# taz.de -- Bachmannpreis 2026: Die Karbunkel des Karl Marx
> In Amerika endet die Vorrunde, in Klagenfurt der Bachmannpreis: Die Tage
> der deutschsprachigen Literatur zwischen Lindwürmern und dem Kampfplatz
> der Nationen.
(IMG) Bild: Im Garten des ORF-Landesstudios Kärnten verfolgen Zuhörer:innen die Lesung des Bachmannpreis-Nominierten Wolfgang Popp
Wandelt man während der Bachmanntage durchs pittoreske Klagenfurt, vergisst
man leicht, dass die Gegend um die Kärtner Landeshauptstadt in der
Vergangenheit wohl kaum als Ausflugsziel für den deutschsprachigen
Literaturzirkus getaugt hätte.
Der Sage nach gab es hier lange nur feuchtes Moos, und nur selten betrat
„eines Menschen Fuß jenes unheimliche und undurchdringliche Dunkel“. Zu
allem Überfluss lebte an den Ufern des Wörthersees ein blutrünstiger Drache
in Wurmgestalt, dem sich der hiesige Herzog nach einigen Klagen seiner
Untertanen durch einen Wettkampf entledigen wollte: Wer den Lindwurm
besiegen könne, dem winke „reicher Lohn“; ein Preisgeld also, wenn man so
will.
Ob es nun ausgerechnet 14 Hasardeure waren, „die, vom Preise des Sieges
angelockt, hin zum Kampf zogen“ und ob das Preisgeld etwa dem damaligen
Gegenwert von 30.000 Euro entsprach, ist unbekannt. Sicher ist, dass die
mutigen Jünglinge den Lindwurm mit einer List besiegen konnten und „an der
Stelle des Drachenkampfes das friedliches Dörfchen“ entstand, in dem später
einmal [1][Ingeborg Bachmann] geboren und Peter Handke zur Schule gehen
würde.
Auf dem Neuen Platz in Klagenfurt erinnert heute noch ein Brunnen aus dem
17. Jahrhundert an den Lindwurm. Der steht im Moment jedoch etwas beengt
da, ist auf dem Platz doch das zentrale Public-Viewing-Areal der Stadt
eingerichtet. Viel bekommt man sonst von der WM allerdings nicht mit, bei
den diesjährigen Tagen der deutschsprachigen Literatur, dabei verbindet
Wettkicken und Wettlesen eigentlich so einiges.
Ein Fußballspiel, schrieb Norbert Elias 1983, sei im Kern „eine Figuration
von Menschen, die in einer kontrollierten Spannung“ zueinander stehen.
„Ausgespannt“, heißt es weiter, seien die Spiele zwischen den beiden Polen
„Unordnung und Langeweile“ und dass sich die Balance nicht zu sehr in
Richtung der Unordnung zuneige, das sei doch immerhin eine zivilisatorische
Leistung.
## Der Nachfolger des Lindwurms
Nun, langweilig sind die Jurydiskussionen in Klagenfurt nicht direkt, aber
unordentlich geht es auch nicht gerade zu. Mit Marcel Reich-Ranicki hat
wahrscheinlich der letzte Lindwurm in Klagenfurt sein Feuer ausgehaucht,
Philipp Tingler taugt nur episodisch zum Nachfolger als Juryfiesling. Einen
Text über Fußball hätte Mithu Sanyal ungern gelesen, gibt sie an einer
Stelle zu, Skispringen interessiere sie eigentlich ebenso wenig, aber
Christoph Szalays Text „Amiata“ habe ihr dann doch gefallen.
Darin begibt sich der Protagonist auf eine Expedition in die italienischen
Alpen. Ohne danach zu suchen, stößt er auf die Reste einer abgerissenen
Skisprungschanze. Der Fund erinnert den Protagonisten an seine eigene
Vergangenheit als Skispringer und all die Strapazen, Essstörungen und
Verletzungen, die diesen ebenso gefährlichen wie faszinierenden Sport
begleiten.
Szalay folgt dabei einem autofiktionalen Ansatz, war der Autor in jüngeren
Jahren doch selbst Nordischer Kombinierer, einer Sportart, bei der
Skilanglauf und Skisprung hintereinander zu absolvieren sind.
Wer das Glück hatte, einmal [2][Werner Herzogs] Dokumentation „Die große
Ekstase des Bildschnitzers Steiner“ zu sehen, weiß, dass Skispringen
mitunter nicht die üblichen aseptischen Typen anzieht, die man gewöhnlich
im Profisport vorfindet. Auch Szalays Protagonist begreift Skispringen eher
als ästhetische Erfahrung statt als sportlichen Wettkampf, bei der von der
Sprungweite weniger abhängt als vom sinnlichen Erleben der Flugphase.
