genau wie England für die [5][DR Kongo].
       Aber Algerien (gegen die Schweiz), Senegal (gegen Belgien), die
       Elfenbeinküste (gegen Norwegen), Ghana (gegen Kolumbien) oder Ägypten
       (gegen Australien) haben mindestens Außenseiterchancen.
       
       Aus der Perspektive Afrikas war die Aufstockung des Teilnehmerfeldes also
       eine hervorragende Idee. Es sei „nur eine Frage der Zeit“, bis ein Team aus
       Afrika Weltmeister werde, sagt Kongos Trainer Sébastien Desabre. „Die
       Strukturen werden besser, die Trainer werden besser, die Spieler werden
       besser.“ Und deshalb lassen sich [6][auch immer mehr in Europa
       aufgewachsene Spieler] davon überzeugen, für die Nationen ihrer Vorfahren
       zu spielen.
       
       ## Schwierige Narrative
       
       Aber in all seinen Dimensionen wahrgenommen wird der afrikanische Fußball
       trotzdem noch nicht, was sich gut an den Aussagen des TV-Experten Bastian
       Schweinsteiger zu Elfenbeinküste illustrieren lässt. Der frühere
       Fußballprofi hat eine kontroverse Debatte ausgelöst, als er die Spielweise
       dieser Mannschaft gegen Deutschland während der Gruppenphase in der ARD
       [7][mit den Attributen „wild“ und „unorthodox“ versah], wofür er heftig
       kritisiert wurde.
       
       Ganz unabhängig von der Frage, ob Schweinsteiger mit diesen Aussagen ein
       rassistisches Narrativ bediente, ist die fachliche Betrachtung unsauber,
       sagt Addo: „Wir müssen lernen, differenziert über alle Mannschaften zu
       sprechen. Wenn man eine Mannschaft ‚wild‘ und ‚unorthodox‘ nennt, muss man
       das genau belegen.“ Das dürfte schwer werden.
       
       Denn gerade die [8][Ivorer spielen taktisch sehr versiert Fußball.] Es
       handelt sich um eine Mannschaft, die es geschafft hat, ohne ein einziges
       Gegentor durch die Qualifikation zu kommen. Wild kann das kaum gewesen
       sein. „Die Elfenbeinküste hat auch gegen Deutschland von der ersten bis zur
       90. Minute sehr klar agiert“, sagt Addo. Und wer genau hinsah, konnte auch
       erkennen, dass längst nicht alle Ivorer muskelbepackte Athleten sind, die
       aufgrund ihrer Körperlichkeit dominant waren. Sie haben sich einfach
       geschickter bewegt.
       
       Weil Schweinsteiger überdies behauptete, dass die angeblich wilde
       Spielweise der Ivorer in seinen Augen „ein bisschen afrikanischer Fußball“
       gewesen sei, bleibt der Eindruck, dass selbst professionelle Fachleute
       immer viel zu oberflächlich auf die afrikanischen Teams schauen. „In Europa
       würde auch niemand auf die Idee kommen, den spanischen Fußball mit
       deutschem Fußball gleichzusetzen, bloß, weil beide Länder auf dem gleichen
       Kontinent liegen“, sagt Addo. „Es ist schwierig, alle afrikanischen Länder
       über einen Kamm zu scheren.“
       
       So ist Kap Verde mit einem äußerst versierten Konterfußball ungeschlagen
       geblieben. Dank vieler Spieler, die in Portugal aufwuchsen und [9][in einem
       der besten Nachwuchssysteme der Welt ausgebildet] wurden, spielt diese
       Nation mit einer imponierenden taktischen Reife. Und völlig anders als
       Senegal oder Ägypten. Genau wie in Europa haben jede Nation und jede
       Spielergeneration ihre Eigenheiten, jeder Trainer hat seine Ideen, nur
       gesehen wird das bei den Teams aus Afrika oft nicht so genau.
       
       Wobei an anderer Stelle auch weiterhin alte Klischees bedient werden vom
       Fußball des Kontinents. Im Quartier des Senegal wurde über nicht gezahlte
       Prämien und schlechtes Essen gestritten, und der [10][Afrika-Cup im Januar
       endete mit einem chaotischen Finale], Spielerprotesten und einer
       Zuschauerprügelei am Spielfeldrand. Gerichte müssen nun klären, ob Marokko
       oder Senegal den Titel gewonnen hat. Und dennoch zeigt sich bei dieser WM
       eine Stärke, die in dieser Form tatsächlich neu und im Vergleich zu anderen
       Kontinenten geradezu unglaublich ist: Während 90 Prozent der Teams aus
       Afrika die Gruppenphase überstanden haben, waren von 8 asiatischen
       Teilnehmern 7 bereits nach drei Partien ausgeschieden.
       
       29 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Theweleit
       
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