# taz.de -- Eröffnung Bachmannpreis: Das Blutwunder von Klagenfurt
       
       > Doppeljubiläum am Wörthersee: In Klagenfurt wurden die 50. Tage der
       > deutschsprachigen Literatur eröffnet. Vom Spardiktat ist keine Rede mehr.
       
 (IMG) Bild: Hat eine langjährige Beziehung zum Bachmannpreis: Schriftstellerin Helga Schubert
       
       Im Literaturbetrieb ist man exzessives Fernsehen gewohnt. 19 Stunden lang
       überträgt 3sat alljährlich den wichtigsten Literaturwettbewerb im
       deutschsprachigen Raum, den Ingeborg-Bachmann-Preis, für all jene, die
       nicht bis in den äußersten Süden Österreichs angereist sind, um das
       Spektakel live zu verfolgen. Dass in Klagenfurt nun jenes tatsächlich
       angereiste Betriebspersonal im Garten des ORF-Landesstudios Kärnten
       zusammenkommt, um dann doch wieder Fernsehen zu gucken, vorab produzierte
       Kurzdokus, in denen vor allem Personal zu Wort kommt, dass ohnehin im
       Garten sitzt, aber an diesem Mittwochabend ob der deutlich verschlankten
       Eröffnungszeremonie nicht sprechen darf, ist dann schon kurios.
       
       Kurios, nicht unbedingt schlecht. Das Grußwort von ORF-Landesdirektorin
       Karin Bernhard fällt denkbar kurz aus, Ingeborg Bachmann und ihr Ringen mit
       der beschädigten Sprache werden anzitiert, Kärntens Landeshauptmann Daniel
       Fellner (SPÖ) darf sich stolz zeigen auf sein Land und überschätzt nur
       geringfügig die internationale Bedeutung der Veranstaltung: „Die
       Scheinwerfer Europas leuchten heute hierher“, ist er überzeugt.
       
       Nicht sprechen darf in diesem Jahr der Bürgermeister Klagenfurts und
       einstige Tennislehrer von Österreichs Vorzeige-Rechtsradikalem Jörg Haider,
       Christian Scheider. Was fast schade ist, waren die rhetorischen
       Verrenkungen des Parteilosen mit FPÖ-Vergangenheit [1][bei der Eröffnung im
       letzten Jahr durchaus unterhaltsam zu verfolgen,] doch schaffen Worte
       Wirklichkeit, wem muss man das hier erzählen. Hätten wir das Wort, wir
       bräuchten die Waffen nicht, schrieb Ingeborg Bachmann, und sie hat recht
       damit.
       
       Doch warum muss es eigentlich alles so schnell, schnell, schnell gehen an
       diesem Abend? Gab es im letzten Jahr noch Gerüchte, die drohende (und
       abgewendete) Zusammenlegung der Sender 3sat und arte würde das Ende der
       exzessiven Bachmannpreisübertragung bedeuten, will man von den Unkenrufen
       heute nichts mehr wissen. „Wunder geschehen“, meint Jury-Vorsitzender Klaus
       Kastberger, ein „Blutwunder“ gar, habe doch die Stadt Klagenfurt den
       Hauptpreis von 25.000 Euro auf 30.000 Euro erhöht. Zudem finde sogar der
       den Bachmannpreis begleitende Literaturkurs für junge Autor:innen wieder
       statt, der im letzten Jahr abgeschafft worden war.
       
       ## Alles gut im Staate Österreich?
       
       Dass es in Klagenfurt nicht bloß um die Entdeckung neuer Talente, der
       Zuarbeit des literarischen Verlags- und PR-Apparats geht, verdeutlicht
       Kastberger. Der Bachmannpreis als mediale Inszenierung von Literatur und
       von Literaturkritik zeige, wie Urteilsfindung vor aller Augen stattfindet.
       Die Kameras, so Kastberger, legitimieren das ästhetische Werturteil, weil
       sie zeigen, wie es zustande kommt.
       
       Also alles gut im Staate Österreich? Eigentlich seien es ohnehin vor allem
       die Deutschen gewesen, [2][die das Gerücht in Umlauf gebracht haben, der
       diesjährige Bachmannpreis könne der letzte gewesen seien,] sagt Kastberger.
       Ihm sei zu Ohren gekommen, einige Reisegrüppchen seien extra an den
       Wörthersee gekommen, um sagen zu können, sie seien bei der letzten Ausgabe
       des Bachmannpreises dabei gewesen.
       
