# taz.de -- Die Wahrheit: Antischreibworkshop
> Als Kind in Sachsen-Anhalt aufzuwachsen, ist nicht leicht, auch nicht
> leicht ist es, Schülern dort beibringen zu wollen, was ein Schriftsteller
> ist.
Ich hatte mich wieder mal für einen Schreibworkshop an einer Schule
beworben, weil ich es als eine wichtige Aufgabe erachte, junge Menschen für
das Lesen von Büchern und für das Schreiben zu begeistern. Das ist – genau
genommen – komplett gelogen, doch wenn man in der Bewerbung zugibt, dass
man mit Kindern nicht so viel anfangen kann, entsteht schnell der Eindruck,
für den Job gar nicht geeignet zu sein.
Ein Kanalarbeiter macht seine Arbeit schließlich auch nicht, weil er sich
für Kacke begeistert. Obwohl es sicher welche geben mag, die da eine
gewisse Neigung entwickelt haben, sollte zumeist Geld die primäre
Motivation sein, sich mit irgendwelchen Kindern zu beschäftigen.
Kinder finde ich ja seit meiner Kindheit anstrengend. Unter anderem sind
sie unangenehm ehrlich, was solche Kurse extrem kräftezehrend macht und
manchmal auch angsteinflößend, wodurch sich dann Schweißränder unter den
Achseln ergeben.
Einmal meldete sich ein Schüler, zeigte auf mein Hemd und rief vollkommen
zu Recht: „Herr Kreis, Ihr Deo hat versagt.“ Sein Banknachbar teilte mir
außerdem mit, dass der Kurs ihm überhaupt keinen Spaß machte. Immerhin
hatten wir nun für unsere weitere Zusammenarbeit wenigstens etwas
gemeinsam.
## Schicksal Sachsen-Anhalt
Das neue Projekt heißt „Kindsein in Sachsen-Anhalt.“ Eine seltsame
Bezeichnung für einen Schreibworkshop. Andererseits, wenn man sich vor
Augen führt, was es bedeutet, in Sangerhausen oder Dessau aufzuwachsen,
kann man es auch schon wieder nachvollziehen. Wem als Kind ein solches
Schicksal beschieden ist, der wird ganz sicher den Drang verspüren, dies
auch literarisch zu verarbeiten.
Dabei sollen ihm Autoren aus Sachsen-Anhalt zur Seite gestellt werden. Ich
weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist. Erfolglose Schriftsteller, die in
diesem Bundesland kleben geblieben sind, ohne didaktische Ausbildung, die
berufsbedingt psychische Probleme haben und nicht selten auch ein
alkoholisches, sollen an Schulen junge Menschen für das Schreiben
begeistern?
7.35 Uhr stand ich völlig kaputt vor der Klasse. Sie fragten mich, ob ich
vom Schreiben leben könne. Ich berichtete wahrheitsgemäß. Eine Schülerin
meldete sich daraufhin, guckte mich mit einem Blick an, der mich entfernt
an den meiner Mutter erinnerte, und fragte: „Wie hält man das bloß aus?“
Ich antwortete: „Mit Bier.“
Dann lachte ich, als hätte ich einen Scherz gemacht. Schließlich saß noch
die Deutschlehrerin in der letzten Reihe, weshalb ich etwas fabulierte von
der Kunst, mit der Freiheit umzugehen, und von den Chancen eines kreativen
Lebens. Schaden anrichten würde es nicht, es war offenkundig, dass mir die
Schüler das überhaupt nicht abkauften.
Zum Abschied bedankte sich die Lehrerin. Sichtlich froh darüber, wie gut
ich ihrer Klasse zeigen konnte, was passiert, wenn man keinen vernünftigen
Beruf ergreift.
21 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Christian Kreis
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