# taz.de -- Hamburger Großprojekte entgleisen: Die Senatorin hätte gewarnt sein können
       
       > Unter der Aufsicht der grünen Hamburger Umweltsenatorin Katharina
       > Fegebank sind die Kosten eines Energieprojekts explodiert. Unklar ist
       > auch der Terminplan.
       
 (IMG) Bild: Viel teurer, als ursprünglich geplant: Baustelle des Zentrums für Ressourcen und Energie
       
       Der rot-grüne Hamburger Senat hat vermehrt Probleme, die Kosten seiner
       Großprojekte im Griff zu behalten. Am Dienstag wurden die Abgeordneten des
       Umweltausschusses über die Probleme beim [1][Zentrum für Ressourcen und
       Energie (ZRE) im Stadtteil Bahrenfeld] informiert. Sitzungsteilnehmer
       sprachen von großer Betroffenheit angesichts dessen, was da in
       vertraulicher Sitzung offenbart wurde.
       
       Das ZRE ist ein Vorzeigeprojekt zur Müllentsorgung, das zugleich die
       Energiewende in Hamburg voranbringen soll. Umso unangenehmer, dass die
       Kosten des Projekts im Verantwortungsbereich der grün geführten
       Umweltbehörde nun offenbar explodiert sind. Dabei hätte Umweltsenatorin
       Katharina Fegebank als Aufsichtsratsvorsitzende gewarnt sein können, denn
       erst vor Kurzem ist die Kostenkalkulation eines anderen Projekts im
       Verantwortungsbereich der Behörde entgleist.
       
       Der Kostenrahmen für das ZRE hat sich seit der ersten Schätzung von 280
       Millionen 2017 bereits mehrfach erhöht. Beschlossen wurde er nach
       Senatsangaben 2022 mit 456 Millionen, später auf 534 Millionen Euro
       ausgeweitet, eine Zahl, die der Vorstand im Dezember 2025 noch bestätigte.
       Zwei Monate später erfuhr eine Aufsichtsratsvorsitzende, dass auch das
       nicht reichen wird und bis zu 51 Millionen Euro zusätzlich nötig sein
       werden. Inzwischen ist die Rede davon, dass das Projekt 750 Millionen Euro
       kosten könnte.
       
       Desgleichen sei auch der ursprünglich geplante Rahmenterminplan aus dem
       Jahre 2022 „aus heutiger Sicht nicht mehr haltbar“, teilte der Senat dem
       CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Sandro Kappe mit, der die rot-grüne
       Stadtregierung mit zahlreichen Anfragen zum Thema löcherte. Aus April 2023
       wurde April 2026. Wann die Anlage tatsächlich fertig wird, ist offen, ein
       neuer Terminplan in Arbeit.
       
       ## Viele Ursachen
       
       Die Verzögerung ist besonders misslich, weil sich Hamburg [2][mit einem
       Volksentscheid besonders ehrgeizige Klimaziele gesetzt hat]: Bis 2030 soll
       der Ausstoß an Klimagasen um 70 Prozent, bis 2040 auf nahezu null gesenkt
       werden. Ob der nötige Fahrplan zur Senkung der Emissionen eingehalten wird,
       soll jährlich überprüft werden. Trotzdem beruhigt der Senat: „Im Rahmen des
       [3][Konzepts zur Ablösung des Kohlekraftwerks Wedel] ist das ZRE ein
       ergänzender Baustein, jedoch nicht dessen tragende Säule.“
       
       Warum der Bau länger dauert und die Kosten steigen, erklärt der Senat mit
       einem Bündel von Faktoren. Eine Unternehmensberatung habe drei zentrale
       Treiber festgestellt: nicht vollständig erfasste Personalkosten, eine
       erhöhte Risikovorsorge sowie „erhebliche zusätzliche Kosten aus
       Mehraufwendungen im Projektverlauf sowie aus Maßnahmen zur Stabilisierung
       und Gegensteuerung“.
       
