# taz.de -- Die Wahrheit: Immer bereit zum Ouzo
> Mit sehr viel Fleisch und ein wenig kostenlosem Alkohol haben die
> Griechen ganz Ostdeutschland erobert.
(IMG) Bild: Wer würde mit diesen wunderbaren Menschen keinen Schnaps trinken wollen?
Im Diskurs über den Problemosten wurde bisher komplett vernachlässigt, dass
im Laufe seines statistisch immer noch leicht verkürzten Lebens der
Provinzossi häufiger beim Griechen speist als beim Italiener, Chinesen,
Inder, Japaner, Franzosen, Georgier, Russen, Koriander und Paprikaner
zusammen. Eine Kleinstadt in Sachsen-Anhalt verfügt – nach vorsichtigen
Schätzungen – mindestens über vier Griechen. Rechnet man die Griechen in
den umliegenden Dörfern dazu, wird die Zahl der Griechen schnell verdoppelt
bis verachtfacht. Was uns zu der These verleitet, dass nirgendwo sonst auf
der Welt, außer eventuell noch in Griechenland, es so viele Griechen gibt
wie in Ostdeutschland. Selbst die sonst so verlässlich fremdenfeindliche
AfD in Sachsen-Anhalt hat in ihrem „Regierungsprogramm“ für die Zeit nach
der Machtergreifung kein patriotisches Küchenkonzept gegen die
Übergriechung aufgestellt. Aber mit welchem trojanischen Pferdebraten ist
den Griechen nach dem Zusammenbruch der DDR der größte Eroberungsfeldzug
seit Alexander dem Großen gelungen?
Irgendein listiger Küchenodysseus kam auf die Idee, die übliche Portion
Fleisch zu kombinieren mit einer Portion Fleisch und das dann noch zu
ergänzen mit Fleisch. Die Wissenschaft von der Gastronomie spricht hierbei
von einem „konsequenten Fleischfokus“. Wurde der DDR-Bürger einst vom
Kellner angeschnauzt wie auf dem NVA-Kasernenhof, beginnt der typische
Abend beim Griechen mit dem Handschlag an der Tür. Diese Geste der
Vertraulichkeit, als wäre man ein alter Freund und nicht eine Brieftasche
auf zwei Beinen, war seelischer Balsam für den Ostdeutschen, der sich ja
schon bald nach der Wende von Kohl, der Treuhand – und den blöden Wessis
sowieso – belogen und betrogen wähnte; statt blühender Landschaften gab es
wenigstens Tempelsäulen aus Pappmaché, Adonisse aus Gips und einen feuchten
völkerfreundschaftlichen Händedruck, um dem Alltag zu entfliehen.
## Speisekarte in der Zeugnismappe
So empfangen werden wir sofort und unverzüglich platziert. Zu DDR-Zeiten,
am Eingang einer HO-Gaststätte, konnte dieser Vorgang auch mal dauern, man
lernte eine Frau kennen, gründete eine Familie, bekam Kinder und starb oft,
bevor man platziert wurde. Beim Griechen sind jedoch immer genügend Plätze
vorhanden, in diesen hallenartig großen, immer auf Quantität kalkulierten
Lokalen mit einer Fläche eines Fußballfeldes, sodass man sich setzen darf
in Erwartung dessen, was nun folgt wie das einstige „Immer-bereit“ auf das
„Seid-bereit“, nämlich der Ouzo. Der Ouzo ist das Begrüßungsgeld unter den
Alkoholika. Man freut sich gleich, dass man einfach so etwas geschenkt
bekommt, nur weil man erschienen ist. Am besten wird der Ouzo freilich
gleich geext, solange die Kälte den Eigengeschmack des Getränks halbwegs
unterdrückt.
