# taz.de -- Energiewende mit Solarthermie: Warmes Wasser von der Sonne
> Strahlungsenergie zur Wärmeproduktion zu nutzen ist viel effektiver als
> die Photovoltaik. In Leipzig ging nun die viertgrößte Anlage der Welt ans
> Netz.
(IMG) Bild: Die derzeit größte Solarthermieanlage Deutschlands in Leipzig
Dirk Panter ist nicht unbedingt als Fan der erneuerbaren Energien
verschrien. „Wir werden in Sachsen gerade in einem Energie-Kulturkampf
zerrieben“, erklärte Sachsens Wirtschaftsminister vor einem Monat. Es geht
um die Windkraft und ihre Gegner: Der Freistaat gehört zu den
Schlusslichtern bei der Stromerzeugung aus der Brise. Diesen Termin aber
wollte sich der SPD-Politiker nicht nehmen lassen: In Leipzig schaltete
Dirk Panter in dieser Woche 13.200 Sonnenkollektoren ans Netz. Die größte
Solarthermie-Anlage in Deutschland: Nach anderthalb Jahren Bauzeit fließt
jetzt die erste Sonnenwärme in Leipzigs Haushalte.
Solarthermie ist die etwas in Vergessenheit geratene kleine Schwester der
Photovoltaik: Die Technologie nutzt die Sonnenenergie nicht zur Herstellung
von Strom, sondern zur Wärmeproduktion. Dabei erhitzen Sonnenstrahlen ein
Speichermedium – zumeist Wasser, weil dies das wirtschaftlich günstigste
und umweltverträglichste ist. Meistens ist dem Wasser noch ein
Frostschutzmittel beigemischt, um die Anlage im Winter zu schützen. In den
Wärmetauschern – den [1][sogenannten Sonnenkollektoren] – wird das
Speichermedium aufgeheizt, in der Leipziger Anlage auf bis zu 110 Grad.
Über das Fernwärmenetz gelangt dann diese Energie in die Haushalte zum
Duschen oder Heizen.
Die Vorteile gegenüber der Sonnenstromproduktion sind enorm: „Pro Hektar
kann Solarthermie etwa 3-mal mehr Energie nutzen als die Photovoltaik“,
sagt Erik Jelinek, Projektleiter bei den Leipziger Stadtwerken. Grund dafür
ist der Wirkungsgrad, denn der von Photovoltaikmodulen ist limitiert:
Selbst Spitzenzellen kommen nur auf 25 Prozent. Das bedeutet: Drei Viertel
der Sonnenenergie verpuffen bei der Photovoltaik. Bei der Solarthermie
steigt der Wirkungsgrad dagegen meistens auf über 50 Prozent: Abhängig von
Kollektortyp, Qualität der Materialien, Ausrichtung oder Dachneigung der
Anlage sind auch Spitzenwerte von bis zu 75 Prozent möglich. Drei Viertel
der Sonnenenergie werden so nutzbar.
## Das Problem mit dem Heizen
Die Leipziger Anlage ist ein wichtiger Baustein [2][des kommunalen
Wärmeplans]: Heizen ist einer der „Hauptsünder“ in der deutschen
Treibhausgasbilanz. Um die gesetzlichen Klimaziele zu erreichen, müssen in
der Bundesrepublik fossiles Gas und Co im Heizungskeller durch
klimaneutrale Energiequellen ersetzt werden. Die im Westen der
Sachsenmetropole errichtete Anlage im Stadtteil Grünau ist fast so groß wie
20 Fußballfelder: 14 Hektar. Ihre 13.200 silbrig glänzenden
Sonnenkollektoren bringen es zusammen auf eine Spitzenleistung von 41
Megawatt. Die Stadtwerke investieren rund 40 Millionen Euro. Rund 16
Millionen Euro sind davon Fördergelder, beispielsweise vom Bund.
Mit der neuen Anlage macht sich Leipzig [3][auf den Weg], den Heiz- und
Warmwasserbedarf der 630.000 Einwohner treibhausgasfrei decken zu können.
Im Sommer soll die neue Anlage ein Fünftel des Wärmebedarfs decken, im
Winter sind es freilich nur wenige Prozent, weil dann die Sonne auf der
Nordhalbkugel weniger Energie liefert.
Deshalb sieht der Leipziger Plan zur Wärmewende weitere klimafreundliche
Projekte vor: Beispielsweise ist [4][eine „Power-to-Heat“-Anlage] geplant,
die überschüssigen Strom aus Wind- oder Photovoltaik in Wärme umwandelt und
ins Fernwärmenetz einspeist. Zudem soll Abwärme aus dem Chemiepark Leuna
nach Leipzig geleitet und genutzt werden. Im Süden der Stadt planen die
Stadtwerke zudem eine weitere Solarthermie-Anlage.
Im jetzt fertig gestellten Solarthermie-Feld West kommen
Vakuumröhren-Kollektoren [5][des Marktführers Ritter zum Einsatz]. Die
Regelungstechnik ermöglicht eine vollautomatische Steuerung der Anlage je
nach Sonne. „Die Technik misst die Sonneneinstrahlung im Kollektorfeld und
steuert entsprechend die Fließgeschwindigkeit des Wassers, welches in den
Kollektoren erhitzt wird“, erläutert Ritter-Projektingenieur Paul Gaspar.
„Je weniger Sonne scheint, desto langsamer fließt das Wasser, um sich zu
erwärmen.“
Im Zuge der Wärmewende ist die Leipziger Anlage nicht das einzige
Solarthermie-Projekt: In Dresden-Räcknitz ging vor einem Jahr eine neue
Solarthermie-Anlage in Betrieb, auch in Potsdam, Mühlhausen oder Greifswald
speist die Sonne schon Wärme ins lokale Netz. Das Fraunhofer-Institut für
Solare Energiesysteme ISE [6][untersuchte gerade die Wirtschaftlichkeit]
von solarer Prozesswärme in der Industrie im Vergleich zur konventionellen
Wärmeversorgung. Dabei erwiesen sich Solarwärme-Systeme in vielen Fällen
wirtschaftlicher als der Betrieb rein fossil befeuerter Systeme zur
Erzeugung von Prozesswärme.
Allerdings haben die Erfolgsmeldungen einen Haken. Während die Photovoltaik
boomt, ist die Nutzung von Solarthermie eher die Ausnahme – und das, obwohl
die Nutzung der Sonne zur Wärmeenergie dreimal so effektiv ist. Im
vergangenen Jahr wurden Anlagen zur Stromerzeugung aus Sonnenenergie mit
16.900 Megawatt neu aufgebaut. Sonnenenergie in Wärme umzuwandeln ist
dagegen weniger gefragt: Im Jahr 2022 lag die neu installierte Leistung
noch bei knapp 500 Megawatt. 2023 sank sie auf 263 Megawatt, im vergangenen
Jahr waren es sogar nur 154 Megawatt.
19 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/heizen-bauen/sonnenkollektoren-solarthermie#gewusst-wie
(DIR) [2] https://www.leipzig.de/umwelt-und-verkehr/energie-und-klima/kommunaler-waermeplan
(DIR) [3] https://waerme-fuer-leipzig.de/start
(DIR) [4] https://zukunft-fernwaerme.de/power-to-heat-leipzig-nord-ost/
(DIR) [5] https://www.ritter-xl-solar.de/anwendungen/waermenetze/leipzig/
(DIR) [6] https://www.ise.fraunhofer.de/de/forschungsprojekte/ship.html
## AUTOREN
(DIR) Nick Reimer
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