       Es ist denn auch wirklich viel los, im Bachmanngarten, bei der 50.
       Jubiläumsausgabe. Bei all dieser neuen Abundanz und Fülle kann man sich
       fragen, warum die wahrscheinlich ausreichend betuchte
       Bachmannpreis-Klientel am einzigen Getränkestand in aggressive
       Verteilungskämpfe verfällt, obwohl die Getränke umsonst sind. Vielleicht
       sind es die Preise, die noch überall anzeigen, wie viel man für a
       gespritzt’n zahlen müsste, die die Melierten an der Bar in Raserei
       versetzt.
       
       Ein gänzlich anderer, an solch kleinbürgerlichem Gehabe uninteressierter
       Geist durchzieht Helga Schuberts Rede zur Literatur, die den Titel „Und
       führe mich nicht in Versuchung“ trägt und wie Kastbergers „Blutwunder“
       Biblisches in die Waagschale wirft.
       
       ## Ausreise aus der DDR verweigert
       
       Schriftstellerisch und zitatreich zeichnet Schubert darin ihre eigene
       Beziehung zu Werk und Person Ingeborg Bachmanns, [3][die in diesem Jahr 100
       Jahre alt geworden wäre,] sowie dem zu ihren Ehren ausgetragenen Wettlesen
       nach. Schubert, der man zu DDR-Zeiten die Ausreise zur Teilnahme am
       Wettbewerb noch verweigert hatte, war später selbst Jurymitglied und konnte
       ihn schließlich 2020 mit einigen Jahrzehnten Verspätung gewinnen.
       
       Der Versuchung, der man – Schubert nimmt sich dabei nicht aus – [4][bei der
       Auseinandersetzung mit „der Bachmann“ gerne erliegt,] ist „das Spektakuläre
       um diese Schriftstellerin zu sehr zu beachten, das die Sicht auf ihr Werk
       verdeckt und behindert“. Die Liebe, die Männer, das alte Lied von der zu
       empfindsamen, zu zarten Frau und dem tragischen Feuertod. Statt diesen
       Mythos der überlebensgroßen Heldin zu befördern, wirbt Schubert für
       Textimmanenz im Umgang mit Bachmanns Werk.
       
       „Ich habe diese Eingangssätze der Jugend in einer österreichischen Stadt
       zuerst für mich, immer wieder, aber dann auch am Kaffeetisch meinen
       Besuchern vorgelesen, voller Bewunderung, weil diese Sätze vollendet sind.
       Zuletzt las ich sie drei Menschen vor, einer Schweinezüchterin, einer
       Rinderzüchterin und einem Schmied.“
       
       Schuberts Rede ist ein Versuch, das Universelle in den wohlgeformten Sätzen
       dieser großen Melancholikerin begreifbar zu machen, der Verlockung zu
       widerstehen, Werk und Leben zu mystifizieren und entweder als genialistisch
       abzutun, oder mit biografischer Detektivarbeit alles Sinnliche aus ihren
       Texten herauszusublimieren.
       
       ## Ein Gedicht aus unserem Leben
       
       „Und als ich ihnen das Gedicht ‚An die Sonne‘ vorlas, sagte die Frau, die
       ihr Leben lang Schweine gezüchtet hatte und der unlängst die Tochter tot
       umgefallen war, beim Meditieren, weil sie ein bis zur Obduktion unerkanntes
       zu großes Herz hatte, ernst und nachdenklich zum Schluss in die Stille:
       ‚Ja, das ist doch ein Gedicht aus unserem Leben, so ist es. Das ist einfach
       zu verstehen.‘“
       
       Es ist eine Rede, die selbst Literatur ist, die sich vom Wir zum Ich und
       dann wieder zum Wir schlägt und dabei ganz bachmannhaft „alle Fühler
       [ausstreckt], nach der Gestalt der Welt [tastend], nach den Zügen des
       Menschen in dieser Zeit“.
       
       Dass auch diese Rede unter der Eröffnungsverschlankung zu leiden hatte und
       nur in gekürzter Fassung vorgetragen wurde, ist bei insgesamt 19 Stunden
       Liveübertragung nicht ganz nachvollziehbar – angesichts letztjähriger
       Debatten um politische Spardiktate und das Fortbestehen des Bachmannpreises
       als solchem vielleicht gerade so zu verkraften.
       
       25 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Hubernagel
 (DIR) Yannic Walter
       
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