# taz.de -- Sportlerehrung in Tübingen: Wie es doch gehen kann
       
       > Eine fehlende Rampe sorgt bei einer Sportlerehrung in Tübingen vorab
       > für Schlagzeilen. Die Situation schien verfahren. Dann hat man sich noch
       > mal umgeschaut.
       
 (IMG) Bild: Eine wirklich erhebende Sache, so lässt es sich gut ehren
       
       Die Tübinger Musikschule ist ein wenig außerhalb, wobei „außerhalb“ im
       beschaulichen Tübingen bedeutet: Maximal 10 Minuten mit dem Rad oder
       E-Rolli von der Innenstadt aus gesehen. Im Gegensatz zur Innenstadt ist die
       Wilhelmstraße, von der aus die Musikschule erreichbar ist, auch gut mit
       Rollstuhl befahrbar; keinerlei Pflastersteine weit und breit stören hier
       den Weg zur Musikschule, deren supermoderner Neubau erst vergangenes Jahr
       eröffnet wurde.
       
       Vor dem stapeln sich jetzt die Fahrräder. Drinnen ist dann mehr Platz. Die
       meisten Leute sind schon in den großen Marc-Kemmler-Saal geströmt, um sich
       einen Platz auf einem der 200 Stühle im Saal zu sichern. Einige hatten kein
       Glück und stehen an die mit hellem Holz vertäfelten Wände gedrängt.
       
       Es ist die erste Sportler*innenehrung Tübingens, die in der
       Musikschule zelebriert wird. All jene Ausnahmesporttalente, die bei
       überregionalen Meisterschaften und Wettbewerben auf den ersten Plätzen
       gelandet sind, sollen heute mit einer Urkunde und mit einem Trinkbecher mit
       dem Logo der Stadt Tübingen für ihren sportlichen Einsatz belohnt werden.
       Ein Ereignis, das es in jeder größeren und kleineren Gemeinde so circa
       einmal im Jahr gibt. Dass all eyes ausgerechnet on dieser
       Sportler*innenehrung sind, hat nichts damit zu tun, dass die Tübinger
       Sportskanonen noch außergewöhnlichere Leistungen als alle anderen erbracht
       hätten (wobei 11. Platz bei der Baseballweltmeisterschaft schon für
       Tübingen spricht!), sondern damit, dass der Veranstaltung ein Drama in drei
       Akten vorausging.
       
       Akt 1: Die Stadt verkündet Datum und Ort der Festivität. Dank eines
       Facebook-Posts der Para-Tischtennisspielerin Caren Hailfinger wird der
       Öffentlichkeit bekannt, dass die Bühne am Veranstaltungsort keine
       Rollstuhlrampe hat. Hailfinger soll für ihren 2. Platz bei der Deutschen
       Meisterschaft im Damen-Doppel beim Para-Tischtennis geehrt werden. Sie ist
       Rollstuhlnutzerin und ärgert sich, dass sie wegen der fehlenden Rampe nicht
       wie alle anderen auf der Bühne geehrt werden kann.
       
       Akt 2: Die Öffentlichkeit unterstützt Hailfingers Anliegen. Die Stadt
       Tübingen allerdings weigert sich, eine Rampe zu bauen. „Zu teuer“, [1][sagt
       Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer]. Als [2][verschiedene Firmen und
       Vereine aus der Region anbieten], die Rampe zu finanzieren, lehnt die Stadt
       trotzdem ab: Die Rampe würde 40 Zuschauer*innen den Platz wegnehmen,
       sagt Palmer. Der Allgemeine Behindertenverband und auch der Rest der
       Öffentlichkeit ist empört. Um das Problem zu lösen, trifft sich die
       Tübinger Sozialbürgermeisterin mit der Tischtennisspielerin und sie gründet
       eine Task Force.
       
       Akt 3: Happy End. Die Lösung ist leichter als gedacht. Die Stadt hat
       nämlich einen barrierefreien Raum in entsprechender Größe, auf den das
       Event ausweichen kann. Aufmerksame Leser*innen ahnen es bereits: Es ist
       der Marc-Kemmler-Saal im Neubau der Musikschule. Dort gibt es einen Hublift
       zur Bühne, genug Platz für alle Gäste und die feierliche Atmosphäre für die
       Ehrung obendrein.
       
