# taz.de -- Mahnmal für NS-Opfer der Zeugen Jehovas: Ein Baumstamm aus Bronze
       
       > Die Zeugen Jehovas lehnten Hitlers Regime und den Kriegsdienst ab. An
       > ihre Verfolgung durch die Nazis erinnert nun ein Mahnmal im Berliner
       > Tiergarten.
       
 (IMG) Bild: Künstler Leeck (links), Kulturstaatrsminister Weimer, Bundestagspräsidentin Klöckner und Uwe Neumärker von der Stiftung Denkmal
       
       Die Tarnung schien perfekt, am Goldfischteich mitten im Berliner
       Tiergarten. Seerosen schwammen auf dem stillen Gewässer, ein alter
       Baumbestand spendete Schatten auf den angrenzenden Wiesen. Wer mochte da
       Verdächtiges entdecken, wenn sich dort Damen und Herren auf Liegestühlen
       entspannten? Ernst Varduhn hieß der Liegestuhlverleiher, Jahrgang 1885,
       Weltkriegsveteran – und Ernster Bibelforscher, wie die [1][Zeugen Jehovas]
       in der NS-Zeit genannt wurden. Die christliche Gemeinschaft war seit 1933
       verboten, denn die Nazis mochten nicht dulden, dass sie ihre Prinzipien
       befolgten, dass sie den Wehrdienst ebenso wie den „Hitler-Gruß“
       verweigerten und anderen Verfolgten halfen.
       
       Der Kraftfahrer Ernst Varduhn aber machte weiter, im Untergrund. Auf den
       Liegestühlen trafen sich die ebenso illegal tätigen Kuriere, Bezirksleiter,
       die Produzenten verbotener Schriften und Schallplatten. Sie besprachen dort
       ihr weiteres Vorgehen. Sie glaubten sich unbeobachtet. Doch das war eine
       Täuschung.
       
       Vor 90 Jahren, am 22. August 1936, schlug die Gestapo zu. Varduhn kam
       ebenso wie die anderen Teilnehmer aus dem Kreis der Bibelforscher in Haft.
       Einige von ihnen verschwanden in Konzentrationslagern. Manche erlebten die
       Freiheit nie mehr.
       
       An diesem Mittwochvormittag ist die Wiese nahe dem Goldfischteich voller
       Menschen. Über tausend sind zur Einweihung eines Denkmals gekommen, das an
       die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus erinnert.
       
       ## Verfolgung auch nach dem Krieg
       
       Das Mahnmal ist schlicht, doch es fällt sofort ins Auge. Zwischen den
       vielen Bäumen des Berliner Tiergartens steht da ein einziger, einsamer
       Baumstamm aus Bronze, fünf Meter hoch, zwölf Tonnen schwer, ohne Äste, nur
       der Stamm. Die gefräste Oberfläche soll an die Unterdrückung in der NS-Zeit
       erinnern, sagt der Künstler Matthias Leeck, selbst ein [2][Zeuge Jehovas].
       Die golden glänzende Bronze wird mit den Jahren Patina ansetzen und das
       Mahnmal verändern.
       
       Bundestagspräsidentin [3][Julia Klöckner] (CDU) ist als Repräsentantin des
       Staates gekommen. Sie erinnert daran, dass der Beschluss für dieses Denkmal
       im Bundestag 2023 einstimmig erfolgte. Die Zeugen Jehovas hätten „einen
       sichtbaren Ort des Gedenkens verdient“, sagt sie. „Es geht um eine
       Verbeugung vor den Opfern des Nationalsozialismus.“ Deutschland schulde
       allen, die damals verfolgt wurden, eine Erinnerung. Denn „die Demokratie
       steht auch für die Freiheit, anders zu sein.“ Sie erinnerte daran, dass das
       Grundgesetz die Glaubensfreiheit schützt. „Es schützt religiöse
       Minderheiten, gerade auch Minderheiten, deren Überzeugungen vielen auch
       fremd sind“, sagte Klöckner. „Und es schützt ebenso die Freiheit, einer
       Religionsgemeinschaft nicht anzugehören.“
       
       Das sind schöne Worte für eine religiöse Gemeinschaft, die es auch nach dem
       Krieg nicht immer leicht hatte. Im Westen Deutschlands als autoritäre Sekte
       gemieden, wurden die Zeugen Jehovas in der DDR 1955 verboten, manche ihrer
       Mitglieder kamen erneut in Haft. „Es ist mit der Toleranz nicht weit her“,
       sagte Künstler Leeck, darauf angesprochen in der vergangenen Woche. Die
       Stigmatisierungen kämen auch heute besonders in Schule, Kita und beim Sport
       vor, sagte er.
       
