# taz.de -- Der Hausbesuch: Er stellt sich allem, was kommt
> Venkatesh P. wohnt in einem überteuerten Mehrbettzimmer. Er arbeitet als
> Küchenhilfe, besucht die Sprachschule. Und träumt von einem anderen
> Leben.
(IMG) Bild: Venkatesh P. teilt sich mit seinem Freund Kavin ein Doppelbett. Für über 500 Euro im Monat
Nach Berlin kam Venkatesh P. zum Studieren. Mit einem Freund, einem Koffer
und zwei Kilo Reis im Gepäck. „Vorsichtshalber“, wie er sagt.
Draußen: Knapp außerhalb der Berliner Ringbahn wohnt Venkatesh im ersten
Stock eines Altbaus in Prenzlauer Berg, zusammen mit fünf Mitbewohnern. Was
alle teilen: ihre Heimat. Die liegt 7.000 Kilometer entfernt, in Indien.
Drinnen: Hinter der Tür ein kurzer Flur, rechts die schmale Küche, der
Tisch steht längs zur Wand. Mit etwas gutem Willen kann man hier zu dritt
sitzen. Auf dem Boden stehen zwei Reiskocher, es gibt Chicken Biryani,
Venkateshs Lieblingsessen, heute weniger scharf: „extra für die Gäste“. Zu
sechst wohnen sie hier, drei Betten im Zimmer links vom Flur, drei im
Zimmer rechts. Für jeden ein weißer Kleiderschrank, ein paar
Kosmetikartikel, ansonsten wenig Persönliches – auf den ersten Blick mehr
Menschen als Möbel. Die Wohnung ist ordentlich, es gibt einen kleinen
Balkon, groß genug für zwei Raucher. Geraucht wird hier aber nicht:
„Rauchen ist ein No-Go für die Familie.“ Venkatesh und Kavin teilen sich
ein Doppelbett. Viele träfe es schlechter, sagt er.
Deutschland: Nach Deutschland kam Venkatesh im März vor einem Jahr, um Data
Science zu studieren an einer Privatuni in Potsdam. „German Engineering“
war ihm ein Begriff, ansonsten wusste er wenig vom Land, in dem er leben
würde.
Indien: Der 28-Jährige wuchs in Pollachi auf, einer kleineren Stadt im
südindischen Bundesstaat Tamil, die dank des tropischen Klimas für den
Kokosnussanbau bekannt ist. Auch die Eltern leben von der Landwirtschaft,
besitzen eine Farm, gehören zur oberen Mittelschicht. Zwischen
Kokosnusspalmen, Kühen, Ziegen und Hühnern verbrachte er mit einer
Schwester dort Kindheit und Jugend. Umgeben von der üppigen Natur
tropischer Regenwälder und den grünen Gipfeln der Westghats. Die Familie
schlief bis zuletzt in einem Raum. Ein eigenes Zimmer hatte Venkatesh noch
nie – allein zu leben, kommt für ihn nicht infrage. Das Gemeinschaftsleben
sei in seiner Kultur verankert, man stellt Fragen, ist neugierig. Dass
Deutsche selbst [1][ihre Nachbarn] nicht kennen, bleibt ihm ein Rätsel.
Wegbegleiter: Im Flieger nach Berlin saß Venkatesh neben Kavin, die beiden
kennen sich seit 15 Jahren. Sie schliefen schon zu Internatszeiten im
selben Zimmer – die Eltern wohnen nur drei Kilometer voneinander entfernt
in Pollachi. Auch heute sitzen die beiden nebeneinander auf der Matratze
des gemeinsamen Doppelbetts. Auf der anderen Seite im Zimmer hat ein
weiterer Mitbewohner seinen Schlafbereich.
An dessen Kopfende hängen zwei Prints, die mit indischen Klischee-Motiven
und dem Slogan „See India“ „fehlleiten“, wie Venkatesh es ausdrückt. Die
Plakate hingen schon beim Einzug da. Venkatesh meint: Die Motive zeigten
eine nicht existente Realität, sie seien „wie die gesamte Wohnsituation:
Resultat einer Marketingmasche“. Am ehesten erinnert ein kleiner Ventilator
auf dem Nachttisch an die Heimat. Außer den Fotos auf seinem Handy hat er
keine Souvenirs von zu Hause mitgebracht. „Dinge bedeuten mir nichts“, sagt
er. Was zählt: Die täglichen Telefonate mit den Eltern per Videocall,
frühmorgens oder kurz vor dem Schlafen, angepasst an die Zeitverschiebung.
System: Venkatesh glaubt, dass die Wohnung schon vorher an indische
Studierende vermietet wurde. Er und sein Freund jedenfalls fanden das
Inserat auf einem Onlineportal, auf dem Vermieter aus Deutschland Plätze in
Mehrbettzimmern anbieten. Pro Bett zahlt jeder 545 Euro, so viel wie andere
für ein WG-Zimmer. Trotzdem, es sei vergleichsweise günstig: Freunde von
Venkatesh wohnen zu fünft für ähnliche Preise in einem
Ein-Zimmer-Apartment. Das alles sei Abzocke, oft bekämen Bekannte aus
fadenscheinigen Gründen auch ihre Kaution nicht zurück. Von Angeboten zur
kostenlosen Rechtshilfe für Mietminderung wüssten sie zwar, Stress mit dem
Vermieter wolle aber niemand. Sie nutzen den Service nicht.
Deutschstunde: Der Wecker klingelt morgens um halb sechs. Pendelt er nicht
zur Uni nach Potsdam, beginnt um sieben die Schicht in der Restaurantküche.