## Wahre Anfänger gibt es nicht
Den letzten Lesetag begonnen hatte die in Bayreuth lebende Autorin Derya
Uzun, die von allen Bachmann-Lesenden dieses Jahrgangs bisher wohl am
wenigsten öffentlich in Erscheinung getreten ist und auch als einzige über
keinen eigenen Wikipedia-Artikel verfügt.
Doch wahre Anfänger gibt es eigentlich seit Jahren nicht mehr am Wörthersee
und auch Uzuns Erzählweise zeugt von einer gewissen Marktkenntnis und folgt
in ihrer vermeintlichen Autofiktionalität einem Trend, der auch in diesem
Jahr voll zum Tragen kommt. Uzun schildert in Fragmenten ein traumatisches
Mutter-Tochter-Verhältnis, das geprägt ist von Suizidversuchen der Mutter
und dem Gefühl des Zurückgelassenseins der Tochter, die als
Literaturwissenschaftlerin in – genau – Bayreuth lebt.
Es liegt an einigen sprachlichen Ungereimtheiten des Textes, dass sich die
Fragmente nicht recht zu einem größeren Ganzen kombinieren lassen und man
zwar die abgründigen Dimensionen des Sujets und der Figurenbeziehungen
ahnt, aber alles auf eine Weise artifiziell und im negativen Sinne
„geschrieben“ wirkt.
Was genau Jurorin Mithu Saynal meint, als sie erklärt, die Schilderung
eines Selbstmordversuches mithilfe von „19-Cent Aldisalz“ sei ihr
„Lieblingssuizidversuch“ und „wunderbar proletarisch“, wird indes nicht
ganz klar.
## Kastbergers Schimmelfimmel
Klaus Kastberger hat zu Mutter-Tochter-Beziehungen augenscheinlich keine
passende Anekdote parat. Was überrascht, erfährt man im Laufe des
Wettbewerbs doch so einiges Persönliches über den Germanisten: Von seinem
Schimmelfimmel etwa, wie er den Zusammenbruch des Ostblocks in Wien erlebte
und auch, dass er und Jurykollege Thomas Strässle ein SMS-Streitgespräch
darüber unterhalten, welche der beiden „Alpenvölker“ denn nun die bessere
Skination sei.
Überhaupt ist Österreich für Kastberger stetiger Referenzpunkt, in
Österreich möge man runde Dinge, sagt er einmal, Düsseldorf sei nur
erträglich, wenn man von dort nach Wien fahre, ein andermal. Sportspiele
sind zu einem friedlichen Kampfplatz der Nationen geworden, heißt es bei
Norbert Elias, und Jury-Vorsitzender Kastberger, der in diesem Jahr zum
letzten Mal in Klagenfurt mitdiskutieren wird, hat in Österreich natürlich
Heimvorteil.
Ob sich der Bachmannpreis auch für Wolfgang Popp nach Heimspiel anfühlt,
ist ungewiss. Zum Veranstalter des Wettbewerbs, dem ORF, unterhält Popp
jedenfalls enge Beziehungen, ist er immerhin bei dem Radiosender Ö1 als
Kulturredakteur beschäftigt. Aus seiner Geschichte wird die Jury nicht
recht schlau, kündigt Popp doch gleich zu Beginn einen Regelvorstoß an, der
dann nicht erfolgt, „weil der Text, den ich hier gerade lese, nicht der
Text ist, den ich eingereicht habe“.
Popps Erzähler reist gen Klagenfurt, zitiert Nietzsche und Rüdiger
Safranski. Sie könne den Text nur ertragen, wenn sie ihn ironisch lese,
kommentiert Brigitte Schwens-Harrant, werden doch zu deutlich sämtliche
Namen von Frauen weggelassen.
## Ein kleiner Rekord
20 Minuten lesen die Nominierten im Regelfall, überzogen hat an den drei
Lesetagen niemand, zumindest war kein strafendes Glöckchen geläutet worden,
deutlich unterschritten wurde die Lesezeit allerdings von Gesche Heumann,
die mit einem nur zwei Seiten umfassenden Text den wohl kürzesten in der
Geschichte des Bachmannpreises vorlegte. Heumann ist Malerin und zeichnet
auch in ihrer Erzählung ein künstlerisches Milieu, „vom Beginn des
Kunststudierens zu dem, was daraus geworden ist“, wie Brigitte
Schwens-Harrant zusammenfasst.
Bei der Jury kommt der Text gut an, viel zu sagen gibt es nicht, außer,
dass keiner der Juror:innen wusste, dass Karl Marx an Karbunkeln litt,
wie Heumann schreibt. Der mit vier Lesenden ohnehin verkürzte Lesetag endet
so bereits vor der Zeit. Wer den Lindwurm bezwingen und als Sieger:in vom
Platz gehen wird, wird am Sonntag bei der Preisverleihung bekannt gegeben.
27 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julia Hubernagel
(DIR) Yannic Walter
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