       Nicht nur die Bibelforscher am Berliner Goldfischteich wurden verfolgt, es
       betraf die ganze religiöse Gemeinschaft. Etwa 14.000 Personen gerieten in
       Haft, davon 4.500 Menschen in Konzentrationslagern, wo sie einen „lila
       Winkel“ tragen mussten. Mehr als 600 Kinder wurden ihren Eltern entzogen.
       Mindestens 1.800 Ernste Bibelforscher fielen den Nazis zum Opfer und wurden
       ermordet, zudem erging gegen 280 Männer wegen ihrer
       Kriegsdienstverweigerung die Todesstrafe. „Sie strebten keinen Umsturz an,
       sie wollten einzig ihren Glauben leben“, sagt Klöckner.
       
       ## Nicht das erste und nicht das letzte Denkmal
       
       Auf die Bundestagspräsidentin folgt [4][Wolfram Weimer]. Der
       Kulturstaatsminister stellt den gläubigen Menschen in den Mittelpunkt
       seiner Ausführungen. Gläubige, so Weimer, folgten „der Moral und ihren
       Werten“ und ihrem Gewissen. Sie wüssten, dass jeder einzelne Mensch eine
       Würde hat. Weimer erinnert an die im KZ ermordeten Katholiken. Aber er
       beschweigt die vielen Anhänger der beiden großen Religionsgemeinschaften,
       die den Nazis zu Diensten waren. Es gab den evangelischen Pfarrer, der beim
       Judenmord aktiv dabei war, die „Deutschen Christen“, die Hitler quasi als
       zweiten Heiland verehrten. Das ist der Grund, warum am Mittwoch der
       Widerstand der Zeugen Jehovas geehrt wird und nicht der der Amtskirchen.
       Denn die Zeugen lehnten in ihrer Gesamtheit Hitlers Regime ab. Diesen
       Unterschied macht Weimer nicht deutlich.
       
       Es ist fast auf den Tag genau 27 Jahre her, da beschloss der Bundestag die
       Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas mitten in
       Berlin. Dieses Stelenfeld ist zum Ausgangsort für weitere Erinnerungsorte
       an andere verfolgte Gruppen geworden. Es existiert ein Denkmal für die
       verfolgten Schwulen und Lesben, eines für die Sinti und Roma und ein
       drittes, gelegen ganz in der Nähe des Bronzestamms für die Zeugen Jehovas,
       für die Opfer der Morde, die unter dem Bezeichnung „Euthanasie“ an
       körperlich oder geistig eingeschränkten Menschen erfolgten. Das Mahnmal für
       die Zeugen Jehovas ist also das fünfte Zeichen dafür, dass die
       Bundesrepublik Deutschland diejenigen nicht vergisst, die unter den
       nationalsozialistischen Verfolgungen besonders zu leiden hatten.
       
       Clara-Denise Dörner ist die Urenkelin von Bruno Seide. Sie erinnert an
       ihren Uropa, der als Bibelforscher 1935 in Haft kam, weil er den Hitlergruß
       verweigerte. Der 1936 Arbeit und Wohnung verlor und wieder im Knast saß und
       im folgenden Jahr erneut ins Gefängnis musste. Danach kam er ins KZ, erst
       nach Sachsenhausen, dann nach Neuengamme. Dort wurde der Urgroßvater von
       Dörner 1940 ermordet. Er wurde nur 41 Jahre alt. „Mich hat die
       Standfestigkeit meiner Familie beeindruckt“, sagt Dörner zum Schluss ihrer
       Rede.
       
       So wie Bruno Seide starben auch einige der am und um den Goldfischteich
       Verhafteten durch die Hände der Nazis. Otto Kours überlebte 1940 die
       schwere Folter im KZ Sachsenhausen nicht. Emil Zellmann wurde nach KZ,
       Folter und Gefängnishaft im September 1938 entlassen. Er starb schwer
       erkrankt 1942 in Berlin. Wilhelm Ruhnau, 1936 in der Freien Stadt Danzig
       entführt und verhaftet, wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt erschlagen.
       Sein Urenkel Julius Glaser erinnert an ihn. Und Ernst Varduhn, der
       Liegestuhlverleiher? Er überstand die Haft in Berlin und das KZ
       Sachsenhausen und wurde im Juli 1937 zu 15 Monaten verurteilt. Er
       erblindete an den Folgen der Haft. Varduhn starb 1968 in Berlin.
       
       Das Denkmal in Erinnerung der Unterdrückung der Zeugen Jehovas wird nicht
       das letzte seiner Art bleiben, so viel scheint sicher. Zum Jahresende soll
       der künstlerische Entwurf für das nächste Mahnmal fest stehen. Es wird den
       unter der Besatzung von NS-Deutschland verfolgten Polen gewidmet sein und
       damit erstmals eine Nation würdigen.
       
       24 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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