Dort arbeitet er als Küchenhilfe, bereitet Sandwiches vor, presst Orangen
und spült bis 16 Uhr dreckiges Geschirr. Ohne gutes Deutsch sei es schwer,
einen anderen Job zu finden, sagt Venkatesh. Deshalb geht er fünfmal pro
Woche abends zur Sprachschule und kommt nach vier Stunden Unterricht um
halb zehn zurück. Da sitzen andere Studierende schon in Bars. Für ihn aber
bleibt gerade noch Zeit zum Essen und für den Anruf in die Heimat. Dann
wird geschlafen.
Überqualifiziert: Kavin und Venkatesh kochen abwechselnd füreinander;
zwischen Uni, Nebenjobs und Sprachschule bleibt wenig Zeit. Alle hier haben
mindestens einen Bachelor in MINT-Fächern, also Mathe, Informatik,
Naturwissenschaft oder Technik, arbeiten aber überqualifiziert im
Niedriglohnsektor, spülen oder fahren Essen aus. Kavin putzt am Wochenende
schon in den frühen Morgenstunden in einem Berliner Spa, so hat Venkatesh
das Bett ein paar Stunden für sich.
Illusion: Gerade hat er die B1-Deutschprüfung bestanden. Trotz des
Fortschritts fehlt die Sprachpraxis im Alltag. Noch in Indien glaubte er,
[2][an einer großen Uni zu studieren], sprachlich und sozial vom
Campusleben zu profitieren, Teil der Gesellschaft zu werden. Eine Illusion:
Alle Mitbewohner sind an einer Privatuni eingeschrieben. Dass die Uni statt
eines klassischen Campus bloß den zweiten Stock eines Potsdamer
Bürogebäudes belegt und an derselben Adresse noch eine weitere Privatuni
gemeldet ist, irritiert ihn. In Indien waren die Dozierenden engagiert und
unterstützten sie wohlwollend, hier aber sei, außer der Sprache, die
gesprochen wird, „alles sehr deutsch“. Keine persönlichen Beziehungen zu
den Lehrenden, um 16 Uhr ist Feierabend und der Campus leergefegt. Dafür
zahlt jeder von ihnen 15.300 Euro für das Studium.
Missstände: Dass er den gleichen Master problemlos an einer öffentlichen
Uni für ein Zehntel des Preises hätte studieren können, erfuhr Venkatesh
erst nach seiner Ankunft in Berlin. Da waren die Verträge schon
unterschrieben, die Gebühren an Vermittlungsagenturen gezahlt, die das
Bindeglied zwischen deutschen Privatunis, Vermietern und indischen
Studierenden bilden und für ihre Services vierstellige Summen verlangen.
„Fake agencies“, meint Venkatesh, er kommt sich „verarscht“ vor:
Ausgebeutet von einer Infrastruktur, die genau auf indische Studierende wie
ihn abzielt, um Profit aus deren finanzieller Not zu schlagen, in die sie
ihn und seine Kommilitonen zwingt.
Warum die Bundesregierung nichts ändert, vor Ort in Indien nicht
ausreichend Informationen bereitstellt, obwohl sie anwirbt, versteht auch
keiner der Mitbewohner. Ein Freund, der in der gleichen Lage ist wie er,
informiert inzwischen auf Instagram eine große indische Followerschaft über
die Möglichkeiten, die er selbst verpasst hat.
Zugzwang: Wer in Indien bis 30 nicht verheiratet ist, hat es schwer, meint
Venkatesh und lacht: „Verheiratet bin ich gerade mit der deutschen
Sprache.“ Für Dating bleibt inmitten von Mehrfachbelastungen keine Zeit,
die Sprachschule geht vor und die Uni will bezahlt werden. Den Kopf frei
kriegt er sonntags beim Cricket: „Die größte Freude in meinem Leben.“ Stolz
zeigt er das Trikot seines Teams.
Balance: Ein Kuhschädel ziert die Brust des gelb-blauen Trikots, farblich
inspiriert von seinem Lieblingsteam, den „Chennai Super Kings“. Die Kuh
steht für Leben, Fürsorge und Gewaltlosigkeit, gilt traditionell als
heilig, kaum jemand würde sie essen. Generell gilt der Verzehr von Tieren,
die mehr wiegen als ein Durchschnittsmensch, als „ungesund“.
Venkateshs Lieblingstier, der Löwe, steht für Mut. Auch er ziert sein
Trikot. Morgen ist wieder ein Turnier. Auch wenn er sich des Sieges fast
sicher ist, müsse man im Leben auf alles vorbereitet sein, auch auf die
Niederlage. Getreu diesem Motto leben er und Kavin: „Wir stellen uns allem,
was kommt“, sagen sie.
Zukunft Seine Schwester wohnt noch immer im Haus der Eltern, führt ein
kleines Restaurant. Später will Venkatesh mit seiner Familie dort leben.
Und Maschinen mitbringen, die die Arbeit erleichtern, leisten kann er sie
sich hoffentlich dank der Ausbildung in Deutschland. Dann hätte er genug
Zeit, sich um die Eltern zu kümmern. Sie ins Altersheim zu stecken, kommt
für ihn nicht infrage. Da ist sie wieder: die Fürsorge.
Das zeigt sich auch daran, dass er seit Ewigkeiten dieselben fünf Freunde
hat. „Qualität ist wichtiger als Quantität“, sagt er und träumt für einen
kurzen Augenblick vom Farmleben. Da ist Berlin dann plötzlich ganz weit
weg: „no rush, no pollution, only the sound of birds.“ Keine Hektik, keine
Luftverschmutzung, nur das Gezwitscher von Vögeln.
17 Aug 2026
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