# taz.de -- Pläne für das ICC in Berlin: Der größte Späti Berlins
       
       > Seit 12 Jahren steht das melancholische Raumschiff ICC am Ende der Stadt
       > leer. Eine Vergabeempfehlung des Senats an ein Projektteam könnte das nun
       > ändern.
       
 (IMG) Bild: Architektonisches Versprechen, das leer steht: das ICC
       
       Es gibt Gebäude, die altern. Und es gibt Gebäude, die aus der Zeit fallen.
       Das Internationale Congress Centrum Berlin, kurz ICC, gehört zur zweiten
       Kategorie. Seit seiner Eröffnung 1979 wirkt es wie ein Besucher aus einer
       Zukunft, der einfach vergessen wurde. Ein riesiges, silbern glänzendes
       Raumschiff auf einer Verkehrsinsel am Rand der Stadt, gebaut als
       architektonisches Versprechen auf die technologische Moderne. Nun, fast
       fünfzig Jahre später, soll diese Maschine wieder anlaufen.
       
       Am Mittwochmittag präsentierten Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey und
       Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (beide SPD) auf der Dachlounge
       des RBB die Pläne für die Zukunft des ikonischen Bauwerks. Der Ort ist gut
       gewählt: Vor ihnen liegt die halbe Stadt, das Messegelände – und dahinter
       das ICC.
       
       Seit 2014 steht das Gebäude leer. Jahr für Jahr kostet dieser Zustand das
       Land Berlin rund zwei Millionen Euro. Derzeit hängt an seiner Fassade ein
       rotes Banner mit der tröstlichen Aufschrift: „Dauert noch ein bisschen –
       aber wird mega!“ Nun könnte dieser Satz tatsächlich Programm werden. Am
       Ende eines mehrjährigen wettbewerblichen Dialogs hat der Senat eine
       Vergabeempfehlung für eine Projektpartnerschaft ausgesprochen, an der neun
       Unternehmen beteiligt sind.
       
       ## Das Konzept denkt groß
       
       Zu ihnen gehören die MIB AG Immobilien sowie die Coloured Fields GmbH,
       deren Mitwirkung an der Entwicklung der Leipziger Baumwollspinnerei
       international Aufmerksamkeit erregte. Heute befinden sich auf dem
       historischen Industriegelände, das in keinem Reiseführer unerwähnt bleibt,
       12 Galerien, zahlreiche Ateliers, Restaurants und Cafés.
       
       Bertram Schultze von Coloured Fields zeigt eindrucksvolle Visualisierungen
       dessen, was aus dem melancholischen Raumschiff werden könnte. Das Konzept
       denkt groß. Vor und hinter dem ICC sollen neue Hochhäuser entstehen. Eine
       bereits existierende Ebene könnte zu einer lebendigen Passage mit Läden und
       Restaurants ausgebaut werden und künftig die Ströme von Passant*innen
       aufnehmen, die zwischen Westkreuz und Messe Nord unterwegs sind. Neue
       Plätze sollen entstehen, Orte zum Verweilen statt bloß zum Vorbeifahren.
       Das ICC soll an die Stadt angebunden werden und nicht wirken, als habe es
       jemand auf eine Verkehrsinsel gespuckt. Hinzu kommen grüne Dächer, Gärten
       und Bäume.
       
       Im Zentrum aber steht das Gebäude selbst. Das denkmalgeschützte ICC soll
       wieder das werden, was es einmal war: ein Magnet. Allerdings nicht mehr nur
       für Kongresse. Vorgesehen ist ein Kulturquartier mit Gewerbe, Hotel und
       Gastronomie, vielleicht auch Museen und Bibliotheken. Die Idee ist ein
       hybrides Haus, das morgens arbeitet, nachmittags produziert und abends
       feiert. Besonders aufmerksam verfolgt wird die Zukunft von Saal 1, dem
       ikonischen Herzstück des Komplexes. Hier könnte eines Tages sogar die
       Berliner Philharmonie eine Ausweichspielstätte finden, wenn ihr Stammhaus
       saniert werden muss.
       
       Die entscheidende Frage lautet allerdings: Wann? Und zu welchem Preis?
       Geplant ist vom Senat, sowohl das ICC als auch die Neubauten im Erbbaurecht
       zu vergeben. Nach Angaben der Berliner Immobilienmanagement GmbH könnte
       allein dieser Prozess noch etwa zwei Jahre dauern. Wenn alles optimal
       verläuft, so Schultze, könnte das neue ICC im Jahr 2032 eröffnen.
       
       Während die Kosten der neuen Hochhäuser mit 150 bis 200 Millionen Euro
       vergleichsweise gut kalkulierbar seien, bleibt das ICC selbst eine
       Wundertüte. Die hochkomplexe Haustechnik beschäftigt die Planer noch immer.
       Die zuletzt genannten 350 bis 400 Millionen Euro seien wahrscheinlich noch
       „einen Tick“ zu niedrig angesetzt, so Schultze. An dieser Stelle ist es für
       Franziska Giffey wichtig, Folgendes zu betonen: Haushaltsmittel aus Berlin
       werde es für die Wiederbelebung des ICC nicht geben. Das Projekt müsse von
       privaten Investitionen, potenten Mietern und Fördermitteln von Bund und EU
       getragen werden. Das Land Berlin wolle den Prozess begleiten, aber nicht
       finanzieren.
       
       Vielleicht passt das zu diesem Gebäude. Das ICC war immer mehr Vision als
       Vernunft, mehr Zukunftsentwurf als Kostenrechnung. Zum Schluss formuliert
       Bertram Schultze den vielleicht schönsten Satz seiner Präsentation. Das
       neue ICC, sagt er, solle ein Ort werden, der „24/7“ funktioniere – eine
       Formulierung, die man bislang vor allem von Spätis kennt. Damit eröffnet
       sich eine unerwartet charmante Perspektive: Mit etwas Glück wird der Kasten
       so etwas wie der größte Späti Berlins – vielleicht sogar inklusive etwas
       Kultur.
       
       24 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
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