       ## Geschickt Musik mit Sport verbunden
       
       Deswegen also erste Sportler*innenehrung in der Musikschule. Die
       Eröffnungsperformance verbindet geschickt die beiden Welten Musik und
       Sport: Amelie Dieter und Maximilian Stephan vom TTC Rot-Gold tanzen zu drei
       Songs, bevor Oberbürgermeister Palmer die Bühne betritt. Der schlägt ob der
       Hitze im Saal zunächst eine solidarische Praxis des Sitzplatz-Sharings vor
       („wenn Ihnen zu heiß im Stehen wird, fragen Sie mal einen der Sitzenden, ob
       Sie den Platz für eine Weile bekommen können“) und führt dann die Tübinger
       Sportler*innenehrung als Trostpflaster für das Aus der deutschen
       Männerfußballnationalmannschaft [3][im WM-Spiel gegen die paraguayanische
       Mannschaft] am Vorabend ein.
       
       Während der Oberbürgermeister weiterspricht, eine merkwürdige Beobachtung:
       Zur Bühne hoch führt keine Rampe, auch ein Rollstuhllift ist weit und breit
       nicht zu sehen. Es gibt nur zwei Treppen, auf jeder Seite eine. Dabei ist
       der barrierefreie Zugang zur Bühne ja der Grund dafür, dass heute Abend
       alle in diese Halle gekommen sind, oder etwa nicht? Was ist da los?
       
       Doch da – Palmer erklärt es schon: Auf die linke der beiden Treppen
       deutend, spricht er von einem „Wunderwerk der Technik“ und erläutert, dass
       die Treppe auf Knopfdruck zum Aufzug werden kann. Vor 20 Jahren habe es so
       etwas noch nicht gegeben, deswegen ist es in der anderen Halle, wo
       ursprünglich hätte geehrt werden sollen, nicht verbaut.
       
       ## Platz für bis zu 400 Kilogramm
       
       Ein Wunderwerk ist die Lifttreppe auf jeden Fall: Sie nimmt exakt so viel
       Platz ein, wie es eine Treppe halt tut und verwandelt sich
       vollautomatisiert schnell zu einem Aufzug, der bis zu 400 Kilogramm auf die
       Bühne bewegen kann. Also auch wunderbar für Leute, die E-Rollis benutzen.
       
       Nachdem Palmer seine Rede beendet hat, wird drauflos geehrt. Als die
       Tischtennisspielerin Hailfinger an der Reihe ist, verläuft dann alles ganz
       unspektakulär: Der entsprechende Knopf wird gedrückt, die Treppe verwandelt
       sich zum Aufzug, Hailfinger kann auf die Bühne, ihre Urkunde entgegennehmen
       und sich ein Handschütteln von Sozialbürgermeisterin und Oberbürgermeister
       abholen.
       
       Dass Inklusion im Sport auch in Tübingen wichtig ist, zeigt sich übrigens
       im weiteren Verlauf der Ehrung mehrmals: Die inklusive Basketballmannschaft
       des SV 03 Tübingen hat den ersten Platz bei der Süddeutschen Meisterschaft
       im Unified Basketball geholt, und zwei Sonderehrungen gibt es für zwei
       Tübinger, die sich schon seit vielen Jahren für Inklusion im Sport
       einsetzen. Perspektivisch wird die Sportlerehrung wohl in der Musikschule
       bleiben. Und für die ursprünglich angedachte Halle wird auch an einer
       barrierefreieren Lösung herumüberlegt, wie die Sozialbürgermeisterin
       hinterher verrät. Na bitte, geht doch.
       
       4 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Tuebingen-und-sein-Oberbuergermeister/!6168232
 (DIR) [2] https://www.sportschau.de/regional/swr/swr-palmer-lehnt-angebote-von-sponsoren-ab-die-rampe-bezahlen-wollen-102.html
 (DIR) [3] /Historischer-WM-Erfolg-fuer-Paraguay/!6192053
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Miri Watson
       
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