       Darunter fallen Nachtragsforderungen, was pikant ist. Denn in seinem
       aktuellen Bericht moniert der Rechnungshof, dass der Senat, entgegen seiner
       seit mehr als zehn Jahren verkündeten Absicht, das Nachtragsmanagement
       nicht ausreichend professionalisiert habe.
       
       ## Mehrkosten durch die Bauzeitverlängerung
       
       Konkrete Probleme habe es durch das Bauen im Bestand der bisherigen
       Müllverbrennungsanlage am Standort gegeben, durch die Umnutzung bestehender
       Gebäude, zusätzliche Anforderungen bei der Pfahlgründung und fehlende
       Genehmigungen.
       
       Warum der Aufsichtsrat nichts davon mitbekam, dass die Projektsteuerung
       schieflief, wird in den nächsten Monaten zu klären sein. Zu dem
       zwölfköpfigen Aufsichtsrat zählen neben Senatorin Fegebank zwei ihrer
       Mitarbeiter sowie einer der Finanzbehörde. Dazu kommen je ein Vertreter der
       Handelskammer und des Mietervereins sowie sechs Arbeitnehmervertreter.
       
       „Aufgabe des Aufsichtsrates ist nicht nur, dem Vorstand zu vertrauen“, sagt
       der CDU-Abgeordnete Kappe. Er müsse sich in die Sache einarbeiten. „Ein
       Aufsichtsrat kann nicht sagen, es sei ihm nicht aufgefallen, dass ein
       Projekt 300 Millionen Euro teurer geworden ist“, findet Kappe. Dabei stelle
       sich für die CDU auch die Haftungsfrage. Geprüft wird jedenfalls, ob die
       Geschäftsführer und der Projektleiter haftbar gemacht werden können. Die
       CDU hat umfassende Akteneinsicht beantragt.
       
       Kappe verweist in dem Zusammenhang auf einen weiteren Kostenskandal im
       Bereich der Umweltbehörde: die Klärschlammaufbereitungsanlage Vera II, wo
       sich die Kosten zwischen 2018 und 2024 von 146 auf 325 Millionen Euro mehr
       als verdoppelten. Kappe fragt sich, was der Senat aus dem Fall Vera II
       gelernt habe.
       
       ## Die Verantwortlichen blieben unter sich
       
       So hatte das Projekthandbuch für Vera II einen Lenkungskreis als
       Steuerungsinstrument vorgeschrieben, der aber zwei Jahre lang ausgesetzt
       war und erst wieder einberufen wurde, als das Kind schon in den Brunnen
       gefallen war. Beim ZRE wurde die Lenkungsgruppe Ende 2022 zum letzten Mal
       einberufen und auf Veranlassung des damaligen technischen Geschäftsführers
       durch Jour-Fixe-Termine des Geschäftsführers mit der Projektleitung ersetzt
       – die operativ Verantwortlichen blieben unter sich.
       
       Kappe kritisiert auch, dass der ehemalige Umweltstaatsrat und
       Aufsichtsratsvorsitzende Michael Pollmann von den Grünen ein Jahr nach
       seinem Ausscheiden einen Beratervertrag bei der Stadtreinigung für das ZRE
       bekam. Für ihn sieht das nach einer Gefälligkeit der Stadtreinigung aus.
       
       Dem Hamburger Abendblatt zufolge hatte Pollmann einen sozusagen
       diplomatischen Job: Er sollte den Nachbarlandkreis Pinneberg davon
       abhalten, ebenfalls eine Müllverbrennungsanlage zu bauen und damit eine
       Konkurrenz zu schaffen.
       
       Stephan Jersch (Die Linke) vermutet mit Blick auf weitere kostenmäßig
       eskalierte Projekte der vergangenen Jahre, dass die Hamburger Betriebe ihre
       Vorhaben bisweilen auf die leichte Schulter nähmen. „Die Projektsteuerung
       muss dem Projekt angemessen sein“, sagt Jersch. „Ich bin sicher, dass wir
       eine Art Projekthandbuch bekommen, sodass sich nicht jeder in der Stadt
       selbst was zurechtbastelt.“
       
       25 Jun 2026
       
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