Auf nüchternen Magen entfaltet er seine beste Wirkung und lässt einen die
Frauentagsfeier am Nebentisch links und die
Jungessellenkindergeburtstagsbeerdigungsgesellschaft rechts, bei der gerade
die Eisbecher mit brennenden Wunderkerzen eintreffen, mit fast griechischer
Langmut betrachten. Wir halten die schweren, an Zeugnismappen erinnernden
Kunstlederspeisekarten in der Hand mit den nummerierten Gerichten bis in
den dreistelligen Bereich, die eine Variation des Immergleichen aus
Souflaki, Suzuki, Gyros und Paidakia sind – darauf einen Absacki. Und seit
Homer bestehen die Beilagen aus Pommes und einem kleinen Hügel Tomatenreis.
Trotzdem nehmen wir uns viel Zeit bei der Auswahl eines Gerichtes und
bestellen schließlich die Nummer 158, wie jedes Mal. Wie diese Nummer
zustande gekommen ist, weiß Zeus allein, denn so viele Gerichte haben
selbst die ostdeutschen Griechen nicht zu bieten. Oder gibt es noch eine
geheime Speisekarte, aus der die 158 entschlüpft und auf der Karte für uns
Normalsterbliche gelandet ist, während in irgendwelchen Hinterspeisezimmern
der untote Egon Krenz, hochrangige Ex-Stasileute und Holger Friedrich sich
was bestellen können bis rauf zur diabolischen Nummer 666?
## Entjungfert vom Knoblauch
Bevor wir bei unserer Recherche nun diese ganz bratfettheiße Spur
aufnehmen, bestellen wir uns lieber noch ein Schälchen Tsatsiki. Vor 89
mied die ostdeutsche Küche den Knoblauch wie Graf Dracula. Knoblauch galt
als „der Russe“ unter den Zutaten, mit dem man zwar befreundet sein sollte,
ihn dann aber doch nicht riechen konnte, entgegen allen nachträglichen
Beteuerungen, die man neuerdings in der Ostdeutschen Zeitung serviert
bekommt. Dem Griechen, mit der Lizenz zum Knoblauch, verdankt der
Ostdeutsche seine Knoblauchentjungferung.
Prompt kommt auch schon der obligatorische Salat, der mit einer rötlichen
Soße in Mayonnaisekonsistenz übergossen wurde, damit man nicht gleich
erkennt, dass es sich neben ein paar zerrupften Salatblättchen um einen
pupsigen Krautsalat handelt, den man auch nie vollständig verzehrt, weil
man schließlich noch Platz haben will für die alsbald folgenden circa drei
Kilo Fleisch; nicht auszudenken, wenn man die durch zwei, drei Gabeln zu
viel vom gesunden Grünzeug nicht bewältigen würde. Man sollte Prioritäten
setzen!
## Käse überbacken mit Käse
Zeit wird es, das Gaumengeheimnis hinter der Nummer 158 aufzulösen: Eine
Hackfleischtasche gefüllt mit Fetakäse, auf dessen Oberfläche die
gusseiserne Grillbratpfanne deutlich sichtbare Brandstreifen hinterlassen
hat, die köstliche Röstaromen und auch ein bisschen Krebs versprechen
(siehe oben, Lebenserwartung des Ostdeutschen), aber wahrer Genuss ist nie
ohne Gefahr zu haben. Dieses Bifteki schwimmt in einem kleinen See aus
sahniger Metaxasoße und ist obendrein überbacken mit Käse, der mit Käse
überbacken wurde. Mit jedem Bissen stirbt nun irgendwo still ein Veganer.
Im Namen des Fleisches, des Fetas und des heiligen Fettes, Amen.
Langsam wird uns übel, aber es wird noch einen Ouzo aufgetischt werden,
dessen dürfen wir uns sicher sein. Manchmal gibt es auch noch drei bis acht
von diesen ölgebadeten Hefebällchen in einer Honiglache, die wir mit Wonne
verzehren, auch wenn wir uns an dieser Stelle herzhaft, aber vollends
beglückt übergeben.
25 Jun 2026
## AUTOREN
(DIR) Christian Kreis
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