# taz.de -- Die Wahrheit: Bahnfahrt mit Fußballvolksgenossen
> Im Zug unterwegs durch den Osten mit sogenannten Fans und sogenannten
> Fan-Betreuern und sogenannten Sicherheitskräften.
Normalerweise sehe ich sie immer nur von Weitem, wie sie nach einem
verloren gegangenen Spiel das Gemeinwesen tyrannisieren. Nun durfte ich sie
erleben ohne Sicherheitsabstand zwischen mir und ihnen. Keine
Polizeibegleitung im Zug. Verständlich, kein Polizist würde sich das antun,
in eine Bahn mit solchen Fußballvolksgenossen zu steigen. So tollkühn sind
eigentlich nur arglose Bahnkunden, die ohne Vorwarnung mit dieser Situation
konfrontiert werden.
Die Zugbegleiterin schloss sich ein und verzichtete aus Gesundheitsgründen
auf die Kontrolle der Tickets. Wer pfiffig ist, richtet seine Reisepläne an
der Unterliga Ost aus und fährt im Dunst aus Alkohol und Testosteron
kostenlos. Das dürfte an jedem Wochenende zwischen Rostock und Suhl
klappen, weil die Kombination aus sportlicher Erfolglosigkeit, aggressiver
Ostalgie und offenem Rassismus landauf, landab ein Markenzeichen unserer
Fußballregion ist.
Für „Ruhe und Ordnung“ im Zug sorgte die sogenannte Fanbetreuung. Dem
Erscheinungsbild nach zwei geläuterte Ex-Hools, die inzwischen so alt
geworden sind, dass sie offenbar gar keinen richtigen Bock mehr auf
Körperverletzung haben. Man will schließlich rechtzeitig zu Mutti und
Krimi. Für ihre Aufgabe qualifizierte die beiden, dass sie den Kontakt zur
gewalttätigen männlichen Jugend noch nicht gänzlich verloren haben. Ihre
Fähigkeit zur Deeskalation erinnerte allerdings eher an die der
Blauhelmsoldaten kurz vor dem Massaker in Srebrenica.
## Verirrte Rehkitze
Auf den Platz neben mir rettete sich eine weitere, von ihren
Geschlechtsgenossen überforderte Person. Dort saßen wir dann wie zwei
Kaninchen in der Schlangengrube, zwei verirrte Rehkitze vor dem Wolfsrudel,
zwei Täubchen umkreist von Falken. Man ahnt, worauf die Vergleiche
hinauswollen, wir hatten die Hosen gestrichen voll.
Wer der Auffassung ist, dass derzeit ein ungerechtfertigter Männerhass um
sich greift, dem kann ich nur empfehlen, ebenfalls eine Zugfahrt mit Fans
des Halleschen FC, kurz: HFC, zu unternehmen. „Ungerechtfertigter
Männerhass“ kommt einem dann schnell vor wie „weißer Schimmel“, „heißes
Feuer“ oder „salziges Salz“.
Die ausschließlich unangenehm männlich zu lesenden HFC-Enthusiasten, die
mit trendigen Hitlerjugendfrisuren keinen Hehl daraus machten, dass sie
nicht nur Fans des HFC sind, schafften es kurz vor Bitterfeld, den
Rauchmelder im Zug zu aktivieren, woraufhin doch noch die Polizei erschien.
Und was tat der Herr Oberwachtmeister, er führte eine knallharte
Gefährderansprache durch. Hui, jui! In deren Haut will ich jetzt nicht
stecken. Die mussten sich anhören, dass ihr Verhalten mal gar nicht so gut
sei, bevor die Polizei wieder abrückte.
Die Person neben mir reagierte leicht panisch. Etwas mehr Vertrauen in die
Fähigkeit des Staates, uns zu beschützen, sollte man selbstverständlich
aufbringen. Aber könnten wir vielleicht sofort den Zug verlassen!
15 Apr 2026
## AUTOREN
(DIR) Christian Kreis
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